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Mützen gegen Trump

»100 Prozent Wolle« - eine Ausstellung im Museum der Europäischen Kulturen

  • Von Anita Wünschmann
  • Lesedauer: 3 Min.

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Im Mittelpunkt steht das Schaf! Ein Herdentier, das dem Menschen seit mehr als 7000 Jahren Fleisch und Milch und Fell liefert, ein Jahrtausende alter Weggefährte - und religiöses Opfertier. Der Aspekt des geduldig Dussligen wird von der Naturwissenschaft gerade umgeschrieben: »Schafe erkennen Prominente wieder« (Man denke sich ein Emoij dazu). Der Schafalltag changiert zwischen geliebtem Haustier auf der Wiese am Hof, dem Weideschaf, das zur Landschaftspflege willkommen ist, den Hochlandschafen in Schottland und anderen Gebirgsregionen und einer kaum erträglichen Existenz in Massentierhaltungen. Bei diesem Stichwort geraten neben hausgemachten Zuständen in Europa vor allem Australien und Neuseeland in den Fokus der Kritik. Dem Tierschutz ist hierzulande ein Grundgesetzartikel gewidmet, und Nachfolgebestimmungen gibt es seitenlang samt europaweiter Registrierungspflicht für Huftiere. Tierschutz und Marktinteressen laufen jedoch häufig auseinander.

Ein drei Meter hohes Schaf nebst Strickleiter steht daher auch inmitten der Ausstellung, die sich mit Herkunft, Tradition und Ökonomie der Wollproduktion und -verarbeitung befasst. Es ist ein Europaschaf, nicht Stier, von Margaret Schlenkrich. Die Bühnenbildnerin hat das Schafobjekt für die Ausstellung »100 Prozent Wolle« mit diversen Fellen aller möglichen auf dem alten Kontinent vorhandenen Schafarten bedeckt. Das kinderfreundliche Spiel- und Klettertier symbolisiert das, worum es geht: um Tradition und Vielfalt der Schafzucht und Wollgewinnung von Schottland bis Rumänien, von Estland bis Portugal.

Die Ausstellung wurde mit Studenten des Studienganges Bühnenbild/Szenischer Raum der TU Berlin entwickelt. Unter der Leitung des Szenografen Johann Jörg entstanden thematische Räume um einen jeweils erlebnisintensiven Schwerpunkt, wozu auch eine mit Schafwolle gedämmte Behausung, eine Schäferausstattung (romantisch konnotierter, vom Aussterben betroffener Beruf) sowie die Installation der »sprechenden Kleiderstange« gehören. Die Pullover selbst scheinen per Kopfhörer ihre leider etwas arg banalen Geschichten zu erzählen. Einprägsam ist die einfache vergleichende Mengenlehre: 400 Raupen produzieren Seide für ein Tuch, zwei Ziegen geben die Wolle für einen Pullover, wovon ein Schaf vier ermöglicht. Solide geformte Handkarden, wie die Wollkratzer zum Auskämmen der Rohwolle fachmännisch genannt werden, und kunstvoll verzierte Spindeln erzählen von der Wertschätzung der häufig von Frauen ausgeführten Handarbeit.

Werkzeuge aus der Türkei, aus Russland oder Deutschland zeigen einmal mehr, dass die jeweils innere Logik der universellen Tätigkeiten (scheren, kämmen, spinnen, weben ...) Raum für individuelle Ausführung und Schönheitssinn lässt. Kinder und Großeltern, Besucher verschiedener Herkunft sollten aber nicht nur schauen, sondern sich an einen gemeinsamen Tisch setzen können und unter professioneller Anleitung häkeln und stricken lernen. Eine Referenz an den zeitgenössischen Megatrend: Handgemachtes.

Die Kuratorinnen haben historische Bezüge und wirtschaftliche Verflechtungen nur skizziert und die Mitmachmöglichkeit ins Zentrum gerückt. Aber das Museum Europäischer Kulturen (MEK) kann mehr: systematischer vergleichen, wirtschaftliche Zusammenhänge aufblättern, Regionen vorstellen, mehr sinnliches Feuerwerk entfachen, wenn es um das Hier und Heute der Textilprodukte geht. Das ist mehr als Bastelstubenatmosphäre mit Traditionsrahmen und Videoinstallation.

Direktorin Elisabeth Tietmeyer kämpft freilich um ihr Haus, um Besucher aus allen Schichten. »Wir sind dann mal MEK!«, so wirbt das Museum im Südosten Berlins für seine Wahrnehmung in den Zeiten des großen Umzugs von Dahlen nach Mitte. Das MEK mit seiner Ausrichtung auf die europäischen Alltagskulturen bleibt im Bruno-Paul-Haus und in Nachbarschaft zum Botanischen Garten und zur Freien Universität. Das Asiatische und das Ethnologische Museum packen derweil ihre Artefakte für das Humboldt-Forum.

Sind Textilien politisch? Diese Frage wird in der 100-Prozent-Wolle-Schau gestellt. Es geht um Handgestricktes mit Symbolkraft in einem größeren Kommunikationszusammenhang beispielsweise in Gestalt der pinkfarbenen Pussyhat-Mützen als ein weltweites Zeichen des Protestes gegen US-Präsident Donald Trump.

»100 Prozent Wolle«, bis zum 23. Juni 2019 im Museum Europäischer Kulturen, Arnimallee 25, Dahlem

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