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Die Welt als Muskel und Bewegung

Zwei Neuerscheinungen geben Einblick in das materialistische Denken des Philosophen Gaston Bachelard

  • Von Stefan Ripplinger
  • Lesedauer: 7 Min.

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Der Materialist ist ein Abenteurer. Er wagt sich vor in unbekanntes Gelände. Er zerlegt, was andere für grob, er verwirft, was sie für gegeben halten. Er bringt sich in Gefahr. In manchem Augenblick ist er von einem verstiegenen Idealisten kaum zu unterscheiden, aber nur, um schon im nächsten die allerfeinsten Muskeln spielen zu lassen.

Ein solcher Abenteurer war Gaston Bachelard (1884-1962). Von der Astrophysik bis zum surrealistischen Gedicht war ihm keine Materie seines Jahrhunderts fremd. Er besaß das seltene Vermögen, ganz unterschiedliche Bereiche des Denkens, Handelns und Fühlens einer Gesamtschau oder vielmehr Gesamtpraxis zu unterziehen, die nicht zusammenzwängt, was nicht zusammengehört, sondern stets der Differenz folgt. Seine Philosophie ist, auch wenn er sie nie so genannt hat, ein ruheloser Materialismus. (Er selbst sprach lieber von »angewandtem Rationalismus«).

Übersetzt ist er schon lange, und den tiefsten Einblick in sein Denken gewähren Bücher wie »Die Bildung des wissenschaftlichen Geistes« (1938) oder »Die Poetik des Raumes« (1957). Aber wer noch nicht recht weiß, ob er sich auf diesen verwegenen Gelehrten einlassen will, dem bieten sich nun zwei Essaybändchen an, die einer jeweils auf einer S-Bahn-Fahrt zwischen, sagen wir, Feuerbachstraße und Berlin-Buch lesen kann.

Wer es wagen will, muss sich allerdings auf einige Schocks gefasst machen. »Der Surrationalismus«, eine Sammlung von Aufsätzen Bachelards aus den dreißiger Jahren, wirft uns schon am Anfang ins eiskalte Wasser der jüngeren Physik. Das Atom, welches von ihr erforscht wird, ist »eine Art Fusion von Akt und Sein, von Welle und Korpuskel«, aber eines ganz bestimmt nicht mehr: ein greifbares Ding. Wir betreten eine Zone, »in der sich das Konkrete und das Mathematische durchdringen« und nicht mehr ein fassbares Objekt berechnet, sondern die Berechnung selbst zum einzig fassbaren Objekt wird. Die neuere Wissenschaft »beginnt mit einem Gedanken, sie endet mit einem Problem«.

Haben wir es hier überhaupt noch mit Physik zu tun, ist das nicht schon Metaphysik? Ja, sagt Bachelard, aber eine Metaphysik, »die positiv ist, weil sie sich selbst experimentell auf die Probe stellt«. Die alte Metaphysik bleibt, was sie ist, dank ihrer Prämissen, an denen sie eisern festhält, die neue korrigiert sich unentwegt und überrennt dabei auch ihre Prämissen von gestern. »Ich mache ein physikalisches Experiment, um mein Denken zu verändern«, und nicht, um es zu beweisen.

Das Quecksilbrige des Materialismus von Bachelard erklärt sich so: Er hat es nicht mehr mit Dingen, sondern mit Bewegungen und Fragen zu tun. Das gilt für alle Bereiche seiner Beschäftigung, sowohl für die Wissenschaft als auch für die Kunst. Seine Philosophie ist nicht »dualistisch«, wie manche meinen, Bachelard liebkost nicht in der Kunst das Dingliche, das er aus der Wissenschaft vertrieben hat. Vielmehr begrüßt er hier wie da, dass die »Versklavung des Geistes durch die Dinge« vorüber ist. Seine »Philosophie des Nein« (1940) sagt Nein zu allem Festen, Substanziellen, das »dialektisiert« und von einer neuen Forschung hinweggefegt wird. Und diese Forschung ist zuallererst Arbeit, in letzter Instanz eine körperliche, gar eine muskuläre.

Dass er so häufig von Muskeln spricht, mag überraschen, denn es war Bachelard, der uns in seinen Abhandlungen über Wissenschaftstheorie auf die Höhen der Abstraktion geführt und uns sehen gelehrt hat, dass wir in der modernen Naturwissenschaft gar nichts mehr sehen können, ja, es ein »Erkenntnishindernis« wäre, uns deren komplexe Prozesse wie vertraute Massen und Formen vorzustellen. Aber das heißt nur, dass sich die Materie allein der Arbeit an ihr darbietet.

In seinem (nicht übersetzten) Buch über den »Rationalen Materialismus« (1953) schreibt Bachelard, es gelte, von der Methode und das heißt von der Aktivität her zu denken. Der Geist befinde sich in »systematischer Tätigkeit«, nämlich der der »Korrektur«. Er setzt nicht (wie im Idealismus) irgendein Postulat, er widersetzt sich, nämlich den Illusionen. Zwar duldet Bachelard in der Wissenschaft die Metaphern nicht, die er in der Dichtung und der Kunst sucht, aber hier wie da, in Wissenschaft und Kunst, kommt es am Ende nicht auf die Bilder an, sondern auf die Arbeit an ihnen. Allein geistige oder körperliche Tätigkeit macht Materie begreiflich. Was dem Wissenschaftler aber ein Experiment oder eine Berechnung ist, ist dem Alltagsmensch ein Griff oder ein Blick - eine Tätigkeit. Seinen Arbeits-, Bewegungs- und Muskelsinn bezeugen deshalb Bachelards wissenschaftliche Studien ebenso wie die zur Dichtung und Kunst. Und erst recht findet sich dieser Sinn in den Künstlerbüchern, die er mit dem Kupferstecher Albert Flocon zusammen herausgebracht hat und von denen Hans-Jörg Rheinberger berichtet.

Flocon (1909-1994) wurde als Albert Mentzel in Berlin-Köpenick geboren. Er war ein Bauhäusler, ein Linker, der 1933 mit seiner jüdischen Frau Zuflucht in Paris suchte. Doch Paris wurde ihnen zur Falle, seine Frau und seine ältere Tochter wurden von den Deutschen verschleppt und in Auschwitz ermordet, er selbst überlebte mit knapper Not. Vom Surrealismus fasziniert, dem auch Bachelard nahestand, wandte er sich an den Philosophen. So kam es zu ihrer intensiven Zusammenarbeit. Flocon schuf Stiche, die Bachelard mit Essays begleitet hat. Bezeichnenderweise rücken sie nicht das Bild, sondern die Bewegung in den Vordergrund, sowohl die Bewegung des Kupferstechers selbst als auch die der Augen des Betrachters, denn das »von den kleinen Muskeln« der Hand oder der Augen »belehrte Denken gewöhnt sich daran, die Welt ›über den Daumen gepeilt‹ in Bewegung zu sehen«. Bachelard spricht gar von den »Netzhautbedingungen der Imagination« und bemerkt zu Flocons Kunst: »In der energischen Gravur ist der Strich niemals bloß einfaches Profil, niemals träge Kontur, niemals reglose Form. Die feinste Linie eines Stiches ist bereits Verlauf, ist Bewegung.«

Diese Bewegung kann triebhaft werden. In seinem frappierenden, leider noch nicht übersetzten Essay (1939) über Lautréamont schreibt Bachelard, dessen Dichtung sei eine »der Erregung, der Muskelimpulse und keineswegs eine visuelle Poesie der Farben und Formen«. Mit dieser, übrigens fabelhaft begründeten Ansicht dürfte Bachelard in der Literaturwissenschaft alleine dastehen. Das ist nur ein weiterer Beleg dafür, dass Bewegung überall der Motor seines dialektischen Denkens ist. Aber es fragt sich, ob seine Dialektik sich wirklich grundlegend von der Hegels unterscheidet, die, wie er spottet, zu »jenen leblosen Gesellschaften« passt, »in denen man frei ist, alles zu tun, aber nichts zu tun hat. Man ist dann frei zu denken, doch es gibt nichts zu denken.«

Leblos war das Frankreich der Zwischenkriegszeit zwar nicht, der Erste Weltkrieg und die Umwälzungen der Wissenschaft hatten alle moralischen und geistigen Gewissheiten erschüttert, die Avantgarden wechselten sich atemlos ab. Die fundamentale Unsicherheit trieb viele der Tradition und der Reaktion, nicht wenige dem Faschismus zu. Bachelard gehörte zur Schar derer, die die Herausforderung dieser Freiheit begeistert annahmen. Aber Freiheit - wozu? Darauf gibt er ehrlicherweise keine Antwort.

Bachelard stammte aus einfachen Verhältnissen, sein Bildungsweg war ebenso steinig wie verschlungen, was viel zu seiner Originalität beigetragen hat. Unter anderem arbeitete er zunächst als Schalterbeamter in einem Postamt. Er geht in der »Bildung des wissenschaftlichen Geistes« sehr elegant darauf ein, wenn er den falschen Begriff von Masse mit dem Abwiegen von Luftpostbriefen illustriert. Überhaupt ist er der Meister der überraschenden Vergleiche. Nur Gesellschaft kommt in seinen Büchern nirgendwo vor.

Freiheit - wozu? Vielleicht, um zu denken, was einer denken will, heute über die Theorie des Radios, morgen über chemische Energie. Diese Freiheit nahm er sich. »Das Recht zu träumen« heißt eine 1970 posthum erschienene Sammlung seiner Aufsätze. Aber dazu, glücklich zu werden, reichte das nicht. Beiläufig nennt sich Gaston Bachelard einen »unglücklichen Philosophen«, weil er nur in »geschlossenen Systemen« denken könne, in Modellen, nach Methoden, wenn auch, wie hinzugefügt werden muss, in Modellen und nach Methoden, die er rascher wechselte als irgendein anderer. Aber die Transzendenz einer Totalität, eines »Universums« blieb ihm fremd, in religiöser Hinsicht ohnehin, aber auch in philosophischer: »Das Universum ist meine Ruhe. Das Universum ist meine Trägheit. Es ist niemals mein Denken.«

Gaston Bachelard: Der Surrationalismus. Herausgegeben von Monika Wulz, aus dem Französischen von Horst Brühmann und Kris Decker. Konstanz University Press, 152 S., br., 19,90 €.

Hans-Jörg Rheinberger: Der Kupferstecher und der Philosoph. Albert Flocon trifft Gaston Bachelard. Diaphanes, 126 S., br., 19,95 €.

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