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  • Kultur
  • Islam, Christentum und die Weihnachtszeit

Advent der Verzauberten

Das religiös ausgezehrte Abendland in der Ära der Großen Wanderung - eine unzeitgemäße Betrachtung

  • Von Ingolf Bossenz
  • Lesedauer: 6 Min.

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Im Januar 1877 mietete Claude Monet ein Studio in der Nähe des Pariser Gare Saint-Lazare und malte insgesamt elf Ansichten dieses Bahnhofs im 8. Arrondissement der französischen Hauptstadt. Das impressionistische Kunstgenie war besessen von der gigantischen Geometrik, die in dynamisch-materiepraller Symbolik von Ankommen und Abreisen zugleich auf Übergreifendes, auf Europäisches und Globales verwies. Es war die Faszination eines säkularen Advents: die Ankunft der Moderne. Ein Vorgang, den der Soziologe Max Weber die »Entzauberung der Welt« nannte: die nun mögliche Beherrschung »aller Dinge« durch »technische Mittel und Berechnung«. Monets grandiose Gemälde machten den klassischen Kopfbahnhof zu einer der neuen Kathedralen, in denen für den alten Gott kein Platz mehr war. Den Boden dafür hatten Rationalismus und Aufklärung bereitet. »Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet!« - der deutsche Denker Friedrich Nietzsche stellte dem gemeuchelten Demiurgen den philosophischen Totenschein aus.

Seither ist die westliche Welt in einer steten Entchristlichung und Säkularisierung begriffen. In Europa sei heute, so der ehemalige vatikanische Glaubenspräfekt Kardinal Gerhard Ludwig Müller, eine »Entchristlichung der gesamten anthropologischen Grundlage« im Gange. »Alle Elemente des gelebten Glaubens, der Volksfrömmigkeit, sind zusammengebrochen.« Eine bittere Botschaft für die Kirchen, deren geistliche Geschäftsgrundlage damit zunehmend schwindet. Denn selbst unter den Mitgliedern der konfessionellen Gemeinschaften grassiert mit Blick auf den Gottesglauben eine relativierende Indifferenz, die den prokatholischen Publizisten Alexander Kissler den sarkastischen Satz formen ließ: »Die Mehrheit der deutschen Kirchensteuerzahler sind keine Christen.«

Der Advent, der an diesem Sonntag beginnt, trägt ungeachtet allen Glaubensverlustes nach wie vor den Ruf als Zeit der Besinnung und Besinnlichkeit. Sicher, der Zauber der Erwartung des Kommenden, des Ankommenden, muss - wie immer - mühselig unter merkantilem Geröll und Gepränge freigelegt werden. Die sanften Nebel des Numinosen haben - wie immer - kaum eine Chance in der klirrenden Kälte des Kommerzes. Des Apostels Paulus Wort »Jetzt ist die Zeit der Gnade« kann - wie immer - kaum in Kongruenz gebracht werden mit dem gnadenlosen Geschäft in den Tagen (diesmal sind es gar nur 22) bis Adventus Domini, der Ankunft des Herrn. Dennoch ist dieser Advent anders. Trägt er doch die Erinnerung mit sich, dass vergangenes Jahr in Berlin fünf Tage vor Weihnachten ein islamistischer Attentäter zwölf Menschen tötete und 55 verletzte.

Ob für den wenige Tage später in Italien von einem Polizisten erschossenen Dschihadisten die Inklusion seines Verbrechens in den Advent eine Rolle spielte oder ob es ihm vor allem um den von möglichst vielen potenziellen Opfern besuchten Weihnachtsmarkt als Mordort ging, muss offen bleiben. Für die mediale Berichterstattung und politische Bewertung war der Umstand, dass der religiös fundierte Terror ausgerechnet in dieser für Christen einst sakralen Zeit blutige Ernte hielt, eine Marginalie. Für die, denen der Advent gilt, ist er bestenfalls eine Abfolge hektischer Tage, mitnichten heiliger. Er ist - im Zusammenhang mit dem Massaker an der Gedächtnis(!)kirche - nicht der Rede wert.

Hingegen fehlt, wenn Anschläge, Angriffe, Kriegshandlungen vor einem islamischen Hintergrund erfolgen, die Einordnung in entsprechend sakral-rituelle Zeiten selten. Vor allem, wenn im Ramadan gebombt, geschossen oder gemessert wird, verweisen auch deutsche Medien auf das besonders Frevelhafte solchen Tuns. Zumal ihre ungläubigen Rezipienten ja bestens informiert werden über den islamischen Fastenmonat, der schon mal zur Vertagung von Verhandlungen oder zur Verschiebung von Sportwettkämpfen führen kann und dessen lähmende Auswirkungen auf den Schulunterricht inzwischen in Teilen Berlins zu den Imponderabilien der Arbeit des pädagogischen Personals zählen. Denn gemäß dem immer wieder im Ex-cathedra-Ton verkündigten Apodiktum gehört der Islam zu Deutschland.

Nun ist »gehören zu« eine schillernde Konstruktion, die »integriert sein in« genauso bedeuten kann wie »lasten auf«. Ersetzen wir die Wortwaberei doch durch eine einfache, klare und kalte Aussage: Der Islam ist hier. Und damit die Religion oder religiöse Ideologie, mit der Terroristen wie der Berlin-Attentäter Anis Amri ihre »Lizenz zum Töten« legitimieren. Gewiss ist die religiöse Überzeugung keine hinreichende Ursache für islamistischen Terror, aber eine notwendige Bedingung. Was ebenso eine Tatsache ist wie der Umstand, dass weltweit die meisten Terroristen Muslime sind (und die meisten Muslime keine Terroristen). Es sei denn, man folgt der tollkühnen These, die Don Quijote einst seinem treuen Schildknappen anvertraute: »Tatsachen, mein lieber Sancho, sind die Feinde der Wahrheit.« Die Talkshow-Debatten über Islam und Islamismus erinnern jedenfalls stark an Rededuelle in Shakespeare-Dramen: Mit möglichst missverständlicher Deutung einen möglichst absurden Un-Sinn zu unterstellen.

Doch außer dem Terror, der ja landläufiger Abwiegelungspropaganda zufolge weit ungefährlicher ist als Straßenverkehrs- und Haushaltsrisiken, gibt es hierzulande ein religiös konnotiertes Raster, das sich mit der wachsenden sicht- und spürbaren sowie latenten Präsenz des Islam über die gesamte Gesellschaft legt. Die in der heutigen Welt zweifellos glaubensstärkste und wirkmächtigste Religion stößt in die spirituellen Leerräume eines zunehmend säkularisierten Landes, in dem das Christentum vom identitätsstiftenden Bekenntnis zur kulturellen Metapher und dekorativen Folklore transformiert ist.

Als Angela Merkel auf einer Publikumsveranstaltung gefragt wurde, wie sie »Europa und unsere Kultur vor der Islamisierung schützen« wolle, war ihre Antwort: Durch »den Mut, zu sagen, dass wir Christen sind«, und »mal wieder in einen Gottesdienst zu gehen oder ein bisschen bibelfest zu sein«. Warum nicht? Wer Exportweltmeister kann, den sollte der Titelkampf um den Gebetsweltmeister nicht schrecken. Das Problem: Immer mehr von »uns« sehen und fühlen sich nicht mehr als Christen und haben auch weder Lust noch Interesse, »mal wieder in einen Gottesdienst zu gehen oder ein bisschen bibelfest zu sein«. Ein Zustand, zu dem die Großkirchen mit ihren Missbrauchs-, Finanz- und anderen Skandalen ebenso kräftig beigetragen haben wie mit ihrem mammonbasierten Staatsopportunismus. Ein Zustand mithin, in dem auch der viel beschworene interreligiöse Dialog kaum eine Option ist - mangels potenter Partner auf der einen Seite einer solchen zweiseitigen Veranstaltung. Was ebenso für die rührend-naiven Appelle gilt, letztlich würden »wir alle« doch an denselben Gott glauben, obwohl im einst christlichen Abendland die Indolenz gegenüber jedem Gottesglauben zunimmt.

Es ist eine historisch beispiellose Konstellation, dass ein vitales, streng strukturiertes und von Heilsgewissheit gesättigtes Glaubenssystem wie der Islam eine religiös hochgradig ausgezehrte Gesellschaft durchdringt. Eine Gesellschaft, in der Säkularität und Laizität als zivilisatorischer Fortschritt und Errungenschaften der Aufklärung galten. Zugleich trifft eine mit archaisch-atavistischer Virilität aufgeladene Auffassung von »Ehre« auf den hedonistisch verwässerten und weitgehend definitionsresistenten Würdebegriff des Westens.

Als die Kopfbahnhöfe zu Kathedralen des Fortschritts wurden, ging das einher mit einem neuen Glauben an eine lichte Zukunft, garantiert von den Mächten Wissenschaft und Technik. Es war der säkulare Gegenentwurf zu jener sakralen Verheißung, die mit der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus in die Welt getreten war: Die Erlösung wird kommen, alles wird gut.

Was kam, waren die Katastrophen des 20. Jahrhunderts, des »Zeitalters der Extreme« (Eric Hobsbawm), und die Segnungen des globalisierten Kapitalismus, der Millionen Menschen in Bewegung setzte, die keinerlei säkularisierende »Entzauberung« ihrer numinosen Werte erfahren haben. Die Große Wanderung, die gerade erst am Beginn ist, leitete so den neuen Advent des Abendlandes ein: die Ankunft der »Verzauberten«.

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