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Offene Strukturen

Das Georg-Kolbe-Museum zeigt eine Werkschau des Bildhauers Emil Cimiotti, der in diesem Jahr 90 wurde

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Charakteristisch für seine Plastiken sind die differenzierten, rauen, spröden, körnigen, schrundigen, wie verkrustet wirkenden Oberflächen mit ihren Durchbrechungen und Auffaltungen, den unzähligen kleinen Höhlungen und Buckeln, die ein reiches Licht-und-Schatten-Spiel ermöglichen. Die pulsierende »Haut« der Erscheinungen ist ihm wichtig. Und eigentlich bleibt das Volumen nur noch zu dem Zweck spürbar, um ausgehöhlt, durchbrochen und zerklüftet zu werden und seine Oberfläche als Grenze zu verlieren. Die dünnwandigen Außenfronten wandeln sich zu Innenflächen.

Mit dem Goethe-Wort »Denn was innen, das ist außen« als Titel widmet das Georg-Kolbe-Museum dem 90-jährigen Emil Cimiotti, einem Pionier der deutschen Nachkriegskunst, Grenzgänger zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion, eine Retrospektive, die Plastiken aus mehr als 60 Schaffensjahren, Zeichnungen und eine Auswahl jüngst entstandener Papierreliefs zeigt. Kuratiert wird sie von Christa Lichtenstern, einer exzellenten Kennerin des Werkes von Cimiotti. »Schwebende Landschaft, Berge, anthropomorph«, hatte dieser 1962 geschrieben, »Materie, aber nicht das Beständige daran, das Kompakte, sondern das Vorübergehende, das Temporäre. Offene Strukturen«. Es geht Cimiotti immer wieder um die Metamorphose, die elementaren naturhaften Kräfte des Werdens und Vergehens, um die permanente Veränderung und Verwandlung, das Transitorische, das Vorübergehende. Die Formen sind immer noch in Bewegung, auch wenn sich ihre Ausdehnungen nicht verändert haben.

Schon früh kommt Natur bei Cimiotti in Assoziationen von Bergen, Wolken, Bäumen, Blättern und von Figürlichem vor, ohne dass damit eindeutige Botschaften formuliert werden. Ein Sockel wölbt sich auf zum Berg, über dem ein großes wolkenartiges Gebilde wie ein Gewicht balanciert (»Der Berg und seine Wolken II«, 1960). Die eine Formbewegung strebt auf - der Berg -, die andere - die Wolke - schwebt und lastet zugleich. Bei »Inselbewohner oder Anderes« (1959) scheinen lamellenartig bewegte, dicht gedrängte Gestalten über dem Boden zu schweben. Die Plastik bezieht ihre Spannung aus dem Wechselspiel von Stehen und Schweben, Leichtigkeit und Schwere, Statik und Dynamik. »Daphne« (1961) wiederum, die auf der Flucht vor der Liebe Apollons in einen Lorbeerbaum verwandelt wird, lässt Cimiotti im Umfeld von Erd- und Baumassoziationen erstehen. Sie ist die Erde, die sie anruft, und ebenso auch schon der aufsprießende Baum. Menschliches wird hier nicht mehr figurativ vergegenwärtigt.

Vegetative Formen mutieren dann Mitte der 1970er Jahre langsam zu Totenschädeln, die zunächst noch zu den Bodenstücken gehören. Dann aber richten sich die Formen auf, werden zum Körper, der - wie »Ich denke an Alice« (1975) - aufrecht auf bewegtem Boden hockt oder - wie das späte Gegenstück, »Figur (für Meister Gislebertus)« (1983/84) - auf einer Plinthe steht und wie kurz vor dem Kniefall zum Boden zurückstrebt. Das sind keine intakten Körper, sondern wie von Knochen nur teilweise noch gestützte Hohlformen, die mit brüchiger Haut überspannt sind, die Schrundungen und löchrige Einblicke in innere Leere, die kraterartige Ausstülpungen, auch Wulstungen erkennen lassen.

»Dem Tod widersetzt sich das ganze aufrechte Sitz-Motiv«, schreibt Christa Lichtenstern über die Alice-Plastik. Um Strukturierung und Rhythmisierung abstrakter Elemente im Raum geht es auch in der skeletthaften »Figur (für Meister Gislebertus)«, jenem über zwei Meter hohen, in den Knien gebeugten Torso, der aus dem Braunschweiger Dom in die Ausstellung geholt wurde. Sie fasziniert durch die Spannung des Zu-Boden-gedrückt-Seins und des Sich-nach-oben-Stemmens.

Durch die besondere Technik des Wachsausschmelzverfahrens erhält die Bronze bei Cimiotti jene feste und zugleich bewegte, stabile und zugleich zerbrechliche, fragile Erscheinungsform. Wachs wird durch Hinzufügen von Kolophonium und Paraffin stabil gemacht, damit die dünnhäutigen, filigranen Strukturen bei größerer Gestalt nicht zusammenbrechen. Bei der so erarbeiteten Wachsplastik gibt es nicht mehrere mögliche Abgüsse, sondern jede Plastik ist das einzig mögliche Stück, das zudem auch keiner weiteren Bearbeitung unterzogen wird. Darauf weist auch die Bezeichnung »gußrau« hin.

In den 70er und 80er Jahren kann man besonders im Wechsel von Vegetativem und Figürlichem die Dialektik von Wachsen und Zerfallen, von Aufblähen und Hohlwerden, von Wuchern als grandioser Form von Sterben beobachten. In den Stillleben »Waldstück« (1976) oder »Tischlein deck dich - leer gegessen II« (1978) begegnen uns Knochenformen, Gebrauchsgegenstände, Zivilisationsmüll und Blattformen. Sie sind in einer großen plastischen Wirbelbewegung eingebunden, als metamorphischer Prozess von Leben, das sich im Wachsen und Verzehren selbst verzehrt.

Ein Pulsieren anstelle der Statik - auch Cimiottis Zeichnungen modellieren durch Verdichten der Striche ein räumlich aushöhlendes Eintiefen und durch Wegnehmen der Striche und Stehenlassen des weißen Papiers ein plastisches Hervortreten. Die farbigen Papiercollagen der letzten Jahre - Papiere werden berieben, aufgefaltet, geknautscht, aneinandergeschichtet, die reliefierten Bildelemente greifen in den Raum aus - leiten eine neue Schaffensphase ein.

In den 1990er Jahren wandeln sich die Vegetationsformen zu »Landschaftsfragmenten« - Bergformationen, die zu fliegen scheinen, in die man hineinschauen, Dünenwellen, unter denen man hindurchblicken kann. Der »Baum«, der 1963 aus drei amorphen Teilstücken nach oben strebend dargestellt wurde, bildet jetzt, 1991, als Raum-Volumen eine plastische Rundung, das inselhafte »Terrain« von 1959 wird nun zum fragmenthaften und modellhaften Ausschnitt von Geländefaltungen und -eintiefungen, die sich über die plastische Form hinaus fortsetzen (»Die Insel«, 1992/2010). Ciomettis jüngste Plastik »Atmen« (2014) zeigt eine pulsierende Bronzehaut mit Buckeln und Einbuchtungen, die das Atmen - im Wechsel von Licht und Schatten - zu einem Raumerlebnis werden lässt.

Ja, Cimiottis Werk ist für den traditionellen Kunstbetrachter eine echte Herausforderung. Wer sich aber mit seinen »Leiblandschaften« - einem Leib, der von inneren Erfahrungen lebt -, ihren fließenden Strukturen - den Binnengefügen, Raumabfolgen und Zwischenräumen - beschäftigt, dem gewähren sie ungewöhnliche An- und Einblicke. Ein neues Erleben und Begreifen von Form, Raum und Rhythmus. Dieser ehrwürdige Künstler hat in der Tat mit seinem Werk Zeichen für das Leben gesetzt.

»Emil Cimiotti. Denn was innen, das ist außen. Retrospektive«, bis zum 28. Januar 2018 im Georg-Kolbe-Museum, Sensburger Allee 25, Westend. Katalog 24 Euro (Museumsausgabe)

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