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Störende Kontrollinstanz

»Helikopter-Eltern«: Wo liegt die richtige Balance zwischen sinnvoller Teilhabe und lästiger Intervention?

  • Von Thomas Gesterkamp
  • Lesedauer: 5 Min.

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»Frau Müller muss weg« lautete der Titel eines Films, der 2015 erfolgreich in den Kinos lief. Die Komödie des Regisseurs Sönke Wortmann erzählt von einem Konflikt an einer Dresdener Grundschule, der immer mehr eskaliert: Eltern gegen Lehrerin. Die Zensuren einiger Schülerinnen und Schüler einer vierten Klasse sind höchstens mittelmäßig. Da aber das über die Versetzung aufs Gymnasium entscheidende Halbjahreszeugnis naht, schließen sich Eltern gegen die Klassenlehrerin Frau Müller zusammen.

Nicht nur für Kinder ist es schwer erträglich, plötzlich öffentlich kritisiert und bewertet zu werden. Auch manche Eltern sind an diesem Punkt empfindlich, sie setzen den Nachwuchs mit hohen Erwartungen unter Leistungsdruck. Wenn sich ausbleibender Erfolg dann in unbefriedigenden Zeugnisnoten widerspiegelt, ist die Schule schuld. Drei Punkte nennen Lehrerinnen und Lehrer immer wieder, wenn es um ihre beruflichen Belastungen geht, berichtet Supervisorin Eva Koch-Klenske, die in Hessen Pädagogen fortbildet. Neben der Bürokratisierung des Arbeitsfeldes und der Zunahme verhaltensauffälliger Kinder stehe »als historisch vollkommen neues Phänomen die intensive Einmischung der Eltern in das schulische Geschehen ganz oben auf der Liste«.

Josef Kraus, Gymnasialdirektor und Vorsitzender des Deutschen Lehrerverbandes, hat dafür in einem viel beachteten Buch den Begriff »Helikopter-Eltern« geprägt. Gemeint ist ein überbehütender Typus, der sich ständig Sorgen um das eigene Kind macht. Zeit und Geld spielen keine Rolle, wenn es darum geht, imaginierte Katastrophen zu verhindern. Sohn oder Tochter werden mit Spielzeug und Geschenken überhäuft, sie werden keiner noch so minimalen Gefahr ausgesetzt (deshalb mit dem Familienvan oder Kombi auch direkt vor dem Schultor abgeladen), und sie müssen früh zahlreiche Förderkurse absolvieren. Das beginnt mit der Verfeinerung der körperlichen Motorik direkt nach der Geburt und geht schon bald weiter mit dem spielerischen Lernen der ersten Fremdsprache.

Helikopter-Eltern finden sich vor allem in der Mittel- und Oberschicht. An Schulen, die in bürgerlichen Wohnvierteln liegen, ist deshalb mit einer besonders hohen Konzentration dieser Spezies zu rechnen. Ihr Auftritt auf Elternabenden ist gefürchtet, sie beschweren sich, wissen alles besser, mischen sich übergriffig in fachliche Themen ein. Besonders schnell und heftig intervenieren sie, wenn die Interessen des eigenen Kindes tangiert sind. Sie kritisieren aber auch Unterrichtsinhalte und hinterfragen didaktische Methoden. Studierte, aber beruflich nicht ausgelastete Ehefrauen wollen gerne als »Lesemutter« selbst in der Klasse aktiv werden. Väter drohen bei tiefsitzenden Meinungsverschiedenheiten mit der Lehrerin auch schon mal mit einer Klage, lassen beiläufig fallen, dass sie als Anwalt tätig sind.

Wenn »das Pendel ins Extrem« ausschlage, sei es die Aufgabe der Schulleitung, »allzu fordernde oder arrogante Eltern im Zaum zu halten«, sagt die Erziehungswissenschaftlerin Sabine Andresen, Professorin für Sozialpädagogik und Familienforschung an der Universität Frankfurt am Main. Die Lehrkräfte seien »in der Regel die Experten, Eltern müssen nicht über jeden einzelnen Schritt im Schulalltag Bescheid wissen«. In »maßvoller Ausprägung« habe das Helikopter-Phänomen jedoch auch seine guten Seiten. Die Pädagogen könnten froh sein, »wenn sie Eltern haben, die mitdenken und mitmachen«. Denn diese leisten zuverlässige logistische Unterstützung bei besonderen Anlässen wie Sommerfesten, spenden für bedürftige Familien bei Klassenfahrten und sind selbstverständlich auch zahlende Mitglieder im Förderverein.

An Schulen mit vielen Kindern aus »bildungsfernen« Haushalten ist die Herausforderung eine völlig andere. Dort klagen Pädagogen eher über Desinteresse und fehlendes Engagement der Eltern. Innovative Beteiligungsinitiativen versuchen das zu ändern, etwa das Projekt »Nur mit Ihnen!«, mit dem das Frankfurter Amt für multikulturelle Angelegenheiten in den letzten Jahren Migrantenfamilien aus benachteiligten Stadtteilen zur Mitarbeit motiviert hat.

Sehr hohe und sehr niedrige Ansprüche an den »Dienstleister« Schule liegen also nah beieinander. Wenn man in diesem Kontext »überhaupt von ›Dienstleistung‹ sprechen« könne, betont der Lübecker Lehrer-Coach Detlef Kölln, dann gebe es »einen Kundenauftrag der Schule für die Schüler und nur sehr bedingt für die Eltern«. Zwischen erwünschter Partizipation und übergriffiger Intervention das richtige Gleichgewicht zu finden, ist ein ständiger Balanceakt. Zu viele Eltern meinen, bestätigt Supervisorin Koch-Klenske, »sie könnten das schulinterne Geschehen angemessen beurteilen und sich aktiv einschalten«. Auch die Schulgesetzgebung ermuntere zur Konfrontation, weil ständig von Mitwirkung die Rede sei. »Eltern missverstehen dann ihre eigene Rolle und halten sich für eine neue pädagogische Kontrollinstanz des schulischen Fachpersonals.«

Koch-Klenske hat ein »Sozialtraining für Lehrkräfte im Elternkontakt« entwickelt - und dieses an zahlreichen Orten in Hessen durchgeführt. Ihr Fazit aus der Fortbildungspraxis: »Oft helfen Eltern ihren Kindern mehr, wenn sie in Bezug auf die Schule weniger tun.« Diese laufe »in der Regel störungsfreier, wenn die Eltern sich nicht in pädagogische Angelegenheiten einmischen«.

Der Versuch, Lehrkräfte per Putsch abzusetzen, wie es in Sönke Wortmanns Film »Frau Müller muss weg« droht, ist hierzulande übrigens fast immer zum Scheitern verurteilt. Das Wort »Elternbeteiligung« kommt zwar ständig vor in Sonntagsreden und Verordnungen, rechtlich aber sind die Einflussmöglichkeiten äußerst begrenzt. Nur wenn sich den umstrittenen Pädagogen schwere Verfehlungen wie etwa ein sexueller Übergriff nachweisen lassen, ist tatsächlich eine Versetzung möglich. Jenseits der Kinoleinwand ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Frau Müller trotz aller Elternproteste weiter unterrichtet.

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