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Das unerschrockene Wort

Fünfzig Jahre nach ihrem Tod erscheint eine Ausgabe mit Werken der Annette Kolb

Zum Schluss sah sie noch einmal zurück und entwarf für eine Anthologie ein »Selbstportrait«. Annette Kolb war nun 97 Jahre alt, eine kleine, grazile Person mit schmalem Kopf, eingefallenem Gesicht, großer Nase und obligatorischem Hütchen. Sie lebte seit 1961, ehrfürchtig, auch verwundert bestaunt, wieder ständig in München, eine Frau, die Schriftstellerin geworden war, obwohl ihr das Schreiben immer schwer fiel, ausgestattet mit Eigensinn und Stolz, »eine Erscheinung aus einer anderen Welt, einem anderen Jahrhundert«, wie Ursula von Kardorff respektvoll meinte. Ein letztes Mal erzählte sie ihre Geschichte.

Die begann am 3. Februar 1870, kurz vor Ausbruch des deutsch-französischen Krieges, in München. Der Vater, Gartenbau-Inspektor und zuletzt Wirklicher Hofrat, hatte einige der schönsten bayerischen Gärten angelegt, die umschwärmte Mutter, die noch von Offenbach im Klavierspiel unterrichtet wurde, war vor ihrer Heirat eine gefeierte französische Pianistin gewesen. »Erstens«, schrieb Annette Kolb gleich am Anfang ihres Beitrags, »habe ich die Musik sehr geliebt, dann habe ich die Literatur sehr geliebt, und als ich aufwuchs, da lag mir immer mehr am Herzen, daß die Franzosen und die Deutschen sich so liebten, wie ich die beiden zusammen liebte, denn ich habe zu beiden im gleichen Maße gehört.«

Das Selbstporträt ist der letzte Text in der druckfrischen Werkausgabe, die Annette Kolb fünfzig Jahre nach ihrem Tod am 3. Dezember 1967 in Erinnerung bringt. Es sind, von den prominenten Editoren Hiltrud und Günter Häntzschel bestens betreut und kommentiert, vier chronologisch angelegte Bände mit beinahe allem, was sie geschrieben hat. Im Zentrum die drei Romane »Das Exemplar« (1913), »Daphne Herbst« (1928) und »Die Schaukel« (1934), die Mozart- und die Schubert-Biografie sowie das autobiografische »Memento«, daneben die Erzählungen, die verstreuten Feuilletons, Betrachtungen und tagespolitischen Artikel, nie gesammelt und nie wieder gedruckt. Das Werk, nicht sehr umfangreich, immer nur in Teilen und Ausschnitten sichtbar, steht nun zum ersten Mal übersichtlich da, Zeugnis einer unbeirrbaren, früh bewunderten Autorin, die damals, weil sie nie heiratete, für ihre Freunde und Bekannten immer das Fräulein Kolb gewesen ist.

Sie war außergewöhnlich, keine Frage, eine Erscheinung mit Mut und Charakter, Anstand und Würde, eine Frau mit unerschrockenem Wort, die noch unter den widrigsten Umständen, ganz Lady, eine Noblesse ausstrahlte, die alle, die sie kannten, beeindruckte. Schon das junge Mädchen, reisefreudig, mit Paris so vertraut wie mit Rom und London, war es gewohnt, sich in imposanter Gesellschaft zu bewegen. Im Münchner Elternhaus fanden sich Diplomaten, Politiker, Gesandte, Musiker, sogar der päpstliche Nuntius ein. Und später, als Schriftstellerin, war unter den Freunden und Bewunderern viel literarische und künstlerische Prominenz: von Thomas Mann, dem ihre geistige Grazie imponierte, über Gerhart Hauptmann, Hermann Hesse, Hofmannsthal, Max Reinhardt, Romain Rolland bis zum Elsässer René Schickele, der ihr so nahe war wie kein anderer und in dessen pazifistischen »Weißen Blättern« sie begeistert publizierte. Seinetwegen zog sie 1923 sogar, »die Vogesen vor Augen, Deutschland im Rücken«, in seine Nachbarschaft nach Badenweiler.

Sie kannten sich seit 1915. Zwei Jahre zuvor hatte Annette Kolb mit ihrem ersten Roman »Das Exemplar«, der von der Liebe einer jungen Frau zu einem verheirateten Mann erzählte, gerade den Durchbruch geschafft und auf Anhieb den Fontane-Preis erhalten. Es folgte 1914 die Aufsatzsammlung »Wege und Umwege«, eine zornige Abrechnung mit den Großmachtbestrebungen des deutschen Kaiserreichs. Sie bekräftigte ihre Kritik Anfang 1915 in Dresden, als sie öffentlich gegen die nationalistische Hetze in Deutschland und Frankreich protestierte. Der Versuch, zwischen beiden Ländern zu vermitteln (der zur Lebensaufgabe wurde und sich durchs gesamte Werk zieht), endete im Tumult. Presse, Geheimpolizei und Kriegsministerium waren alarmiert. Man nahm ihr den Pass ab, überwachte sie, verhängte ein Briefverbot. Die Justiz ermittelte hektisch, um sie als Landesverräterin anklagen zu können, und nur mit Hilfe von Walther Rathenau gelang es ihr, den Verfolgern zu entkommen.

Annette Kolb floh Anfang 1917 nach Bern. Sechzehn Jahre später wiederholte sich alles. Sie sah, was da heraufzog. 1932 verteidigte sie in ihrem »Beschwerdebuch« die Demokratie, verbunden mit entschiedener Kritik an den Nazis. Monate danach hörte sie im Radio die Antrittsrede Hitlers, hörte die »Töne und Untertöne des Hasses, der Rachsucht, der hündischen Wut«. Sie wurde gewarnt und rettete sich im letzten Augenblick nach Basel. Zum zweiten Mal Exil. Sie lebte ein paar Jahre in Paris, dann kamen Hitlers Armeen und trieben sie mit ihren zwei Koffern und der Hutschachtel erneut in die Flucht. Über Vichy, Barcelona, Madrid und Lissabon ging es 1941 unter dramatischen Umständen nach New York. Später, 1960, hat sie das alles in ihrem Buch »Memento« festgehalten.

Ihre besten, glücklichsten, erfolgreichsten Jahre hatte Annette Kolb zwischen 1919 und 1933, erst in Berlin, dann in Badenweiler. Sie vertiefte sich in ihre Musikerbiografien, schrieb die Romane »Daphne Herbst« mit dem ironischen Blick auf den Niedergang der Wittelsbacher und »Die Schaukel«, ihr wohl bestes Buch, eine Erinnerung an die zauberhafte Atmosphäre im kultivierten Elternhaus und die Jahre des Vorkriegs. Nun, in den USA, kam ihre bitterste Zeit. Ihr war nichts geblieben. Sie lebte armselig und vereinsamt in einem winzigen Hotelzimmer in New York. Später musste sie die karge Behausung gegen ein noch kleineres Zimmer tauschen. Freunde halfen, so gut es ging: Dorothy Thompson, Thomas Mann, Carl Zuckmayer. Ihre Zuversicht kehrte erst wieder, als 1944 de Gaulle nach New York kam.

Im Oktober 1945 reiste Annette Kolb zurück nach Paris. 1946 kam sie das erste Mal wieder nach München. Freundinnen erzählten ihr, »wie keiner ein Nazi sein wollte und doch einer war«. »Kein Logen-, kein Parterreplatz waren ihr beschieden«, schreibt der Kritiker und Schriftsteller Albert von Schirnding im einleitenden Essay zur Werkausgabe. Die Emigranten stellten Fragen, die niemand hören wollte. Sie war nun für lange Zeit eine Fremde, aber sie gab nicht auf, arbeitete noch im hohen Alter, eine Legende längst, in ihrer kleinen Münchner Wohnung weiter, arbeitete bis zuletzt, müde und häufig niedergeschlagen, schrieb, »weil meine Meinungen fortfahren, mich zu plagen«, Artikel, Porträts, Erinnerungen. Hunderte Seiten hat sie aber auch wieder zerrissen.

Sie ist dann doch mehrmals geehrt worden. Eine Werkausgabe erhielt sie nicht. Franz Blei hatte sich eine Sammlung ihrer Prosa schon 1915 gewünscht. 1955 erneuerte der Romanist Ernst Robert Curtius diesen Wunsch. Die Bücher der Kolb, meinte er, »sind wertbeständig und müssen greifbar sein und sich neue Freunde gewinnen«. Erst jetzt hat das Warten ein Ende. Ein Glücksfall. Wie anders sollte man es nennen.

Annette Kolb: Werke, hg. von Hiltrud und Günter Häntzschel, Wallstein Verlag, Bibliothek Wüstenrot-Stiftung. Autorinnen des 20. Jahrhunderts, 4 Bde. im Schuber, zus. 2264 Seiten, geb., 49 €.

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