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Alte Stiche

Bei uns im Vorort, im Nordosten Berlins, bereitet sich alles auf die Zukunft vor. Zukunft heißt ja nichts anderes, als dass wir alle immer älter werden. Jeder Einzelne, jeden Tag. Die Uhr tickt unerbittlich.

Vor einer Weile hat ein Sanitätshaus eröffnet, das allerhand Bandagen, Gehhilfen und orthopädisches Schuhwerk anbietet. In einer ehemaligen Kaufhalle befindet sich jetzt eine Senioren-Tagesbetreuung. Schon länger empfängt ein Hörgeräteladen seine Kunden, es gibt zwei Optiker, sogar an drei Orten kann man zur Physiotherapie gehen. Oder humpeln. Oder rollatieren. Im Untergeschoss der einen Praxis wird ein Kaffeehaus betrieben, dessen Besitzer alle zwei, drei Jahre wechselt und in dem sich vor allem Menschen etwas gönnen, die keiner geregelten Tätigkeit mehr nachgehen müssen.

Der fitte Teil der einheimischen Seniorenschaft trifft sich morgens, pünktlich um acht, an einem der Supermärkte, um die allerneuesten Schnäppchen zu erjagen. Der malade Teil findet sich im Ärztehaus ein. Auch die Doppelmitgliedschaft in beiden Gruppen ist möglich. Kurz gesagt: Bei uns im Vorort gibt es alles, was das allmählich vor sich hin alternde Herz begehrt. Passenderweise haben wir gleich zwei Friedhöfe, denn wo Ruhe die erste Bürgerpflicht ist, da ist die letzte Ruhe die letzte.

Nun aber geschah das Unerwartete: In einen Eckladen, der bis vor ein paar Monaten ein Blumengeschäft beherbergte, ist ein neues Gewerbe eingezogen. Nicht nur ein neues, sondern ein für unseren Vorort neuartiges. Der Blumenhändler war ein liebenswerter, aber komplett geschäftsuntüchtiger Mann, der immer gute Ratschläge und unendlich viel Zeit hatte. Aber der Vietnamese an der nächsten Ecke war einfach billiger.

Nach der Blumenpleite stand der Laden etliche Wochen leer, dann tat sich etwas. Und jetzt haben wir, genau vis-à-vis vom Sanitätshaus, schräg gegenüber von der Heilgymnastik, ein Tattoo-Studio. Mit Leuchtreklame, grellbuntem Interieur und englischen Werbeworten. Es ist so, als würde Primark eine Filiale in der Seniorenresidenz »Goldener Abend« eröffnen. Ein Hauch von Rock ’n’ Roll hat unseren Vorort erreicht.

Seitdem fragt man sich: Welche Zielgruppe hat der Betreiber? Was steht in seinem Businessplan? Wer wird bei ihm vorbeischauen, auf dem Weg vom Renteabheben zur Apotheke? Ist der Tattoo-Meister verrückt und weltfremd - oder ein Visionär? Wahrscheinlich Letzteres. Denn heute schon trägt gefühlt jeder Zweite ein Tattoo spazieren. Es ist kein Privileg der Jugend mehr, und so, wie bald die Alten ihre Hörgeräte verzückt auf Heavy-Metall-Modus einstellen werden, um AC/DC voll aufzudrehen, so werden sie zum Bilderstecher pilgern. Auch sie wollen schließlich cool sein.

So wird der Tattoo-Laden zum Vorreiter der finalen Gentrifizierung. Wir lassen einfach die Zwischenstufen weg, all die Studenten und Künstler, die Veggie- Shops und Mom-&-Kids-Läden, und kommen gleich zur logischen Konsequenz des Ganzen. Das nennt sich Effizienz.

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