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Wo Gauland lügt

Die Frontmänner der AfD sind mit ihrer Verharmlosung des Rechtsextremismus in ihrer Partei gefährlicher als Höcke und Co.

  • Von Wolfgang Hübner
  • Lesedauer: 3 Min.

Die AfD hat auf ihrem Parteitag in Hannover genau das getan, womit sie seit geraumer Zeit beschäftigt ist: immerzu ein kleines Stück weiter nach rechts zu rücken. Sie bestreitet das inbrünstig, aber das ist nichts weiter als eine Mischung aus durchsichtiger Schutzbehauptung und dreister Lebenslüge.

Indem sie neben Jörg Meuthen nun auch Alexander Gauland zum Vorsitzenden wählten, haben die Delegierten sich die beiden großen Scheinheiligen an die Spitze der Partei geholt. Denn Meuthens und Gaulands politisches Kerngeschäft besteht darin, die Reste ihrer bürgerlichen Reputation aus früheren Tagen zu benutzen, um jeden, aber auch wirklich jeden noch so miesen rechtsradikalen Unflat in der AfD zu schützen, zu rechtfertigen, zu bemänteln. Der Antisemit Wolfgang Gedeon, der die zeitweilige Spaltung von Meuthens Landtagsfraktion in Baden-Württemberg verursacht hatte, darf nun wieder mitspielen. Die Scharfmacher Höcke und Poggenburg können völlig unbehelligt tun und lassen, was sie wollen. Und so weiter.

Nach dem Parteitag hat Alexander Gauland, der in den Medien gern den gutmütigen, bedachten AfD-Opa gibt, im Kreise seiner Parteilieben aber ebenso gern mal rhetorisch ausrastet, wieder eines seiner Beschwichtigungsinterviews gegeben. Rechtsruck? Wo denn? Radikalisierung? Ich bitte Sie. So laufen solche Gespräche.

Diesmal wollte die Deutschlandfunk-Interviewerin seine Haltung zum Partei-Rechtsaußen Börn Höcke rauskitzeln und fragte unter anderem nach dessen inzwischen berüchtigter Dresdner Rede vom Januar 2017. Darin hatte Höcke, dessen Pose und Rhetorik manchen Beobachter an Goebbels erinnern, behauptet, die Deutschen seien »das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat«. Die öffentliche Empörung war seinerzeit groß und anhaltend, denn der Kontext war eindeutig und nicht misszuverstehen – gemeint war das Holocaust-Mahnmal in Berlin.

Und was sagt der Gemütsmensch Gauland dazu? Er fabuliert in dem Interview verständnisselig, Höcke habe in dieser Rede »völlig richtig beschrieben, was dieses Holocaust-Mahnmal ist. Er hat ja nicht gesagt, dass die Erinnerung an den Holocaust eine Schande ist … Nein, er hat gesagt, es ist ein Denkmal unserer Schande.« Genau das aber hat Höcke nicht getan, und das weiß Gauland auch, der lange genug publizistisch und journalistisch gearbeitet hat, um den Sinn von Formulierungen zu erkennen.

Höcke hat eben nicht vom Holocaust als Schande für Deutschland gesprochen, sondern im gleichen Atemzug – neben allerhand historischem Unsinn – beklagt: »Bis jetzt ist unsere Geistesverfassung, unser Gemütszustand immer noch der eines total besiegten Volkes.« Das klingt nach allem Möglichen, aber nicht nach der Einsicht in eine historische Schuld oder Schande.

Gerade dieser Umgang Gaulands mit der Rede seiner Parteifreunds Höcke ist symptomatisch für die Medienstrategie der AfD-Führung: drumherumreden und noch den letzten Gedankendreck tolerieren. Darin ist Gauland inzwischen äußerst geübt; genau das macht ihn – genauso wie Meuthen – längst gefährlicher als Höcke. Der kann nicht anders; der Rechtsextremist springt ihm aus jeder zweiten Silbe. Gauland aber wüsste es besser, klug und belesen genug ist er jedenfalls dafür. Und trotzdem lässt er die Höckes gewähren und hält die Hand über sie. Er relativiert den Relativierer – was herauskommt, ist in seiner ausweichenden Charakterlosigkeit um keinen Deut besser als das, was der Hardcore-Populist Höcke selbst von sich gibt: eine widerliche Geschichtsfälschung.

Höcke hat am Rande des Parteitags unmissverständlich angekündigt, sich demnächst wieder aus der zeitweilig selbst auferlegten Deckung zu wagen. Da werden Gauland und Meuthen einiges zu tun bekommen. Es wird noch viel zu verharmlosen geben.

Dieser Beitrag vom 5. Dezember wurde in dieser Fassung noch einmal um einige Zeilen verlängert.

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