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Die Geister der Verdrängten

Die Künstlergruppe »Peng« konfrontiert Hausbesitzer mit Anrufen von gemobbten Mietern

  • Von Sebastian Bähr
  • Lesedauer: 4 Min.

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Das Telefon läutet. Der Hauseigentümer der Jahnallee 14 in Leipzig nimmt ohne zu Zögern ab. Eine Männerstimme am anderen Ende der Leitung erklärt im vorwurfsvollen, aber ruhigen Ton: »Sie haben das Haus verwahrlosen lassen; uns Mieter terrorisiert, mit Anrufen zu Unzeiten, mit Spontanbesuchen, haltlosen Drohungen und Wohnungsverwüstungen. Sie wollten uns kleinmachen und zum Auszug bewegen.«

Ein weiteres Telefon klingelt, nun beim Vermieter der Neuköllner Mareschstraße 12 in Berlin. Eine rauchige Frauenstimme spricht: »Wissen Sie eigentlich, wie das ist, eine Entmietung? Man geht den ganzen Tag arbeiten, kommt nach Hause, macht den Briefkasten auf und einem zittert schon die Hand. Jedes Mal ist ein Brief von der Hausverwaltung oder von ihnen persönlich drin. Und jedes Mal sind es lächerliche Forderungen.«

Seit Montagmorgen erhalten die Eigentümer von sechs Immobilien in Deutschland solche Anrufe, sowohl auf ihren Büro- wie auch Privatnummern. Vier der Häuser befinden sich in Berlin, eines jeweils in Frankfurt am Main und in Leipzig. Ein Blockieren der Anrufer wird nicht helfen - ein automatisiertes Programm kann auf mehrere Nummern zurückgreifen, um rund um die Uhr, 20 mal am Tag, die Botschaften der verdrängten Mietern zu senden.

Verantwortlich für die Aktion ist das Berliner Künstlerkollektiv »Peng«. Seine neueste Kampagne läuft unter dem Motto »Haunted Landlords (gejagte Vermieter) - Die Rückkehr der Entmieteten«. Auf einer eigens dafür eingerichteten Webseite heißt es in einer Erklärung: »Mit dieser Aktion wollen wir dieses strukturelle Problem durch persönliche Geschichten sicht- und hörbar machen und die Verantwortlichen direkt mit den Stimmen der Verdrängten konfrontieren.« Das Machtverhältnis zwischen Vermietern und Verdrängten werde damit »wenigstens kurzzeitig« umgekehrt. »Die Entmieteten, die sonst nur als kurze Episode einer Investitionslogik erinnert werden, spuken so noch Jahre später in den Telefonleitungen ihrer ehemaligen Landlords.«

Die Webseite ist dem Motto entsprechend mit Bildern von Gespenstern und Grabsteinen durchsetzt. Die Leidensgeschichten der ehemaligen Bewohner der sechs Häuser können dort zudem über jeweils rund zwei-minütige Streams angehört werden. Das Künstlerkollektiv erklärt, dass es zur Vorbereitung in den vergangenen Wochen verschiedene Fälle von Entmietungen und Zwangsräumungen recherchiert hatte. Mit einigen ehemaligen Bewohnern habe man dann Interviews geführt oder diese um Erklärungen gebeten. Schauspieler hätten schließlich die Aussagen eingesprochen.

»Wir sind selbst noch nicht entmietet, bekommen aber die Dringlichkeit des Themas direkt mit, da großteils unsere Wohnungen und auch unser Büro in Kreuzberg liegen«, sagte Nora Moll vom »Peng«-Kollektiv gegenüber »nd« Der Berliner Stadtteil ist schon länger von Gentrifizierung betroffen. Die Kritik, dass sie mit den Anrufen unrechtmäßig in die Privatsphäre der Vermieter eindringe, wies die Aktivistin entschlossen zurück. »Der Skandal ist doch in Wirklichkeit, wie ohne großen Aufschrei Vermieter in das Privatleben ihrer Mieter eindringen.« Die Namen der Hausbesitzer habe man dennoch bewusst nicht veröffentlicht. »Diese sechs Beispiele stehen für eine systematische Dynamik, die in ganz Deutschland stattfindet.«

Die dokumentierten 38 Aussagen würden laut Moll von zwölf Personen stammen. Sie zeigen das Mosaik einer ganzen Reihe von Schikanen, auf die die Vermieter in den besagten Fällen offenbar zurückgegriffen haben. Dies umfasste neben den üblichen Mieterhöhungen etwa das Abstellen von heißem Wasser und der Heizung, einen Toilettenausbau, vorgetäuschten Eigenbedarf, Einschüchterungen und Drohungen sowie - besonders dreist - unangekündigte Besuche beim Arbeitgeber. »Das Recht auf Spekulation ist in Deutschland stärker geschützt als das auf Wohnen«, sagte Moll. Für sie kann die Lösung nur in der Abschaffung von Wohnraum als Ware bestehen.

Bis es soweit ist, müssen Mieter vorerst wohl weiter für ihre Rechte kämpfen. Manchmal haben sie dabei auch Erfolg. Die Leipziger Geister beendeten ihren Telefonanruf mit der Aussage: »Letztlich haben Sie klein beigegeben und das Haus weiterverkauft, weil sich Ihre Mieter zur Wehr setzen. Es war unser Sieg.«

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