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Keine Verlierer mehr

Frank Viehweg

  • Von Henry-Martin Klemt
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Liebe muss frei sein, glaubt der Dichter, und er meint damit nicht die Beliebigkeit sexueller Begegnungen und schon gar nicht den amtlich beglaubigten wechselseitigen Gebrauch der Geschlechtswerkzeuge, aber auch nicht nur ein platonisches Verhältnis zu den Geliebten. Eher schon die Erhöhung des eigenen Daseins dadurch, dass Liebe durch die Geliebten erwidert wird, auch körperlich, auch dann, wenn es ihrer mehrere sind. Dieser Traum, und da wird es politisch, wird nicht von allen Frauen und Männern geteilt. An diesem Traum, und da wird er zur Tragödie, kann Liebe auch scheitern. Wenn dieser Traum zum Vorwurf wird, so poetisch er sich auch kleidet, frisst er sich selbst. Aber eines kann Liebe nicht - ins Leere gehen.

So hat der Liederdichter Frank Viehweg sich in seinem zwölften Band auf die »Wege der Liebe« begeben, um eine Genossin, Geliebte, Gefährtin im Geiste zu treffen, die seinen Traum vor hundert Jahren durch die russische Revolution trug: Aleksandra Kollontai (1872 - 1952). Eine Frau, »die Grenzen zertrümmert und nicht nur verschiebt«, wie Viehweg schreibt, die mit ihren »Briefen an die Jugend« die orthodoxe Moral aufmischte und sich von Lenin ihre Sexualmoral als »Glas-Wasser-Theorie« um die Ohren hauen ließ.

Die lebendige Geliebte darf sich solcher Huldigungen weniger erfreuen: »Nein, das sind nicht unsere Ideale« wirft er ihr, die fortgeht, nach. »Du beugst dich wildfremder Moral«, wettert er. Das sind nicht die versprochenen kleinen Steinchen, die er an ihr Schneckenhaus werfen wollte. Wenn er apostrophiert, sie habe sich »mit fliegenden Fahnen (…) von uns entfernt / Und ich hab den glanzlosen Himmel besternt«, ist er in männlichster Bescheidenheit dem verhassten Patriarchat näher, als ihm lieb sein kann. Aber der Bogen ist damit gespannt über eine uralte Frage, und das macht dieses 60 Seiten starke Büchlein nicht nur poetisch spannend.

Frank Viehweg wäre nicht der bewanderte Liederdichter, schaute er sich nicht auch diesmal um in der Welt, die er erlebt, und in jener, die er sich wünscht, wäre er nicht leidenschaftlicher Anwalt der Sehnsucht und Tröster der Sehnsüchtigen, melancholischer Zeuge des eigenen Älterwerdens und betörender Ratgeber der Jüngeren, denen er sich in den »Rätseln beigeselln« möchte: »Lieben ohne zu beneiden / ist die schönste Subversion«.

Bis in die 80er Jahre reicht diese Umschau zurück, was das Büchlein überdies zu einer kleinen Kostbarkeit macht, denn bereits in seinen frühen Texten war die Liebe Frank Viehweg schon »der Blick / der uns trifft/ (…) wie ein Gegengift«. Für die er »Alles was ich kann« zu sein bereit ist: »Rückenkrabbler, Bauchspazierer, Brechtgedichtinterpretierer (…) Schambehaarungsshampoonierer«, der lustvoll seinen eigenen Grund im anderen findet. Viehwegs Manifest: »Keine Verlierer mehr«. Aber das bleibt schwerer als gesagt und wird noch Stoff für viele liebevolle Texte spenden.

Frank Viehweg: Wege der Liebe - Lieder um Aleksandra. NoRa Lyrik, 68 S., br., 10 €.

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