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Heim-WM als teure Werbemaßnahme

Deutschlands Handballerinnen bestreiten in Leipzig das Auftaktspiel der Weltmeisterschaft gegen Kamerun. Der Verband will Erfolge

  • Von Oliver Kern
  • Lesedauer: 5 Min.

Sporthistoriker sind sich uneins darüber, wann der Handballsport erfunden wurde. Der Deutsche Handballbund (DHB) feierte zwar vor wenigen Wochen in Berlin »100 Jahre Handball«, denn 1917 waren erstmals Regeln festgeschrieben und das Torballspiel in Handball umbenannt worden. Dänen und Schweden werfen jedoch ein, dass ihre Varianten Haandbold und Handboll schon früher praktiziert wurden. Dennoch ist es passend, dass die Weltmeisterschaft der Frauen im Jahr 2017 an diesem Freitag in Deutschland eröffnet wird. Schließlich wurden die skandinavischen Vorläufer von Jungen und Männern gespielt, während der deutsche Handball von seinem Erfinder Max Heiser explizit für Frauen ersonnen worden war.

Die Idee des damaligen Frauenwarts der Deutschen Turnerschaft, speziell dem »zerbrechlichen« Geschlecht einen Freizeitausgleich zu bieten, der weniger rabiat war als Fußball, setzte sich nicht durch. Zwar hatten Handballerinnen nie solch große Probleme, überhaupt akzeptiert zu werden wie die Fußballerinnen, doch bis heute ist die Aufmerksamkeit für die Männer auch im Handball viel größer als für Frauen.

Das zeigt sich ausgerechnet am Spielort der deutschen Vorrundengruppe: Leipzig. Hier werden die Gastgeberinnen und Kamerun das Turnier eröffnen, bevor die anderen Teams am Wochenende in Bietigheim, Trier und Oldenburg ins Turnier starten. In den drei letztgenannten Städten wird Bundesliga-Handball von Frauen gespielt, in Leipzig nicht mehr. Ausgerechnet im WM-Jahr 2017 ging der große HC Leipzig insolvent und zog sein Erstligateam zurück. Misswirtschaft, zu große Träume und das Abspringen von Geldgebern waren die Gründe für den Niedergang. Die Sponsoren hatten andere Mannschaften entdeckt, bei denen sich das Investment offenbar besser bezahlt macht: bei den Fußballern von RB und den zurückgekehrten Handballern der DHfK, die heute regelmäßig in der WM-Halle spielen.

Vor wenigen Jahren gewann der HC Leipzig hier noch eine deutsche Frauenmeisterschaft nach der anderen. Regelmäßig kamen mehr als 4000 Fans in die Arena an der Jahnallee, doch als nebenan Fußballer und Handballer plötzlich auch erstklassigen Sport boten, bedeutete dies das Aus für die Handballerinnen, die jetzt vor nicht mal 1000 Fans in der 3. Liga den Neustart probieren. Dortmund ist heute die letzte deutsche Großstadt mit einem Frauen-Erstligateam, in zwei Bundesligaorten wohnen hingegen nicht mal 10 000 Menschen.

Kein Wunder also, dass der DHB seine Frauensparte fördern will, und dafür eine WM ins Land holte. Doch auch wenn in Trier, Oldenburg und Bietigheim sonst regelmäßig guter Handball geboten wird, sind besonders an Wochentagen noch Tausende Tickets erhältlich. Anders hatte es der DHB aber auch nicht erwartet. Zumindest die deutschen Spiele in Leipzig sind so gut wie ausverkauft. Ab dem Achtelfinale wird auch in Magdeburg gespielt, das Final Four dann in Hamburg - Orte, in denen bislang nur Männer Spitzenhandball boten.

Eine große Hürde im Ringen um mehr Aufmerksamkeit ist immerhin genommen. Die WM-Spiele werden live im Fernsehen übertragen, zwar nur vom Spartensender Sport1 und nicht wie bei den Männern üblich von ARD und ZDF (die übertragen nur Halbfinale und Finale mit deutscher Beteiligung), aber immerhin wird es Bilder geben. Der katarische Sportkanal beIn Sports hatte sich die Übertragungsrechte für die Männer- und Frauenturniere 2015 und 2017 gesichert und bestand beim Weiterverkauf darauf, dass hiesige Sender ihre Signale auf Deutschland beschränken. Da die sich weigerten, guckten Handballfans in die schwarze Röhre. Beim Heimturnier der Frauen verzichtete BeIn Sports nun auf den Passus - zur Freude des DHB.

Der Verband plante die WM von Anfang an mit einem Minus von 500 000 Euro, trotzdem ein »wichtiges Invest in den Frauen-Handball«, heißt es. Damit es sich auszahlt, sollte die Mannschaft um Kapitän Anna Loerper möglichst bis nach Hamburg vorstoßen. Eine schwere Aufgabe, immerhin wurden die letzten vier Weltmeisterschaften auf den Rängen 7, 17, 7 und 13 beendet. Die Olympischen Spiele 2012 und 2016 wurden ganz verpasst, Spitzenhandball wird längst in Skandinavien, auf dem Balkan oder in Frankreich gespielt.

Nach erfolglosen Experimenten mit zwei dänischen Bundestrainern verpflichtete der DHB im April 2016 den bis dahin nur bei den Männern tätigen Michael Biegler. Er hat aus einem oft zerstrittenen Team eine Einheit geformt, auch wenn er dafür auf Stars wie Susann Müller aussortieren musste. »Die Mannschaft hat einen tollen Teamgeist entwickelt. Alle kommen mit viel Energie zu jedem Training und arbeiten sehr fokussiert«, lobte der 56-Jährige. Mit Spielmacherin Loerper, Torhüterin Clara Woltering oder Linksaußen Angie Geschke hat Biegler noch genügend erfahrene Spielerinnen versammelt. Für die wichtigen Tore aus dem Rückraum sollen aber die jungen Xenia Smits (23) und Emily Bölk (19) sorgen. »Die Vorfreude stieg jetzt von Tag zu Tag. Ich habe auch noch viele Medienanfragen bekommen. Es ist klar, da kommt etwas Riesiges auf uns zu«, sagte Bölk. Das mit dem gestiegenen Interesse am Team scheint also schon zu klappen.

Fehlt nur noch der Erfolg. Der bis jetzt letzte deutsche WM-Titel wurde 1993 gefiert. Eine Stütze im Kader damals: Andrea Bölk aus Rostock. Ihre Tochter ist nun »Küken« und Hoffnungsträgerin zugleich. Die Medaille der Mutter könnte sie nachzeichnen, »so oft habe ich die schon angeguckt«, erzählt Emily Bölk. Mit dieser familiären Vorbelastung ist sie sogar schon diejenige mit dem größten Selbstvertrauen im Team: »Wenn man nicht daran glaubt, dass man bis nach ganz vorn kommen kann, braucht man die WM doch gar nicht erst zu spielen.« Ihre Mutter hat jedenfalls schon Karten für die Finalspiele in Hamburg gekauft.

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