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Im Dämmerlicht der Frauengemächer

Ismat Chughtai gilt als eine der größten Erzählerinnen des Urdu im 20. Jahrhundert

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 6 Min.

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Urdu ist eine von 22 offiziell anerkannten indischen Nationalsprachen; 58 Millionen Menschen auf der Welt sind damit aufgewachsen. Dabei muss man froh sein, hierzulande jemanden zu finden, der aus dieser perso-arabischen Sprache übersetzen kann, und dass es mit Lotos Werkstatt einen Verlag gibt, der sich speziell der indischen Literatur verschrieben hat. Ohne Ismat Chughtai (1915 - 1991) und ihre Übersetzerin Christina Oesterheld wüssten wir weniger über das alltägliche Leben in Indien, insbesondere das der Frauen dort.

Die Schriftstellerin stammt aus Indiens nördlichem Bundesstaat Uttar Pradesh. Sie sei in einer literarisch interessierten Familie aufgewachsen und habe früh ein rebellisches Temperament bewiesen, schreibt Christina Oesterheld. Auf ihre eigene Weise aufmüpfig sind auch die Frauen, die wir in den Erzählungen dieses Bandes kennenlernen. Sie stammen aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten - von der Latrinenputzerin bis zur unglücklichen Gattin eines Nachkommen der Moghuldynastie, der ohne die Macht und den Reichtum seiner Vorfahren doch deren Dünkel geerbt hat (»Ein Moghulspross«). Sie hellhäutig und verwöhnt, er schwarz und voller Stolz. Ein Machtkampf bahnte sich an. Weil seine zwölfjährige Braut in der Hochzeitsnacht ihren Schleier nicht lüften wollte, sprang er im Zorn aus dem Fenster und fuhr für lange Jahre weg. Sie hatte gemeint, auf diese Weise besonders tugendhaft zu wirken. Er war zutiefst in seiner Ehre gekränkt.

Wie die Autorin davon erzählt, wirkt dieser Kale Miyan auf bedauernswerte Weise lächerlich, so wie die Männer überhaupt in ihren Texten letztlich schwache Wesen sind. Auch wenn sie sich zu Hause bedienen lassen und ihr Geld mit Huren durchbringen, auch wenn manche ihre Frauen - fast schon aus Gewohnheit - schlagen, sie bekommen nicht die Oberhand. Je weiter unten in der sozialen Hierarchie eine steht, so will es scheinen, umso unbekümmerter pfeift sie auf herrschende Sitten.

Lajo ist bei dem Junggesellen Mirza nur die Haushaltshilfe, doch stärker, als wenn sie ihn heiraten würde, fühlt sie sich als »Die Hausfrau«. Und sie findet es auch völlig in Ordnung, sich mit Mirza auf die Matte zu legen. Ohnehin kann sie sich »Schüchternheit und Schamgefühl« nicht leisten.

Die alte Putzfrau aus »Zwei Hände« hat offenbar kein Problem damit, dass sich ihre Schwiegertochter mit einem anderen einlässt und von ihm ein Kind bekommt, während ihr Sohn im Krieg ist. Als der zurückkehrt, meinen die anderen Männer, dass er sich scheiden lassen und neu heiraten müsse. Er dagegen: »Herr, wie soll ich noch einmal zweihundertfünfzig, dreihundert Rupien für eine Heirat aufbringen, und noch dazu einhundert, zweihundert für die Feier?« Außerdem würde der Junge, wenn er groß ist, bei der Arbeit helfen.

Bettelarm ist »Nanhis Oma«, doch die Burka wehte wie ein Königsmantel hinter ihr her. Außerdem konnte sie alles Mögliche darunter verstecken. Davon nähte sie dann einiges in ein Kissen ein, das sie wie einen Schatz hütete. Als Affen ihr das Kissen zerfetzen, geht es wirklich mit ihr bergab, als ob ein Schutz von ihr genommen sei.

Die Burka, der Schleier, Churidar-Pajama-Hosen (oben weit, unten eng), die Dupatta, das feine Umschlagtuch - egal, was sie tragen, es wird nicht besonders herausgestrichen, gar erklärt, dass es sich um Musliminnen handelt. Für die Autorin war es die gewohnte Lebenswirklichkeit. Einige Geschichten sind aus der Sicht eines kleinen Mädchens erzählt und mögen autobiographisch sein. Da gab es selbstverständlich Bedienstete, mitunter sogar eine ganze Menge, und völlig normal war es, dass die Frauen im Haus nur für sie bestimmte Räume hatten.

Besonders in der ersten und längsten Erzählung, »Die Welt des Herzens«, erleben wir diese Frauengemächer als eigenen Kosmos, abgetrennt vom Alltag der Männer. Zwischen Großmüttern, Müttern, Tanten, verheirateten und unverheirateten Töchtern spinnt sich ein Beziehungsgefüge, das umso komplizierter ist, weil sie, weitgehend der Hausarbeit entledigt, über freie Zeit verfügen. Da gibt es Solidarität und Intrigen, Sehnsucht und Herzschmerz. Vor allem aber wird eines deutlich: Wenn einzelne Frauen um Selbstständigkeit ringen, sind es vornehmlich ihre weiblichen Verwandten, die sich als Sachwalterinnen der patriarchalischen Machtverhältnisse hervortun.

Warum? Es gehört zum psychologischen Feinsinn dieser Autorin, wie sie uns, immer wieder auch mit verschmitztem Humor, vor Augen führt, dass Unterdrückung sich fortsetzt durch Gewohnheit, durch Unterwürfigkeit, aber auch dadurch, dass eine in vielerlei Hinsicht verhärmte Frau der anderen ihre Lebenslust nicht gönnt. Nicht von ungefähr wird gerade im Islam vor Neid, Eifersucht, Hass und Groll gewarnt, die ja nicht ausbleiben können, wenn ein Mann mehrere Ehefrauen hat. Aber diesen Neid gibt es vornehmlich auch zwischen Jüngeren und Älteren. Die eine will der anderen die gleichen Fesseln überstreifen, die sie selbst schon lebenslang trägt, klaglos inzwischen, weil es eben so sein muss. Also soll es auch für die andere so sein, sonst käme man ja mit dem eigenen Dasein nicht mehr zurecht.

So lange sich Tante Qudsiya quälte, weil ihr Mann eine weiße Frau aus England mitgebracht hatte, weil er fern von ihr lebte, ohne die Ehe je vollzogen zu haben, gehörte ihr das Mitgefühl der weiblichen Gemeinschaft. Als sie aber aufblühte, weil sie sich neu verliebte, versuchten die Frauen alles, um ihr Glück zu vernichten. Es ist nicht die Mutter oder die Schwester, es ist Onkel Machu, der Qudsiya mit dem eher schüchternen Onkel Shabbir zur Flucht verhilft. Gegen den glücklichen Wahn einer anderen einsamen Frau soll der Hakim, der Heiler, helfen. Und der verabreicht ihr mit Billigung der Weibergemeinschaft ein Mittel, das sie verlöschen lässt.

Weibliche Begierden spielen in diesen Texten eine größere Rolle als vermutet. Das widerspricht vereinfachten Vorstellungen von der Lage muslimischer Frauen. In einer Erzählung, »Die Steppdecke«, deutet sich eine lesbische Beziehung an. Und auch sonst, keinerlei Klage über männliche Zudringlichkeit, aber nicht zu stillendes Leid, wenn diese ausbleibt. Jungfräulichkeit gilt bis zum frühen Jugendalter als Tugend, danach als Schmach für die weibliche Ehre.

Fast alle Frauen im Buch, bis auf die Krankenschwester aus »Der Köder«, sind aufs Heiraten aus, weil sie materiell versorgt sein wollen und weil es so üblich ist. »Das Brautkleid« ist tatsächlich ein Statussymbol. Und selbst besagte selbstständige Städterin folgt dem Rat ihrer Freundinnen, sich grell zu schminken und lasziv zu verkleiden. Doch der Mann, der ihr gefiel, macht ihr keinen Antrag. Er erkennt sie nicht einmal.

Ismat Chughtai: Das Brautkleid und andere Erzählungen. Aus dem Urdu und mit einem Nachwort von Christina Oesterheld. Verlag Lotos Werkstatt, 199 S., br., 13,80 €.

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