Jugendzentren erhalten »Gnadenfrist«

Mietvertrag für Potse und Drugstore ein Jahr verlängert / Ersatzobjekt in Aussicht

  • Von Marie Frank
  • Lesedauer: 3 Min.

»Hurra, das Drugstore ist da!«, steht auf dem Flugblatt zur Gründung des selbstverwalteten Jugendzentrums in der Potsdamer Straße 180 in Schöneberg. Gut 45 Jahre später ist die Freude um die eigenen Räumlichkeiten, in denen seit den 1980er Jahren auch der Jugendtreff Potse untergebracht ist, der nackten Existenzangst gewichen. Nach Auslaufen des Mietvertrages Ende des Jahres verlangt der Eigentümer eine drastische Mieterhöhung. Die wollte das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg, das die Einrichtungen finanziert, jedoch nicht tragen. Lange sah es deshalb so aus, als wäre dies das Aus für die beiden geschichtsträchtigen linken Jugendzentren. Nach viel Protest und zähen Verhandlungen beschloss die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) im Oktober, für den Erhalt von Potse und Drugstore im kommenden Haushalt zusätzliche 100 000 Euro zur Verfügung zu stellen. Mit dem Geld sollten Ersatzräume für das über 800 Quadratmeter große Gebäude gefunden - sowie eine Verlängerung des Vertrages ausgehandelt werden.

Dies scheint nun gelungen zu sein. Der Mietvertrag zwischen dem Bezirksamt und dem Investor Rock Ridge wurde verlängert - allerdings nur für ein Jahr. Für die BetreiberInnen der Jugendzentren ist das nicht genug: »Ein Jahr ist nur eine Gnadenfrist, da am 31. Dezember 2018 auch dieser Mietvertrag auslaufen wird. Die Zukunft der ältesten selbstverwalteten Jugendzentren Berlins bleibt damit nach wie vor ungewiss«, kritisieren Potse und Drugstore.

»Ich bin ehrlich gesagt froh, dass wir überhaupt ein Jahr gekriegt haben«, meint hingegen Jugendstadtrat Oliver Schworck (SPD). »Einen mehrjährigen Vertrag hätten wir nicht mehr bekommen«, ist er überzeugt. Der Eigentürmer habe sehr deutlich gemacht, dass er von der derzeitigen Nutzung nicht begeistert ist und diese gerne beenden würde. Ein Umzug der Jugendzentren in ein Ersatzobjekt spätestens Ende nächsten Jahres scheint also unausweichlich. Doch auch in diesem Punkt gibt es Bewegung: »Ich bin froh, dass wir jetzt noch ein Jahr Zeit haben, weil wir einen Ort gefunden haben und jetzt geprüft wird, wie der realisiert werden kann«, sagt Schworck dem »nd«. Bei dem Ersatzobjekt handelt es sich um ein Gebäude des kommunalen Wohnungsunternehmens Gewobag in der Bülowstraße 90, rund 600 Meter vom derzeitigen Standort entfernt.

Unklar ist, ob Potse und Drugstore einem Umzug in die Ersatzräumlichkeiten überhaupt zustimmen. Man habe diese bereits besichtigt, weitere Begehungen stünden noch aus, sagt Domi von Drugstore-Kollektiv dem »nd«. Danach würde das Kollektiv darüber entscheiden, ob das Objekt infrage komme. Klar sei, dass man sich dort sehr stark verkleinern müsse. Wegen der jahrzehntelangen Kiez-Arbeit sei es jedoch »enorm wichtig, dass wir in der Ecke bleiben«.

Für die einjährige »Gnadenfrist« muss der Bezirk tief in die Tasche greifen. »Wir zahlen jetzt deutlich mehr Miete«, räumt Schworck ein. Wie viel genau, will er nicht sagen, das von der Bezirksverordnetenversammlung veranschlagte Geld reiche jedoch aus. Die Fraktionsvorsitzende der LINKEN in der BVV, Elisabeth Wissel, spricht von einer Mieterhöhung »bis über 70 Prozent«. Es sei bedauerlich, dass der Vertrag nur um ein Jahr verlängert wurde, die LINKE habe sich für eine längere Laufzeit sowie den Erhalt des Standortes in der Potsdamer Straße ausgesprochen.

Laut Stadtrat Schworck will der Investor die Räumlichkeiten lieber gewerblich vermieten. Das Unternehmen »rent24« wirbt bereits damit, auf dem Gelände »ein Business-Hostel mit 204 Betten und Mikroapartments« realisieren zu wollen, dieses soll nach Angaben des Unternehmens jedoch auf einer anderen Etage angesiedelt werden.

Anmerkung: Nach Erscheinen dieses Artikels erhielten wir folgende Benachrichtigung:

In Ihrem Artikel »Jugendzentren erhalten Gnadenfrist« klingt es leider so, als würde rent24 dafür verantwortlich sein, dass das Jugendzentrum gefährdet ist. Wir ziehen aber lediglich in die 4. und 5. Etage des Gebäudes, in die ehemaligen Kirchtag Flächen. Wir haben also nichts mit dem Jugendzentrum zu tun.

RW, rent24 GmbH

Dazu passende Podcast-Folgen:

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung