Appelle statt Gesetze

Vor allem Fleisch ist keimbelastet, doch die Behörden machen kaum Druck auf die Hersteller

Lebensmittel in Deutschland sind relativ gut überwacht, dennoch gibt es immer wieder Skandale, man denke nur an die Millionen mit dem Insektizid Fipronil verseuchten Eier, die seit Ende 2016 von Belgien und den Niederlanden aus in den europäischen Handel gelangten. Doch auch abseits solcher medialen Aufreger steht nicht alles zum Besten mit den hierzulande verkauften Lebensmitteln, wie die Bilanz des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) zeigt, die am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde.

Der derzeitige Schwerpunkt der Lebensmittelüberwachung von Bund und Ländern liegt demnach auf dem Campylobacter. Das Bakterium findet sich häufig auf Geflügelfleisch und kann - ähnlich wie Salmonellen - auf den Menschen übertragen werden und Durchfallerkrankungen auslösen. Während die Belastung von Fleisch- und Eiererzeugnissen mit Salmonellen aber in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen ist, sind Campylobacter auf dem Vormarsch. In fast 77 Prozent der vom BVL im vergangenen Jahr untersuchten Hühnerfleischproben fanden sich Campylobacter-Keime in unterschiedlicher Anzahl. Fast ein Viertel (24,1 Prozent) der Proben wies sogar eine Belastung über dem ab Januar 2018 geltenden Grenzwert von 1000 koloniebildenden Einheiten pro Gramm auf.

Allerdings ist die höhere Zahl nicht unbedingt schlechterer Hygiene, sondern auch den engeren Kontrollen in den vergangenen Jahren zu verdanken. Man stehe beim Campylobacter da, wo man bei den Salmonellen vor sieben bis acht Jahren gewesen sei, sagte Stephan Koch, Vorsitzender der Länderarbeitsgemeinschaft Verbraucherschutz. Man brauche noch mehr Erfahrung, dann könne die Belastung effektiver gesenkt werden. Zudem sei der Nachweis schwierig und aufwendig, für eine Infektion beim Menschen reichten bereits sehr wenige Bakterien aus, ergänzte BVL-Präsident Helmut Tschiersky.

Ansonsten betonten die Vertreter von Bundesamt und Ländern einträchtig die gute Zusammenarbeit, etwa in der Bewältigung des Fipronil-Skandals. Die EU habe das deutsche Krisenmanagement und den Informationsfluss im Oktober gelobt, so Tschiersky.

Verbraucherschützer sehen das ganz anders: Deutschland habe viel zu langsam reagiert, Produkte, die möglicherweise belastete Eier enthielten, seien nicht flächendeckend aus dem Handel genommen worden, Verbraucher hätten sich wichtige Informationen aufwendig selbst zusammensuchen müssen.

Beim BVL dagegen hält man die derzeitige Organisation der Lebensmittelsicherheit für ausreichend. Bund und Länder arbeiteten gut zusammen, sagten Tschiersky und Koch, auch die Wirtschaft trage mit Eigenkontrollen und Qualtitätsmanagementsystemen ihren Teil zum Verbraucherschutz bei. Dennoch lassen die aktuellen Zahlen Fragen offen: So wurden 2016 insgesamt 519 171 von rund 1,2 Millionen registrierten Betrieben kontrolliert - das waren 42,6 Prozent. Bei 23 Prozent der kontrollierten Unternehmen wurden Verstöße gegen Hygienevorschriften oder Verbrauchertäuschungen durch unzureichende Kennzeichnung entdeckt. Die Dunkelziffer könnte aber höher sein, da nicht einmal die Hälfte der registrierten Betriebe überprüft wurde. Die Zahl der Kontrollen ist sogar gefallen, 2015 hatten die Prüfer noch 532 151 Firmen einen Besuch abgestattet. Die gesunkene Zahl sei auch eine Folge der immer höheren Ansprüche an Kontrollen, sagte Koch. Es gebe mehr Parameter zu beachten, das koste mehr Zeit. Die Situation in den Betrieben habe sich aber nicht verschlechtert: »Die Grundübel sind über die Jahre die gleichen«, sagte Koch.

Das BVL führte 2016 auch Kon- trollen von Rohmilch an sogenannten Milch-ab-Hof-Automaten durch, dabei wurden ebenfalls viele Keime gefunden. »Man muss die Anbieter auf ihre Verantwortung hinweisen«, lautet die Standardformel von BVL-Chef Tschiersky dazu. Sehr scharf ist dieses Schwert aber nicht, gesetzliche Grenzwerte und empfindliche Strafen würden die Unternehmen wohl eher zum Umdenken und schärferen internen Kontrollen bewegen.

Neben Lebensmitteln sind das BVL und die Überwachungsbehörden der 16 Bundesländer auch für andere Verbraucherprodukte zuständig. So testeten die Kontrolleure nach 2010 und 2012 auch im Jahr 2016 wieder Metallspielzeuge auf eine eventuelle Nickelbelastung. Das Metall gilt als einer der häufigsten Auslöser für Kontaktallergien, aus Spielzeugen oder Modeschmuck sollten sich also möglichst keine Nickelteilchen lösen - auch nicht, wenn Kinder die Spielsachen in den Mund steckten oder mit feuchten Händen anfassen.

Doch über ein Fünftel der untersuchten Proben überschritten laut der BVL-Bilanz 2016 den sogenannten Nickellässigkeitsgrenzwert. Der gibt an, wie viel Mikrogramm (µg) pro Quadratzentimeter sich in einer Woche aus der entsprechenden Legierung herauslösen dürfen. Dieser Wert liegt bei 0,5 µg, einer der gemessenen Werte lag aber sogar bei 115 µg. Auch hier habe es einen Appell an die Hersteller gegeben, die Mängel zu beheben, sagte der zuständige BVL-Abteilungsleiter Gerd Fricke.

Der Deutsche Verband der Spielwarenindustrie (DVSI) hält die Kritik dagegen für überzogen: »Spielzeug ist aber kein Ohrstecker und keine Brille«, sagte DVSI-Geschäftsführer Ulrich Brobeil der dpa. Wenn Nickel etwa in der Achse eines Modellautos vorhanden sei, gebe es höchstens einen kurzen Hautkontakt. Trotzdem verzichteten einige Hersteller inzwischen komplett auf Nickel.

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