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Mit der »Schaarhörn« über Elbe und Förde

Ehrenamtliche treffen sich wöchentlich in Hamburg, um den einstigen Luxusdampfer zu pflegen

  • Von Folke Havekost, Hamburg
  • Lesedauer: 3 Min.

Statt des Kaisers ging Kuttel Daddeldu an Bord. Sicher ist das nicht, wer kann dem Dichter schon trauen. Aber zumindest Joachim Ringelnatz betrat vor hundert Jahren die Planken der Schaarhörn. Ein Kohledampfer, den der Hamburger Senat sich unter falscher Flagge erschummelt hatte, um seinen Staatsgästen eine kommode Hafenrundfahrt bieten zu können.

»Das Meer erglänzte hinten und vörn/ und links und rechts und daneben./ Wir saßen von Wogen umbraust auf Schaarhörn/ und knobelten um das Leben«, dichtete Ringelnatz 1917, damals noch kriegsbegeistert (»Es strahlt ein deutscher, ein herrlicher Traum.«). Auf dem Minensuchboot vor Cuxhaven diente er als Vizefeuerwerker, ehe er im Oktober 1917 zum Leutnant befördert wurde und der Mannschaft zu diesem Anlass Schnaps und Zigarren ausgab.

»Hier ist alles original, wie vor hundert Jahren«, sagt Hans-Jürgen Graf im Maschinenraum. Der 78-Jährige ist der Vorsitzende der 200 »Freunde des Dampfschiffs Schaarhörn«, die sich dem 1908 in Steinwerder gebauten Zweischraubendampfer aus Stahl verschrieben haben und sich wöchentlich zur Pflege des 42 Meter langen Schiffes treffen. Es gibt viel zu tun für die Decksleute, Maschinisten, Heizer, für Service und Smutje - ob an den schmalen Treppen zum Kesselraum oder beim Messingputzen an Deck.

Ab Mai fährt die Schaarhörn wieder über Elbe, Förde oder Nord-Ostsee-Kanal. Dafür muss der Kessel 36 Stunden vor der Abfahrt angeheizt werden. 16 000 Liter Wasser verdampfen dann durch 186 Rauchrohre, um das Traditionsschiff in Bewegung zu versetzen. »1908 entsprach das einem guten Stand der Technik«, erklärt Martin Scharlach bei einer Probebefeuerung. »Wir tun etwas für Hamburg und sein maritimes Erbe«, schildert Graf seine Motivation, sich nach 45 Jahren als Autoverkäufer nun ehrenamtlich der Seefahrt zu widmen: »Und es ist schöner, als wenn Sie alleine im Keller mit der elektrischen Eisenbahn spielen.«

Also ist Graf der Zahlmeister eines Schiffs, das der Senat vor über hundert Jahren in der Bürgerschaft als Begleitfahrzeug für Saugbagger zur Elbvertiefung durchsetzte. Die Baubehörde bestand auf einer »geschmackvollen Ausstattung«, und nach Fertigstellung wunderten sich die Abgeordneten, warum ein einfacher Peildampfer über Zentralheizung, elektrische Beleuchtung und Warmwasser verfügen musste, statt Bullaugen Panoramafenster eingesetzt waren und der Saal nicht nur mit Seidentapeten, sondern - wie im Rathaus - mit einem Oberlicht ausgestattet war. Schnell kam der Verdacht auf (und mündete 1910 in eine Untersuchungskommission), dass der Senat sich für 213 000 Goldmark ein Repräsentationsschiff erschlichen hatte, um Kaiser Wilhelm II. bei Besuchen über die Elbe zu gondeln.

Doch Wilhelm blieb fort. Der Weltkrieg kam, in dem das Schiff vor Cuxhaven zur Vermessung und zur Minensuche verwendet wurde. Dort fiel die luxuriöse Ausstattung nicht minder auf. »Da die Messe, wo wir speisten, große Glasfenster hatte, konnten die Leute von draußen uns beobachten«, schrieb der beförderte Ringelnatz in sein Tagebuch: »Natürlich wurde uns auf einem besseren Geschirr serviert.«

Drei Jahre später, in unsicheren Friedenszeiten, ließ Ringelnatz seinen Kuttel Daddeldu in Le Havre an Land gehen. 1923 blickte er spöttisch auf die Kaufmannsstadt im Norden zurück: »Und alles kenn’ ich: Backbord, Luv und Lee,/Das Rundstück warm, die Segel und die Lichter,/Die hellen abgesalzenen Gesichter./Fuhr ich vielleicht umsonst sechs Jahr’ zur See!/Hier bunte Ratsherrn flatternd um die Masten,/Dort steife Flaggen, die zur Börse hasten./Und steife Grogs, Qualm, Tabak, Nebeldunst./Du frägst nach Kunst? Ach Hummel, Hummel - Kunst!«

Die Schaarhörn, die im Jahr 1972 nach Schottland verkauft und 1990 von Hamburger Kaufleuten zurückgeholt und restauriert wurde, überwintert derweil als Traditionsschiff in der Hamburger Hafencity - und bietet zur Finanzierung der Schiffspflege Ringelnatz-Rezitationen mit Drei-Gänge-Menü an, die nächste am 9. Dezember.

An maritimen Versen mangelt es schließlich nicht: »Daddeldu bedrohte zwecks Vorschuss den Steuermann./Schwitzte den Spiritus aus. Und wusch sich dann.«

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