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Rechte Gewaltexzesse und brodelnde Gerüchteküche

Der irische Historiker Mark Jones hat sich mit der deutschen Novemberrevolution von 1918/19 befasst

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Noch ehe die Verlage und Redaktionen ihre Schleusen für den Strom der Publikationen über das Weltkriegsende und die deutsche Revolution von 1918 geöffnet haben, erregt das Buch eines jungen irischen Historikers Aufsehen.

• Mark Jones: Am Anfang war Gewalt. Die deutsche Revolution 1918/19 und der Beginn der Weimarer Republik.
Propyläen, 432 S., geb., 26 €.

Mark Jones untersucht die Rolle der Gewalt in der Novemberrevolution als »Gründungsgewalt« der Weimarer Republik. In einer erfreulich freien Sprache erzählt er ausführlich über die Geschehnisse von Kiel über Berlin bis zum weißen Terror gegen die Münchner Räterepublik. Im Mittelpunkt stehen der Putschversuch gegen die Revolution am 6. Dezember 1918 in der deutschen Hauptstadt, der Angriff auf die dort stationierte Volksmarinedivision Weihnachten 1918 sowie die Polarisierung der politischen Fronten am Tag der Beisetzung der Opfer am 29. Dezember, der Januaraufstand von 1919 und der Generalstreik in Berlin im März des Jahres mit dem brutalen Rachefeldzug der Freikorps auf Grundlage des Schießbefehls von Gustav Noske. Ein Glied in der Kette fehlt: der demonstrative Vergeltungsfeldzug gegen die Verteidiger der Bremer Räterepublik, die erste »Reichsexe-kution« gegen einen Bundesstaat, wie sie dann bis 1923 häufiger angewendet wird.

Jones versteht seine Arbeit als Appell an die Deutschen, das kritische Gedenken an die deutsche Revolution in ihr Geschichtsbewusstsein zurückzuholen und zugleich die Belastung der eben errungenen Demokratie durch rechte Gewalt gegen die Revolution zu bedenken. Er macht insbesondere die Geschichtsschreibung der Sozialdemokratie für die große »Verdrängungsleistung« verantwortlich. Diese habe ermöglicht, die Weimarer Republik mit einem rundum guten Deutschland gleichzusetzen, dessen hässliche Kehrseite die folgende Nazidiktatur gewesen sei. In dieser Sicht, so Jones, erscheinen die Führer der Sozialdemokratie als untadelige Verfechter und Verteidiger der Weimarer Demokratie, während deren Rolle als aktive Förderer neuer Formen brutaler staatlicher Gewalt in der Entstehungsphase der Republik marginalisiert werde. Übersehen wurde und werde dabei auch, dass in der Revolution 1918/19 Gewalttraditionen begründet wurden, an die der faschistische Terror in der Endphase der Republik unter anderen Vorzeichen habe anknüpfen können. Jones hebt hervor, die Revolution sei anfänglich ohne eine einzige Gräueltat als Begleitmusik ausgekommen. Brutale Gewalt sei erst durch die Konterrevolution eingesetzt und verursacht worden. Wo Gewalt von Revolutionären ausging, sei sie Teil der Gewaltspirale gewesen, die von der gewalttätigen Politik der SPD-Regierung in Gang gesetzt worden war.

Überzeugend ist das vom Autor gezeichnete Psychogramm der Zeitgenossen, bei dem leider den Befindlichkeiten der Revolutionäre weniger Aufmerksamkeit zukommt als jenen Bevölkerungsteilen, die für die antikommunistische Gräuelpropaganda empfänglich waren. Sie denunzierten vor allem Karl Liebknecht als Gräuelfürst einer breit ausgemalten, angeblich bevorstehenden Schreckensherrschaft. Die Presse von techtsaußen bis zum sozialdemokratischen »Vorwärts« kolportierte zahllose Falschmeldungen und Gerüchte, die Angst und Schrecken schürten und damit für eine Massenbasis sorgten, die bereit war, die im Dezember einsetzende Gewalt der »Regierungstruppen« des Rates der Volksbeauftragten als Befreiung von einem Albtraum zu empfinden und den gnadenlosen Noske als Helden zu feiern. Selten konnte man ein so eindrückliches Abbild des sich während der Revolution austobenden blutrünstigen Antikommunismus betrachten. Jones spitzt zu: In den Gräueltaten der Freikorps wurde der Pakt zwischen Friedrich Ebert und der kaiserlichen Heeresleitung mit Blut besiegelt.

Zu Recht betont der Autor die Errungenschaften der Revolution und der Weimarer Republik, aber ihr Bild bleibe ohne die Erinnerung an die Gewalt während ihrer Geburt unvollständig. Es sei notwendig, die Gräuel und die Opfer sowie die Täter und deren politische Hintermänner zu benennen. Unser Verständnis der deutschen Revolution werde sich dadurch nicht grundsätzlich ändern, wie Richard Evans, der renommierte Geschichtsprofessor in Cambridge, in seinem auf dem Buchcover abgedruckten Urteil meint. Jedoch: Revolutionsgeschichte nur als eine Gewaltgeschichte zu schreiben, verwischt teils die politischen Fronten während der Revolution. Mitunter entsteht der Eindruck, als habe die Spartakusgruppe um Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg mit einigen Sympathisanten in der USPD allein gegen alle gestanden. Der Fokus auf Gewalt und Angst sowie die Kraft einer brodelnden Gerüchteküche und dadurch bewirkte Autosuggestionen lenkt von politischen Strategien der Revolutionäre ab.

Die letztlich apodiktische Behauptung von Jones, »Gewalt und negative Mythen« seien die »wirklichen Gründungspfeiler der Republik«, die sich nach der Stadt nannte, in der die Nationalversammlung deren Verfassung ausarbeitete, wird sicher Debatten anregen. Gespannt darf man sein, ob deutsche Historiker der deutschen Revolution in deren 100. Jahr ebenfalls Aufmerksamkeit schenken werden.

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