Der Mann, der den 360-Grad-Klang erfand

Der US-amerikanische Gitarrist, Komponist und Sänger Jimi Hendrix wäre heute 75 Jahre alt geworden

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Die Zähmung und Kanonisierung des Sperrigen und Unversöhnlichen ist seit je eine Aufgabe der Kulturindustrie: Den Gegenwärtigen gilt der Musiker Jimi Hendrix, der an diesem Montag 75 Jahre alt geworden wäre, als »Gitarrengott Nummer 1« (»Bild«), als »der größte Gitarrist des 20. Jahrhunderts« (»Spiegel«) beziehungsweise als »Rocklegende« (»Die Welt«).

16 Jahre alt war der aus zerrütteten, ärmlichen Familienverhältnissen stammende Junge, als er von seinem Vater eine elektrische Gitarre geschenkt bekam. 1965 fand er sich in der Band des Rock’n’Rollers Little Richard wieder. 24 Jahre war er, als er seine Karriere als ebenso eigenwilliger wie wegweisender Musiker begann und eigene Blues- und Rockbands gründete, zuerst eine unter dem Namen Jimmy James & The Blue Flames, später die, die ihn berühmt machte: The Jimi Hendrix Experience, die »Jimi-Hendrix-Erfahrung«.

Es konnte vorkommen, dass er auf zwei Gitarren gleichzeitig gespielt oder das Instrument mit der Zunge, den Lippen oder den Zähnen bearbeitet oder es auf der Bühne zerstört hat. (Seinerzeit musste ein solches Bühnengeschehen als sublimierte Rebellion verstanden werden. Heute hingegen würde man sagen: Der Mann versteht etwas von Branding.) Und er hat das Feedback - Töne, die durch unerwünschte Rückkopplung entstehen - als einer der ersten Rockmusiker so eingesetzt, dass das Fiepen, Pfeifen, Rauschen und Knistern, all jene Klangereignisse und Geräuschexzesse, die lange Zeit als bloßer strukturloser Lärm, als unerwünschte, die Harmonie eines Musikstücks störende Nebeneffekte missinterpretiert und denunziert worden waren, integraler Bestandteil des Musikstückes wurden, der auch als solcher gemeint war.

Man hatte sich auf den Weg in die Zukunft gemacht: Das klangliche Spektrum der Rockmusik zu erweitern, aufzuzeigen, dass sie als subversive Kunstform, die sie zu Hendrix’ Zeit noch war, noch nicht ausgedient hatte, auch darum ging es.

Robert Wyatt von der Experimental- und Art-Rock-Band Soft Machine, mit der Hendrix sich zeitweise den Proberaum teilte und mit der er gemeinsam tourte, berichtet: »Sofort war da dieser unglaubliche Sound, bevor er überhaupt einen Song spielte, einfach nur beim Stimmen der Gitarre, und was ganz außergewöhnlich war: Er konnte die Rückkoppelungen kontrollieren. Dann schwappte so eine Art 360-Grad-Klang im Proberaum um einen herum.«

Eines von Hendrix’ bekanntesten Stücken dürfte seine Version der US-amerikanischen Nationalhymne (»The Star-Spangled Banner«) sein. Die von ihm verfremdete, dekonstruierte Hymne, die er erfolgreich von allem Erbaulichen und Weihevollen gereinigt hatte, musste nicht nur als unmissverständliches Statement zum Vietnamkrieg gewertet werden. Hendrix’ Interpretation der Hymne war auch ein ebenso bitterer wie spöttischer Kommentar zu dem im Niedergang begriffenen amerikanischen Traum, zum nicht eingelösten Glücksversprechen, das einst auch den armen, diskriminierten, von sozialer und kultureller Teilhabe ausgeschlossenen Teilen der US-amerikanischen Bevölkerung gegeben worden war: Martin Luther King war erschossen worden, der Vietnam-Krieg eskalierte, die US-amerikanische Rechte formierte sich, um die Hippies und schwarzen Bürgerrechtler beziehungsweise die renitenten langhaarigen Gammler und unliebsamen Aktivisten in jene gesellschaftliche Nischen und Ghettos zurückzutreiben, in die sie nach Ansicht des fanatischen Antikommunisten und Rassisten Richard Nixon und der reaktionären weißen Mittelschicht gehörten.

1970, etwa anderthalb Jahre nach dem Amtsantritt Richard Nixons als 37. Präsident der USA, ist Jimi Hendrix verstorben. Nur zwei Wochen später verschied die Sängerin Janis Joplin. Ein dreiviertel Jahr später folgte schließlich Jim Morrison, der Sänger der Doors. Alle drei waren zum Zeitpunkt ihres Todes 27 Jahre alt.

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