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Schöpferische Ungeduld des Papiers

Walter Libudas »Magische Areale« in der Galerie Pankow

  • Von Harald Kretzschmar
  • Lesedauer: 5 Min.

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Man sagt es so leichthin: Papier ist geduldig. Leid kann es einem tatsächlich tun - was hat es nicht alles auszuhalten! Die Bürokratie sorgt dafür, dass Massen von Blödsinn auf diesem geschrieben und gedruckt wird, ohne dass es sich dagegen wehren kann. Welch überflüssiger Quatsch wird darin eingewickelt, dass es eigentlich schreien müsste! Papiermüll, aufgeweicht oder zerrissen oder verbrannt oder anderweitig zugrunde gerichtet, säumt unseren Weg. Und die neuerliche Gewohnheit der Kunsterklärer, grafische Blätter als »Arbeiten auf Papier« zu benennen, ist eher eine Herabwürdigung als eine treffende Bezeichnung.

All das ist dieses köstlich kostbaren Werkstoffs unwürdig. Sensible Hände sehnen sich danach, ihn zu berühren und schöpferisch damit umzugehen. Die Finger streicheln darüber. Sie knicken und falten ihn. Sie beschreiben, bezeichnen oder bemalen die Oberfläche mit Zauberhaftem. Sie spüren das aus seiner pflanzlichen Herkunft rührende Naturhafte an ihm. Aalglatt poliertes Metall oder griffrau abweisender Beton sind seine Feinde. Mit der von Giftstoffen angereicherten Computerisierung verarmt die menschliche Natur bereits spürbar in Richtung totaler Technisierung. Das kompliziert Konstruierte ist hilflos Papier gegenüber. Roboter verachten es. Warum? Sie kennen weder Kummer noch Spaß. Humor ist bei ihnen undenkbar.

Gewiss, es ist ein seltsames Fatum. Inzwischen ist nachweisbar, wie menschliche Regungen selbst in der Kunst verkümmern, wenn Naturgegebenes zunehmend negiert wird. Das alles beherrschende, vom PC oder Handy gelenkte Fotografieren tötet oft genug den vitalen Impuls ab. Maler des Expressiven wie Walter Libuda bemerken, ja wissen das. Kein Wunder, wenn sie dem ständig primitiv abgekupferten Naturabbild entsagen. Natursinn, Naturform und Naturfarbe bringen sie unmittelbar auf die Leinwand. Oder eben auf Papier. Oder als Gipfel nun mit dem Papier. Den Reiz auskosten. Und von anderen auskosten lassen.

So fängt der als Schöpfer übergroßer ölfarbintensiver Bildkompositionen Bekannte diesmal unsere Fantasie mit kleineren Gouachen ein. Grafische lineare Strichstrukturen durchziehen das Malerische. Eine kargere, dennoch kostbare Farbigkeit durchströmt sie. Tusche, Tinte, Farbstifte, Deckweiß, Grafit, Kohle, Kreide, Pigmente, Kugelschreiber, Feder, Pinsel, Faltung, Collage, Wachs, Papiermache kommen zum Einsatz. In den achtziger Jahren beginnt das als Befreiungsschlag in neue Dimensionen. Zwanzig Jahre später ufert es aus in bizarre Lineamente. Ein Wechselspiel der Farbe darin. Leuchtend oder verhalten. Wärmend oder frostig fremd. Eher lüstern flüsternd als schroff schreiend.

Ein Programm über die eine Dimension hinaus: Geheimnisvolle Bildszenerien sind in der organischen Substanz des Papiers zu materialisieren. Dasselbe wird aus seiner immer nur als Unterlage dienenden Rolle heraus zu neuen Freiheiten erlöst. Zu Objekten und Assemblagen aufgefaltet und ausgebaut, kann es immer noch malerische Bearbeitung aufnehmen. Geübte Handfertigkeit improvisiert abstrakte Gegenstände. Ungeahnte Antennen der Betrachtenden werden animiert. Eindeutige Weisung wie einspurige Erklärung sind nicht mehr gefragt. Auf der vagen Ebene der Vieldeuterei wird der Deutungswille des Publikums verunsichert. Kurios anmutende Bildtitel wie »Nachtschacht grün«, »Langustentreffen« oder »Grashüpferland« und »Pinguine am Horizont« veralbern bierernstes Bemühen. Nicht nur dabei hat der Meister sich von Paul Klee anregen lassen. Lustvoll heiteres Spiel mit den verschiedensten Bildelementen gehört dazu.

Der da als Theatermaler in Altenburg in die Kunst eingestiegene Sachse des Geburtsjahrgangs 1950 kam 1973 an die richtige Adresse zur Leipziger Kunsthochschule. Ein prominentes Mitglied der legendären »Leipziger Schule« zu werden, die Chance kam nach dem Diplom mit der Meisterschülerschaft bei Bernhard Heisig. Da das alles an der Hochschule für Grafik und Buchkunst stattfand, wurden zeichnerische Fähigkeiten gefördert. Denn das sollte ein Qualitätsmerkmal im Wettbewerb mit dem rheinischen Modernitätsmonopol bleiben. Oft genug bleiben Farbkultur und grafische Raffinesse auf der Strecke, wenn das spektakulär Marktgängige angepeilt wird. Am ehesten arbeitete dort Sigmar Polke auf dieser Spur - zu großspurig allerdings, wenn er sich ungehemmt bei Fremdmaterial bediente.

Das Gegenteil in Bezug auf das rechte Maß können wir nun mühelos in der Galerie Pankow feststellen. Der Künstler selbst realisierte dort die Hängung zusammen mit der Galeristin Annette Tietz. Diese hat mit Michael Freitag in Quedlinburg und Bernd Heise in Dresden die Kooperation mit deren kommunalen Galerien zustande gebracht. Die Namenspatrone Lionel Feininger und Leonhardi sorgen für solide Adressen. Und hier ist uns Pankow schon lange dafür vertraut. Die Raumsituationen sind grundverschieden. So ist auch dieses Mal für den Maler wieder ein neues Spielfeld entstanden. Hier schöpft er es voll aus, indem er im großen quadratischen Mittelraum mit jeweils vier Formaten übereinander ein wahres Bilderfest inszeniert. Wann ist »Petersburger Hängung« schon weniger eine Notlösung als eine Offenbarung gewesen?

Da können zum Ausgleich vor den großen Fenstern und im schmalen Gang Einzelstücke zur Wirkung kommen. Auf kürzere Distanz sehen wir dichte Strichkompositionen. Dazwischen immer wieder die pappenen, kuriosen Buchobjekte. Schwer, der Versuchung zu widerstehen, sie mit den Fingern zu betasten.

Zu fragil zum Erwerb, können sie den gerahmten Blättern in der Publikumsgunst den Vortritt lassen. So manche kahle Wand in so manch wohnlicher Behausung könnte solch einen papierenen Libuda zur Zierde vertragen. Man kann immer und immer wieder darauf schauen - und entdeckt erneut ein Seherlebnis. Aber wem sage ich das. Der uns überall bis ins weihnachtliche Kalenderangebot hinein bedrängende Wandschmuck-Kitsch hat ja noch nicht gesiegt. Oder?

»Walter Libuda: Magische Areale. Arbeiten mit Papier«, bis zum 21. Januar in der Galerie Pankow, Breite Straße 8, Pankow

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