Irgendwie albanisch

Entdeckungen im Alltag des jüngsten europäischen Landes.

  • Von Michael Müller
  • Lesedauer: 7 Min.

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An der Hafenpromenade von Durrës stürmt seit Jahrzehnten der Freiheitskämpfer voran: Ihm bleibt noch einiges zu tun. Fotos: M. Müller
An der Hafenpromenade von Durrës stürmt seit Jahrzehnten der Freiheitskämpfer voran: Ihm bleibt noch einiges zu tun. Fotos: M. Müller

Selbst geübte Reisende neigen zu voreiligen, vor allem induktiven Schlüssen. Da stoßen sie in einem Ort auf mehrere junge Damen mit eckigen Sonnenbrillen und folgern flugs, dass die meisten Frauen in diesem Land solche irren Gestelle trügen. Da ist ein Polizist freundlich zu ihnen, und damit hat das Land eben freundliche Polizisten, oder - nach dem gleichen Schluss - griesgrämige Kellner, gut geputzte Schuhe oder einen ausgefallenen Musikgeschmack, wenn aus einem einzelnen Fenster mal Schönbergs Kammersymphonie Nr. 1 rieselt. Mit derartigem Insiderwissen werden daheim dann Freunde und Verwandte bei Fotoabenden in ehrfürchtiges Staunen versetzt; mancher ist auch ein bisschen genervt.

Mutter Teresa und Ferid Murad in einem Tiraner Hotelfoyer
Mutter Teresa und Ferid Murad in einem Tiraner Hotelfoyer

Zum Reisen gehört natürlich die Hoffnung auf, mitunter auch die Jagd nach dem ganz Besonderen. Doch dabei sollte man versuchen, die eigene Fantasie etwas zu zügeln, die Dinge möglichst realistisch zu sehen, sich nicht in die Tasche zu lügen. Denn nur die echten Entdeckungen wecken auf Dauer Freude. Und einige führen nicht selten auch auf die Lebensumstände des Entdeckers zurück, ja, reflektieren mitunter sogar ihn selbst.

»Für solche Entdecker gibt es in unserem kleinen Albanien viel zu tun«, meint Sevian Pano, 34. Er betreibt an der Rruga Vangel Toçi von Durrës, der größten Hafenstadt des Landes, einen Buch- und Zeitungsladen, auch mit Musikverkauf aller Art. Neben ihm gibt es einen Friseur und eine Boutique auf der einen, ein Anwaltsbüro und ein Imbisslokal auf der anderen Seite; gleich an der Ecke heißt ein Café nach Che Guevara.

Keiner derer, die hier um die Mittagszeit flanieren, plaudern, etwas essen und trinken, ist älter als 30. Albanien ist das jüngste Land Europas. Aber das sei nur die halbe Wahrheit, sagt Sevian. »Eigentlich wären wir noch jünger, denn fast jedes Mädchen und jeder Junge will nach Schul- oder Uniabschluss ins Ausland. Und viele schaffen es, zumindest für ein paar Jahre.« Er sei auch schon vier Jahre in Italien gewesen, erzählt er, habe aber jetzt Frau und zwei Kinder. »Und wir sind ganz zufrieden.« Der Juventus-Turin-Fan spricht übrigens nicht nur Italienisch, sondern, wie hier heute fast jeder seiner Generation, auch Englisch, zumindest ein bisschen.

Ja, es kämen »von den verlorenen Töchtern und Söhnen«, die ab 1991 aus der gerade zusammengebrochenen »gespenstischen, letzten stalinistischen Bastion Europas« zu Hunderttausenden in den Westen flohen, mehr und mehr zurück. So beschreibt es, ohne Zahlen für Durrës zu nennen, Mirela Kapllani, 32, aus der Stadtverwaltung. Denn es mag tatsächlich verlockend sein, mit dem ersparten Euro, Pfund oder Dollar in der Heimat, in der jetzt gespenstischer Kapitalismus herrscht, sein Glück zu versuchen. Die Kehrseite davon ist, dass die Devisentransfers albanischer Gastarbeiter aus dem Ausland schrumpfen und dass so mancher zurückgekehrte Glücksritter daheim bald Pleite macht. Albanien gilt nicht nur als das jüngste, sondern nach Kosovo auch als das zweitärmste Land Europas.

Doch das alltägliche Leben relativiert die Statistik mitunter. In Albanien tut es das in augenscheinlich positivem Sinne. Es lebt sich hier nicht ärmlicher, sondern eher flotter als bei den Nachbarn, etwa in Mazedonien, Montenegro, Bosnien-Herzegowina oder gar Kosovo. In der Hauptstadt Tirana fahren so viele Mercedes herum wie auf dem Balkan sonst nur in Bukarest. Nicht nur die Straßen, auch die Restaurants sind abends gut gefüllt. Hausfassaden bunt aufzupeppen scheint sich landesweit zu einem Trend zu entwickeln. »Ich mache das hier schon fast drei Jahre lang«, erzählt Elvin Bianku, 27, den wir in Durrës an einem Platten-Eckladen treffen, dessen Tür und Fenster er gerade punkig umrandet. Er habe einen Abschluss als Grafikdesigner, verdiene damit aber nur die Hälfte seines Lebensunterhalts. Die zweite finanziere er mit Malen und Sprayen, »was mir letztlich mehr Spaß macht, als vor dem Rechner zu hocken«, räumt er sofort ein.

Ein Bummel durch Durrës ist also für viel Alltagsentdeckungen gut. Und noch weitere wären da zu nennen: im Hafen die TAKRAF-Kräne »Made in GDR«; das in den 1970er Jahren zufällig entdeckte und immer noch nicht vollständig ausgegrabene römische Amphitheater mit 20 000 Plätzen; eine Uferpromenade mit einem martialischen bronzenen Freiheitskämpfer, vor dem wohl noch viel Kampf liegt, denn auch den zügellosen Hotel- und Wohnhausbaus mit viele Investruinen hat er nicht abwehren können; schließlich die Stelle am Kai ganz in der Nähe, von der aus 1914 der deutsche Prinz Wilhelm zu Wied seine Karriere als Fürst von Albanien starten wollte, die dann allerdings im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser fiel.

Viel zu erleben gebe es für Entdecker - Buchhändler Sevian hat nicht zu viel versprochen. Dies aber nicht nur in Durrës, sondern landesweit. Da ist diese inspirierende Mischung aus rauen Gebirgen, weiten sanften Hochtälern und Mittelmeerküste. Und da sind vor allem diese Albaner selbst. Seit zwei Jahrtausenden siedeln sie hier in einer oft geheimnisumwobenen Ecke. Nämlich im Windschatten südosteuropäischer Großmachtpolitik von Römern, Byzantiner und Osmanen, von Venezianern und Italienern, von Russen, später Jugoslawen, dann von Sowjets und Chinesen. Und sie haben sich dabei sogar ihre unikale Sprache bewahrt, die zu keiner anderen linguar-indoeuropäischen Großfamilie gehört.

Es war und ist eine Art von Für-sich-sein, auch Dauerisolation. Das bringt natürlich die eine oder andere Merkwürdigkeit hervor. Zum einen sei da eine gewisse Naivität Fremden gegenüber, räumt Elvana Ahmeti, 42, Soziologiedozentin an der Uni Durrës, ein. Zum anderen sei da aber auch ein übertriebener Hang, als weltläufig zu gelten.

Für erstes verweist sie exemplarisch auf den »Pyramidenskandal« Ende der 1990er Jahre. Da waren Hunderttausende auf dubiose ausländische Anlagefonds hereingefallen, die zweistellige Renditen in kürzester Zeit versprachen. Viele Albaner verloren ihr karges Vermögen. Das andere werde, so Ahmeti, etwa in dem Bestreben deutlich, Albanien in Öffentlichkeit und Schulbüchern geradezu krampfhaft mit international bekannten Großtaten und -menschen in Verbindung zu bringen.

Ausländer finden das oft bizarr bis ulkig. Doch irgendwie schwingen da gewisse Möchtegernallüren mit, die auch nicht wenigen Albanern unangenehm sind. Hier ein eher amüsantes Beispiel: Ein Tiraner Hotel hat seine Foyerwände mit Fotos internationaler Promis geschmückt, die, wie es heißt, eine albanische Vita hätten. Unter anderem hängen da Mutter Teresa und Ferid Murad. Erstere, sogar selig gesprochen, war Friedensnobelpreisträgerin. Der zweite, ein Professor, bekam 1998 den Medizinnobelpreis. Da sein Name, sicher zu Unrecht, weniger bekannt ist, preist der Bildtext ihn ausführlich als Grundlagenforscher für die »Viagra«-Pille.

Die Nonne und der Viagra-Vater eng an eng ist eigentlich schon Witz genug. Doch der geht mit den vermeintlich engen albanischen Bindungen weiter. Murad wurde 1936 in den USA geboren, wohin sein Vater in den 20er Jahren ausgewandert war, und zwar aus dem mazedonischen Gostivar. Ähnlich liegt der Fall bei Anjeze Gonxha Bojaxhitu, der späteren Mutter Teresa. Sie ist im osmanischen Üsküp, der heutigen mazedonischen Hauptstadt Skopje, geboren worden.

Natürlich hängt kein Porträt Enver Hoxhas in dieser Hotellobby; des Mannes, der Albanien über mehr als vier Jahrzehnte zu einer Art europäisches Nordkorea gemacht hatte. Mit ihm lässt sich, bis auf den Gruseleffekt vielleicht, besonders Ausländern gegenüber kaum punkten. Es gibt öffentlich auch keine Hoxhabilder oder -Denkmäler, sieht man von den Abertausenden noch herumkauernden Minibunkern ab, die der Möchtegern-Stalin bis in die 1980er Jahre hatte bauen lassen.

Doch der Geist des großen Genossenkillers in der Mimikry eines Kommunisten-, Partisanen- und Staatsführers ist nicht in einer fest verschlossenen Flasche. Als 2011 die erste große Hoxha-Biografie eines albanischen Autors erschien, wurde sie nicht nur zum grandiosen Bestseller. Sie wanderte in einigen Städten auch auf öffentliche Scheiterhaufen. Das Feuer hatten nicht alte Hoxha-Getreue, sondern vor allem junge Nationalisten geschürt, die in jedwedem Angriff auf den »Eisernen« einen Angriff auf die albanische Nation sehen.

Auch auf solche Entdeckungen können deutsche Reisende in Albanien stoßen. Und sie sollten da weder vorschnelle Schlüsse ziehen noch die Nase rümpfen. Denn bestimmte böse Geister drängen auch bei ihnen zu Hause aus der Flasche.

Infos

Tourismus-Association Visit Albania:
www.albania.al

Literatur:
Meike Gutzweiler: »Albanien – Handbuch für individuelles Entdecken«, Reise Know-How Verlag, Bielefeld, 2012,

Blendi Fevziu: »Enver Hoxha – the Iron Fist of Albania«, I. B. Tauris Verlag, London und New York, 2016,

Konrad Clewing, Oliver Jens Schmitt (Hg.): »Geschichte Südosteuropas«, Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, 2012,

Ismail Kadare: »Der zerrissene April«, Roman, Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt a. M., 2003.

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