Am Ende muss es Gauland richten

Die AfD hat auf einem chaotischen Bundesparteitag eine neue Doppelspitze gewählt

  • Von Robert D. Meyer
  • Lesedauer: 4 Min.

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Bundesparteitag der AfD: Am Ende muss es Gauland richten

Mit einer Geste der Demut trat Alexander Gauland am Samstagabend vor die versammelten Journalisten. Wenige Minuten zuvor hatte ihn der AfD-Bundesparteitag in Hannover mit 67,8 Prozent der abgegeben Stimmen zum Co-Vorsitzenden neben Jörg Meuthen gewählt. Für den 76-Jährigen war das in mehrfacher Hinsicht kein Traumergebnis. Wenige Stunden zuvor hätte niemand darauf gewettet, dass es Gauland doch machen würde. Nachdem er in den Tagen vor dem Parteitag zunächst noch mit dem Posten sorgsam dosiert kokettierte, sickerte am Samstagmittag zunächst die Nachricht durch, dass der Co-Vorsitzende der AfD-Bundestagsfraktion definitiv nicht in das höchste Parteiamt strebe. Doch da wusste noch niemand, in welche komplizierte Pattsituation sich der Parteitag manövrieren würde.

Und so verharrte Gauland nach seiner Wahl mit gesenkten Kopf neben Meuthen. Die Geste passte zu dem, was er auf der improvisierten Pressekonferenz erklärte: »Ich habe mich in die Pflicht nehmen lassen«, sagte Gauland. Gewollt habe er das nicht, diese Bewerbung habe er sich »anders vorgestellt«. Tatsächlich hatte Gauland vor, erneut als Parteivize zu kandidieren. Dieser Posten wäre ihm sicher gewesen, wohl wie jedes andere Amt auch, das in Hannover besetzt wurde. Denn klar wurde an diesem Tag erneut: Die AfD kann nicht ohne ihren mächtigen Übervater, auf dessen Ratschläge die Delegierten wiederholt vertrauten.

Gauland war es, der den Parteitag aus einer Sackgasse lotste. Nachdem die Wahl Meuthens mit 72 Prozent und ohne Gegenkandidaten fast geräuschlos über die Bühne ging, stellte sich die Wahl des zweiten Sprechers als überraschend kompliziert heraus. Dabei sah es zunächst so aus, als könnte der Berliner AfD-Chef Georg Pazderski einen Start-Ziel-Sieg einfahren. Doch mit seiner Bewerbungsrede lieferte der 66-Jährige seinen Gegnern Steilvorlagen, die diese nutzen konnten, sofern sich ein geeigneter Gegenkandidat finden würde. Letztlich fand Pazderski seine Antagonistin und Bezwingerin in der Überraschungskandidatin Doris von Sayn-Wittgenstein. Taktisch klug hatten die völkischen Nationalisten um Björn Höcke die Landesvorsitzende von Schleswig-Holstein in Stellung gebracht. Ihr oberstes Ziel: Pazderski als zweiten Vorsitzenden zu verhindern.

Der hatte bei vielen Delegierten gleich mehrfach für Unmut gesorgt. In die gleiche Falle wie Frauke Petry vor einem halben Jahr in Köln trat der Berliner Landeschef, indem er erklärte, die Rechtsaußenpartei möglichst schnell auf Regierungskurs bringen zu wollen. Fast unausweichlich folgte daraufhin die Frage eines Delegierten, welche Positionen Pazderski in möglichen Koalitionsverhandlungen zuerst opfern würde. Auch seine Haltung zum immer noch laufenden Ausschlussverfahren gegen Höcke sorgte für Unmut. Viele dürften nicht vergessen haben, dass er bisher vehement für einen Rauswurf plädiert hatte. Angesichts eines möglichen Machtzugewinns klang er in Hannover dann anders: Der neu gewählte Bundesvorstand habe die Angelegenheit zu bewerten, so Pazderski.

Sayn-Wittgenstein griff diese Aussagen nicht ungeschickt auf. Insbesondere die Vertreter der Landesverbände Thüringen und Sachsen-Anhalt, in denen die Völkischen besonders stark sind, besorgten mit Jubelstürmen den Rest, um die Parteitagsstimmung in die gewünschte Richtung zu lenken. Und so kam es, dass Sayn-Wittgenstein im ersten Wahlgang knapp vor und im zweiten nur knapp hinter Pazderski landete. Da beide allerdings die nötige Mehrheit verfehlten, steuerte der Parteitag auf eine Pattsituation zu, die Gauland mit dem Vorschlag einer 15-minütigen Pause durchbrach. Am Ende ergaben die eilig zusammengerufenen Hinterzimmergespräche: Gauland macht es. Zurück blieben eine unbeschädigte Sayn-Wittgenstein, die sich als neue Hoffnungsträgerin der völkischen Nationalisten präsentieren konnte, und ein schwer angeschlagener Pazderski, der in seiner späteren Wahl zum Parteivize allenfalls ein Trostpflaster sehen dürfte.

Obwohl André Poggenburg als Kandidat jener Kräfte, die die AfD in rechtsradikale Positionen drängen, gegen den erklärten Islamfeind Albrecht Glaser in einer weiteren Parteivizewahl unterlag, waren es doch die völkischen Nationalisten, die den Parteitag letztlich als Sieger verließen. Die neu gewählte Doppelspitze ist ihnen wohl gesonnen.

Jörg Meuthen, dem lange das Image des biederen Professors anhaftete, versteht sich blendend mit Höcke und Poggenburg. Dieses Bekenntnis erneuerte der Ökonom, indem er in seiner Bewerbungsrede klarstellte, zum Zusammenschluss des sogenannten Flügels zu stehen, in dem sich die völkischen Kräfte organisieren. Gauland indes hält seine Hand immer wieder schützend über die Vertreter der radikalen Rechten, falls ihnen innerparteilicher Ärger droht. Interessant wird es sein zu beobachten, wen der 76-Jährige in den nächsten zwei Jahren seiner Amtszeit zu seinem Kronprinzen aufbauen wird.

Größte Herausforderung dürfte es für die neue Doppelspitze werden, die Partei weiter zusammenzuhalten. Zu deutlich wurde in Hannover der Riss zwischen denen, die die AfD erst einmal auf Fundamentaloppositionskurs sehen und jenen, die die Partei in absehbarer Zeit koalitionsfähig machen wollen. Letztere drohten gar mit Rebellion, hätte sich Sayn-Wittgenstein als Co-Vorsitzende durchgesetzt. Doch dies wusste der Taktierer Gauland zu verhindern. Beschwichtigend erklärte er am Samstagabend: Die AfD sei eben Teil einer Bürgerbewegung, aber auch konservative Reformpartei.

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