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Warum der Merseburger Rabe gedoubelt wird

Sachsen-Anhalt: Eine alte Sage um Treue, Missgunst und Reue lebt fort

  • Von Wolfgang W. Salzburg
  • Lesedauer: 3 Min.

Südlich von Halle an der Saale liegt Merseburg. Es ist eine Stadt, die besonders in den vergangenen 27 Jahren ihren alten Glanz wiedergewonnen hat. Eine kleine und feine Stadt mit viel Natur, Kunst und Kultur. Und ganz zu Recht wirbt sie mit dem Slogan »Merseburg bezaubert!«.

Wie so oft sind es besondere Ereignisse, die etwas, das sonst nicht im Fokus steht, sichtbar werden lassen. So war es auch im September 2016, als sich die Nachricht verbreitete, dass die steinerne Rabenskulptur, die seit 143 Jahren auf dem Rabenkäfig im Schloss thronte, in einem Akt von Vandalismus zerstört worden war, wobei sie in 75 Teile zersprang.

Und da war sie wieder, die Historie: Merseburg - Schloss - Rabe. Über tausend Jahre Geschichte wurden plötzlich wieder lebendig. Mersiburc civitas, so lautet die erste urkundliche Erwähnung Merseburgs im Hersfelder Zehntverzeichnis aus dem 9. Jahrhundert. Über Jahrhunderte war der Ort ein Zentrum des klerikalen wie säkularen Lebens. Persönlichkeiten der europäischen Geschichte lebten hier oder regierten von Merseburg aus. Doch vor allem blieben ein Bischof namens Thilo von Trotha und ein Rabe in Erinnerung, der zum Wahrzeichen Merseburgs avancierte. Womit wir wieder bei der zerstörten Skulptur wären. Gegen Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts regierte Thilo von Trotha in Merseburg. Man zählt ihn zu den bedeutendsten Bischöfen des Spätmittelalters - mit besten Verbindungen zu den sächsischen Kurfürsten, dem Kaiser und dem Heiligen Stuhl. Gut vernetzt, würde man heute sagen.

Das Haus derer von Trotha führte einen Raben im Wappen, und so hielt sich Bischof Thilo einen solchen, sozusagen als lebendige Insigne seines Geschlechts. Die Obhut über das Tier legte er in die Hände seines Jägers.

Eines Tages nun vermisste Thilo einen Siegelring, den ihm der Bischof zu Meißen einst als Zeichen der Freundschaft geschenkt hatte. Es widerstrebte von Trotha zunächst, seinen treuen Diener Johannes des Diebstahls zu verdächtigen. Die hohe Wertschätzung, die er ihm damit entgegenbrachte, rief, wie sollte man es anders erwarten, Neider auf den Plan. So brachte der Jäger dem gelehrigen Raben die Worte »Hannes der Dieb!« bei. Als der Rabe nun eines Tages über den Schlosshof flog und wieder und wieder »Hannes der Dieb!« krächzte, hörte das auch Bischof Thilo. Er nahm es als Gottesurteil an und ließ Johannes hinrichten.

Wochen später, so heißt es in der Überlieferung, wehte der Sturm ein Rabennest vom Dach des Schlosses und mit ihm auch den Siegelring. Nun ward dem Bischof bewusst, was für ein Unrecht er dem treuen Johannes angetan hatte. So verfügte er, dass ab sofort ein Rabe auf dem Schlosshof in Gefangenschaft zu halten sei - zur steten Erinnerung daran, welches Leid durch Diebstahl und falsch Zeugnis der Rabe verursacht hatte.

Bis in unsere Zeit steht so ein Käfig auf dem Merseburger Schlosshof, in dem ein Rabe zur Mahnung in Gefangenschaft gehalten wird. Erst 2006 gab es »Hafterleichterung«. Der Käfig wurde durch eine Voliere und ein Rückzugsareal erweitert. Auch bekam der Insasse auf Drängen von Zoologen Gesellschaft durch eine Artgenossin.

Wie die Tiere die Zerstörung der Rabenskulptur auf dem Käfig im Herbst 2016 erlebt haben, ist nicht bekannt. Die steinerne Figur ist inzwischen restauriert und findet - weil sie selbst schon historisch ist - ihren Platz hinter Glas im Kulturhistorischen Museum Schloss Merseburg. Versierte Steinmetze aus Weißenfels, Spender und Sponsoren haben das möglich gemacht. Eine detailgetreue Nachbildung ziert seit September, weithin sichtbar, wieder den Rabenkäfig und wird den bedauerlichen wie ärgerlichen Zwischenfall hoffentlich bald vergessen machen.

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