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Wer Meister wird, soll aufsteigen

Christoph Ruf wünscht dem DFB bei der Reform der vierten Ligen viel Mut im Konflikt mit den Profiklubs

  • Von Christoph Ruf
  • Lesedauer: 4 Min.

Es ist schon komisch, wie flexibel der offizielle deutsche Fußball sein kann. Jahrelang wiederholten alle Vertreter des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) immer wieder, wie nötig doch Kollektivstrafen nach Zuschauerausschreitungen seien, ehe dann nach massiven Fanprotesten plötzlich doch ein Einlenken möglich war und der DFB-Präsident höchstpersönlich deren Ende ins Spiel brachte. Natürlich sollte ausdrücklich begrüßt werden, wenn sich beim DFB etwas tut. Denn auch eine Einsicht, die spät kommt, ist schließlich eine Einsicht.

Oder geht es in den aktuellen Debatten doch eher um Opportunitätserwägungen? Es wäre nicht wirklich überraschend, denn auch die große Politik wird oft von Meinungsumfragen getrieben. Jedenfalls fällt auf, dass der Verband derzeit gleich auf mehreren Feldern lange besetzte Positionen räumt, ohne das inhaltlich zu begründen. So konnten die Regionalligisten von Cottbus bis Saarbrücken und von Lübeck bis Burghausen jahrelang meckern, wie sie wollten: An dem Aufstiegsmodus aus der vierten in die dritte Liga änderte sich nichts. Dabei ist das System, in dem die jeweiligen Erstplatzierten aus fünf regionalen Staffeln und der Zweite der mitgliederstarken Südweststaffel um die begehrten drei Aufstiegsplätze kämpfen, hochgradig unfair.

Trotzdem konnte jeder DFB-Spitzenfunktionär bislang noch nachts um drei Uhr runterbeten, warum eine Reform völlig undenkbar und ebenso wieder unfair wäre. Doch jetzt – man höre, staune und lese - soll beim DFB-Bundestag am Mittwoch tatsächlich über eine Reform des Aufstiegsmodus debattiert werden.

Die größten Chancen werden einem Modell eingeräumt, das DFB-Präsident Reinhard Grindel favorisiert: Es gäbe dann zwei direkte Aufsteiger aus den Regionalligen West und Südwest. Die Meister aus dem Norden, Nordosten und Bayern sollen zwei weitere Aufsteiger ausspielen, von denen es künftig also vier gäbe. Das wäre schon etwas besser als bisher, würde aber immer noch nicht dafür sorgen, dass der Meister jeder Staffel aufsteigt. Dabei geht es in der Debatte doch genau darum.

Es käme zudem zu neuen Ungerechtigkeiten, wie der Sächsische Fußball Verband zu Recht anmahnt. Die beiden festen Aufsteiger könnten schon Spieler für die kommende Saison verpflichten, bevor die anderen drei Meister die Playoff-Spiele bestreiten und erst danach verspätet ins Transferrennen um die besten Spieler einsteigen.

Der DFB betont, wie vertrackt die Reform sei. Wer an der vierten Liga herumdoktere, verändere eben auch die Ligen darüber und darunter. Aber wäre das so schlimm? Es gäbe ja durchaus auch ein paar recht einfache Lösungen, auch wenn die nicht allen gefallen würden. So könnte man die gegenwärtige Ligastruktur - mit einer eigenständigen Nordost-Staffel - beibehalten und jedem seinen Aufsteiger zugestehen, wenn es statt bisher drei dann fünf Absteiger aus der eingleisigen dritten Liga gäbe. Zum Nachteil wäre das nur für die zwei zusätzlichen Absteiger. Die Aufwertung der vierten Ligen aber käme allen Regionen zugute.

Vorausgesetzt, man schlachtet eine weitere heilige Kuh. Denn die vierten Ligen stört in ihrer Entwicklung auch die große Zahl der Profi-Zweitvertretungen. Weder zu Hause noch auswärts wollen die Fans den FC Ingolstadt II oder den FC St. Pauli II sehen. Die zahlreichen Traditionsvereine wie FC Saarbrücken, Kickers Offenbach, Rot Weiß Essen, Waldhof Mannheim, Energie Cottbus freuen sich eher auf die bestens besuchten Derbys untereinander und stöhnen über Spiele gegen Zweitmannschaften aus Augsburg oder Bremen, wenn nur diejenigen Fans ins Stadion kommen, die am Samstag wirklich gar nichts Besseres zu tun haben.

Gegen den Rauswurf der U23-Mannschaften wehrten sich bislang die mächtigen Profivereine mit dem Argument, ihr Nachwuchs brauche Spiele gegen gute Mannschaften, um sich auf das rauere Klima in der ersten und zweiten Liga einzustellen. Doch auch diese Front bröckelt: Frankfurt, Leipzig und Leverkusen haben ihre Zweitmannschaften in den vergangenen Jahren bereits abgemeldet, Stuttgart könnte bald folgen. Sie alle glauben, dass die wirklich großen Talente auch ohne jenen Umweg den Sprung von der A-Jugend ins Profiteam schaffen.

Also: weg mit den Zweitmannschaften, die jeweils Ersten einer Spielklasse steigen auf - und prompt wären mit einer einzigen Reform weit bessere Bedingungen für mehr als 100 Mannschaften mit geschätzten 80 000 Stammgästen in der ganzen Republik geschaffen. Ob sich der DFB das traut?

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