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Wo die Jugend so um die 50 ist

Mecklenburg-Vorpommern: Was hat die Kreisreform kleinen Orten wie Zudar gebracht? Die Probleme wurden eher verschärft, sagen Experten

  • Von Martina Rathke, Greifswald
  • Lesedauer: 5 Min.

»Wo eine Kirche ist, ist auch eine Kneipe.« Erhard Sponholz streicht mit der Hand über den Tresen in seiner Gaststätte »Am Tollow« und wischt die dünne Staubschicht vom Holz. Das alte Gesetz, das wie festzementiert über Jahrhunderte auf den Dörfern galt, hat in Zudar auf der Insel Rügen seine Grundlage verloren. Die Dorfgaststätte, wo einst 4 cl Goldkrone einen Euro oder Gulasch mit Rotkohl und Klößen 8,50 Euro kosteten, schloss Sponholz vor fünf Jahren. Lange hatte er noch einen Nachfolger gesucht. Vor einem Jahr gab er die Suche auf. Der 68-Jährige strich dann die Fassade seines Hauses, das seine Frau einst von ihren Eltern geerbt hatte, neu an. Ab und zu vermietet er den Saal für einen Leichenschmaus oder - wie zuletzt im Februar - an die Jugend für eine DDR-Party.

Wenn Sponholz von »Jugend« spricht, meint er die etwa 50-Jährigen. Zudar ist ein kleiner Ort mit etwa 350 Einwohnern im Süden der Insel Rügen. Seit der Wende verlor das Dorf etwa die Hälfte seiner Bewohner. Die Jugendlichen zog es in den Westen oder in größere Städte. Die Älteren blieben. »Wenn unsere Generation weg ist, gibt es keine Einheimischen mehr«, sagt Sponholz.

Vielen kleinen Orten in Mecklenburg-Vorpommern geht es wie Zudar. Während Kommunen mit zwischen 5000 und 10 000 Einwohnern überdurchschnittlich wachsen, sind vor allem die Gemeinden mit unter 2000 Einwohnern von Schrumpfung betroffen, sagt der Greifswalder Wirtschaftsgeograf Helmut Klüter. »Die Annahme aber, dass der gesamte ländliche Raum stirbt, stimmt nicht.« Kleine Landstädte, Dörfer an wichtigen Verkehrsadern wie der A 20 oder die Seebäder seien attraktiv für Zuwanderer. Dort sei das Wanderungssaldo positiv. »Wir müssen Stereotype relativieren und den ländlichen Raum differenziert betrachten.«

In Zudar ist der Dorfladen - ein Konsum - seit der Wende dicht. Es gibt weder Bäcker, Fleischer noch Schule. Nur die Kirche ist noch offen. In den nächstgrößeren Ort Garz kommen die Dorfbewohner - wenn sie kein Auto besitzen - nur mit dem Bus. In den Ferien wird selbst das problematisch, weil die Schulbusse wegfallen und der einzige Bus um 6.41 Uhr an der Haltestelle am Dorfanger stoppt. Wer dann zum Einkaufen oder zum Arzt in die Stadt müsse, frage einen Bekannten, sagt Sponholz. Wer es sich leisten kann, nimmt ein Taxi.

Der Aderlass, von dem Sponholz berichtet, vollzieht sich nahezu unsichtbar: Denn die Häuser in Zudar sind fast alle saniert. Die schönsten von ihnen allerdings - wie das »Dycke Haus« - sind Zweitwohnsitze, die nur im Sommer bewohnt werden. »Dann kommen Herr Rechtsanwalt Soundso und Doktor Soundso aus dem Westen«, berichtet der frühere Gastwirt.

Diese Einwohner auf Zeit spielen aber in den Statistiken bislang keine Rolle. »Sie werden weder bei der Berechnung der Einwohnerzahlen noch bei den Schlüsselzuweisungen an die Gemeinden berücksichtigt«, kritisiert Klüter. Dies sei fatal, weil die Gemeinden die Infrastruktur vorhielten. Besonders für Vorpommern, wo zwei Drittel der touristischen Wertschöpfung des Landes generiert werde, sei dies problematisch. In Schweden beispielsweise würden die Sommerhausgebiete im Norden des Landes durch die Umlagen der reicheren Städter finanziert. Ein mögliches Modell für Mecklenburg-Vorpommern?

Obwohl Zudar auf der Insel Rügen und damit in einer touristisch gefragten Region liegt, profitiert der kleine Ort nicht so stark von den Urlaubern. Der Tourismus komme in dem Hinterlanddorf nur im Hochsommer an, wenn die Badeorte Binz, Sellin oder Göhren vor Urlaubern überschwappen, berichtet Sponholz.

In der Umgebung des Ortes fehlten gut bezahlte Arbeitsplätze, nicht nur im Tourismus, sondern auch in der Landwirtschaft. »Von den Jungen, die nach der Wende gingen, kommt keiner wieder«, sagt Sponholz. Anfangs seien sie noch zu Weihnachten auf Heimatbesuch gekommen. Am zweiten Weihnachtsfeiertag sei dann seine Gaststätte bis auf den letzten Platz gefüllt gewesen. »Doch wenn Oma, Opa oder die Eltern sterben, bricht die Bindung an den Ort ab.« Was passiert mit den Dörfern? Werden sie verschwinden? »Das entscheiden die Menschen«, sagt der Wirtschaftsgeograf Klüter. »Institutionen können die Entwicklung steuern.« Mecklenburg-Vorpommern sei das Bundesland mit dem höchsten Zentralisierungsgrad in Deutschland. Die SPD/CDU-Landesregierung müsse die Entwicklung korrigieren, wieder dezentralisieren - auch wenn es Geld koste. »Artikel 3 des Grundgesetzes garantiert die Menschenrechte für alle, auch für die Bewohner ländlicher Räume«, betont der Wissenschaftler. Hohe Mieten in Großstädten, geringe Grundstückspreise auf dem Land, gekoppelt mit einer vernünftigen Breitbandversorgung machen das Leben auf dem Dorf attraktiv für Zuwanderer. Klüter sieht Chancen für das Dorf, spricht von den »Gärten der Metropolen«.

Zudar liegt im Wahlkreis von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Bei ihren Wahlkampfauftritten im Sommer in ihrer politischen Heimat hat Merkel rhetorisch immer wieder die ländlichen Räume in den Fokus ihrer Reden gerückt und die Anstrengungen des Bundes etwa für eine flächendeckende Breitbandversorgung betont. Auf Rügen werden seit März die ersten Kabel für ein schnelles Internet verlegt.

Die Lebensbedingungen in Deutschland seien so unterschiedlich wie noch nie, erklärte Merkel. »In Großstädten finden die Menschen keine Wohnung mehr, in ländlichen Regionen keinen Arzt.« Neben dem Breitband-Internet nannte Merkel einen zuverlässigen öffentlichen Personennahverkehr und die ärztliche Versorgung als die größten Herausforderungen auf dem Land. Doch nach den geplatzten Berliner Sondierungsgesprächen ist es offener denn je, ob und wie der Bund ländliche Regionen unterstützen will und damit einer Spaltung der Gesellschaft entgegenwirken kann. dpa/nd

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