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Die Dämonen

»Les Misérables« von Frank Castorf am Berliner Ensemble

  • Von Gunnar Decker
  • Lesedauer: 6 Min.

Der Bauch von Paris ist überall. Auch im vorrevolutionären Havanna zur Zeit von Batista (mit Fidel-Castro-Fotos als Fingerzeig) oder im Berlin von Angela Merkel. Es ist eine triste Zeit, in der unweigerlich etwas zu Ende geht, aber man nicht weiß, was kommen wird. Nichts Gutes, das ist gewiss, sondern etwas, in dem sich Hass und Missgunst entladen werden, der Aufstand der viel zu vielen Ausgegrenzten, der Erniedrigten und Beleidigten. Kein Anlass, solcher Art Niedergang, der zum Vorspiel von Revolution wird, herbei zu wünschen. Es wird furchtbar werden, ein Zerstörungswerk durch Fanatiker welcher Couleur auch immer. Aber die Gegenwart, das ist ihre Eigenschaft, ist blind, bleibt blind.

Der Bauch des Molochs Paris also scheint übervoll, fragt sich womit. Jürgen Holtz ist der erste, der an diesem überlangen Abend von siebeneinhalb (!) Stunden am Berliner Ensemble die Bühne Aleksandar Denics betritt, ein drehbarer Bau von verblassender Kolonialprachtfront und tristem Hinterhof. In Leuchtschrift lesen wir: »Casino de Cuba«, ein Fass »Castrol«-Öl steht daneben. Denic variiert sein Bühnenbild zum »Ring des Nibelungen« von Castorf in Bayreuth - und das ist wohl richtig so. Denn worum geht es in Victor Hugos »Die Elenden«, wenn nicht um jene »lieblose Macht«, die sich globalisiert?

Das eben ist Castorfs Theater auch im Exil des Berliner Ensembles: assoziativ zwischen Orten, Zeiten, Realitätsebenen und Texten springend. Hier unternimmt es einer, eine einfache Geschichte zu erzählen: die der Läuterung jenes Jean Valjean, des entlassenen Kettensträflings, der wegen des Diebstahls eines Brotes und aufgrund mehrerer Fluchtversuche insgesamt neunzehn Jahre eingesperrt war. Nach seiner Entlassung bleibt er ein Stigmatisierter.

Einfache Geschichten aber sind abgründig, darum geht es im Folgenden. Jürgen Holtz also am Anfang einer lange Zeitreise stehend, hat den Bauch von Paris fest im Blick. Zola kommt an diesem schmutzig-schrundigen Abend, der aus Gemeinheit und Verrat gemacht ist und nicht enden will, namentlich nicht vor, doch er gibt den Ton vor. Was für eine Unterwelt aus lauter Scheiße, die die Stadt birgt! Fast eine halbe Stunde also widmet sich Holtz der Kanalisation. Naturvölker düngen ihre Felder mit Ausscheidungen, das führt zu stärkerem Wachstum. Die Großstadt aber spült die Fäkalien weg - in den Untergrund der Stadt. Den Augen verborgen sind sie doch da.

Den alten Jürgen Holtz auf der Bühne zu sehen, wie er am Stock langsam zu einem Stuhl geht, konzentriert und alle Aufmerksamkeit einfordernd, noch bevor er überhaupt ein Wort gesagt hat, ist eine Lehrstunde für jene, die Aktionismus mit Ausdruck verwechseln. Er spricht leise und eindringlich, aber was er sagt, das dringt mit kontrolliertem Vibrato durch: »Die Kloaken haben die Stadt verschlungen!«

Holtz ist einer der Anker dieses Abends, der wie ein Schiff im Hafen bei aufziehendem Sturm an der Kette zu zerren beginnt. Castorf sei Dank - oder Undank. Man beginnt diesen Regisseur, den man doch lange zu kennen meint, mit zunehmender Dauer der Inszenierung ganz neu und frisch zu hassen (und zu fürchten), so wie ein Gefangener den Schließer, der ihn in die Zelle sperrt, so lange wie es ihm gefällt. Man ist den extremen Zeitdehnungen dieses Regisseurs hoffnungslos ausgeliefert. Gewiss, man könnte flüchten und einige tun das im Laufe der Stunden, aber immer unter den verächtlichen Blicken der noch Ausharrenden.

Dabei hat der Abend in den ersten dreieinhalb Stunden (bis zu der einen Pause, die den Zuschauern bewilligt wird) durchaus Tempo. Er scheint zielstrebig und rhythmussicher - samt klug (bisweilen sogar artistisch) geführter Live-Kamera von Andreas Deinert und Mathias Klütz. Aber das wird sich alles zum Ende hin ändern - Castorf kann seinem Publikum nicht gefallen wollen, er will offenbar in Unfrieden scheiden und reißt das mühsam Aufgebaute eigenhändig wieder ein. Das Ziel heißt: Zermürbung noch (und gerade) der Gutwilligsten.

Natürlich vermisst man Wuttke, Rois, Scheer oder Angerer aus Volksbühnentagen, die auch bei solchen schier unendlichen Exerzitien jene Eindringlichkeit bewahrten, die das Spielvakuum aufzufüllen vermochten. Das bleibt hier aus, auch wenn besonders Valery Tscheplanowa und Andreas Döhler etwas Leittierhaftes in sich tragen. Bei Tscheplanowa überrascht das nicht, ihr lächelndes Gesicht ist eine Maske, hinter der sich die Wucht aufbaut, mit der Castorf der feindlichen Welt trotzt. Bei Döhler dagegen, vom Deutschen Theater Berlin ans Berliner Ensemble gewechselt, spürt man eine lange zurückgestaute Energie. Wo er am DT als Jochen Schanotta von Georg Seidel aufhörte (mehr Kunst als Waffe entwickelt dieses Theater derzeit nicht), setzt er nun an: und siehe, er kommt weit damit. Wuchtig, dabei verunsicherbar, auf der Stelle rasend und plötzlich still innehaltend, ist er das Ereignis des Abends: ein von Castorf mit sich selbst auf der Bühne ausgesetzter Schauspieler von Format! Auch Rocco Mylord, Castorfs Sohn, ist als Gavroche dabei, macht seine Sache gut.

Aber nun zeigt sich das dramaturgische Problem des Abends, und das ist - trotz aller gegenteiligen Beschwörungen - ein ärgerliches. Kurz vor der Pause treffen Jürgen Holtz als Priester und Andreas Döhler als Ex-Sträfling Jean Valjean aufeinander. Eine Schlüsselszene. Döhlers Val᠆jean, der überall davon Gejagte, findet hier Aufnahme, wird wie ein geachteter Gast empfangen und bewirtet. Großartig, wie sich hier zwei Schauspieler in einem jener Momente begegnen, wo die Menschen im Schatten übermächtiger Dämonen stehen, zwischen rücksichtlosem Eigennutz und milder Nächstenliebe hin- und hergerissen werden.

Jean Valjean unterliegt in diesem Kampf, bestiehlt seinen Wohltäter und wird mit einem Sack voller Tafelsilber verhaftet. Mit dem Priester konfrontiert, bekundet dieser, ihm das Silber geschenkt zu haben und gibt ihm noch zwei Leuchter obendrein. Das ist etwas für Valjean bislang nicht Vorstellbares gewesen: Er wird geschont aus Nächstenliebe. Ein Schock, der ihn tatsächlich verändert. Hugo-Leser wissen, dass dies nicht das Ende der Geschichte ist. Seine Verfolger spüren ihn viele Jahre später auf, als er längst als Bürgermeister einer Gemeinde ein rechtschaffenes Leben führt. Aber das darf er nicht, die kalt-zynische Logik von Recht und Gesetz reißt ihn wieder in den Abgrund. Erpresst damit, dass man einen anderen statt seiner unschuldig büßen lassen wird, stellt er sich mit den erschütternden Worten: »Mein Platz in der Galeere ist unbesetzt.«

Von der Priesterszene und dieser Selbstoffenbarung eines mit seinem Gewissen Ringenden führt ein kurzer Weg, aber nicht bei Castorf; und das ist nun wirklich unverständlich, es ist sogar grundfalsch, weil von ungezügelter Egozentrik zeugend. Denn jetzt erliegt Castorf dem Versucher: ausführlicher (komplett sinnloser) Hustenbonbonwerbung folgt eine gefühlte Stunde Exkurs zu Heiner Müllers »Der Auftrag«, bis wir endlich wieder bei Jean Valjean sind. Zu spät, der Aufmerksamkeitsfaden ist zerrissen. Castorf hat hier nicht nur Döhler eine Szene ruiniert, er verrät auch Valjean. Ein altes Problem ist wieder da: nicht ein Ende, sondern zehn, mindestens. Castorf kann einfach nicht aufhören. Ist das nun eine gute oder eine schlechte Nachricht?

Als nachts um halb zwei dann doch gänzlich überraschend die Lichter ausgehen und tatsächlich Schluss ist, weiß niemand darauf eine Antwort, man applaudiert den Schauspielern für diese Mammutvorstellung, aber irgendwie halbherziger, als es zwei Stunden zuvor der Fall gewesen wäre. Jeder denkt jetzt an sich: endlich frei, schnell raus in die Nacht!

Nächste Vorstellungen: 15., 16., 28. und 29. Dezember

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