Ein Herz, zwei Leben

Im Kino: »Die Lebenden reparieren« von Katell Quillévéré

  • Von Caroline M. Buck
  • Lesedauer: 4 Min.

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Ein Herz, zwei Leben

Am Anfang büxt ein blond gefärbter Teenager aus dem Bett seiner Freundin aus und fährt surfen, mit zwei Freunden. Am Anfang ist für seine Eltern die Welt noch ganz in Ordnung. Und für den Jungen auch: Wasser und Wellen sind blauer als blau und im morgendlichen winterlichen Halblicht von atemberaubender Schönheit. Der junge Mann schwebt darin wie in seinem Element. Der Soundtrack klimpert digital dazu: Sphärenmusik, weit weg von irdischen Belangen. Auf dem Rückweg drehen sich die Windräder am Rande leerer Straßen, schnurgerade, endlos - vereist. Dann passiert ein Unfall: Der Fahrer des Wagens, morgenmüde, sah die Wellen vor sich, von denen alle Surfer träumen, und vergaß die glatte Straße. Statt Wellen nun also ein Moment Schwarzfilm, auf dem Soundtrack dazu: klirr! Ein Unfall mit tödlichen Folgen, weil der skatende, surfende Sohn im Übermut seiner jungen Jahre als einziger im Wagen nicht angeschnallt war. Aber seine Eltern wissen immer noch nichts.

Der Chefarzt (Filmemacher Bouli Lanners) im örtlichen Krankenhaus hat morgens erst einmal Team-Besprechung (und außerdem selbst eine kleine Tochter). Alles Routine. Dann kommt der schwer verletzte Skater rein und liegt bereits im Koma. Aber seine Eltern wissen immer noch nichts. Zuhause sieht die kleine Schwester »SpongeBob«-Trickfilme zum morgendlichen Müsli. Die muss dann die Mutter (Emmanuelle Seigner) wecken, als das Krankenhaus anruft. Mutter und Vater, getrennt lebend, treffen erst dort aufeinander. Sie hoffen noch, verstehen wenig, halten sich aneinander fest als ginge es um das schiere Leben - da untersucht der Assistenzarzt (Tahar Rahim) die Organe des Sohnes schon auf ihre Spenderfähigkeit. (Die beiden Surfer-Kumpels, angeschnallt, kamen mit Knochenbrüchen davon.)

Der Chefarzt wird schnell weggerufen - noch ein paar Knochenbrüche, alles wieder Routine. Der Assistenzarzt muss den Eltern dann erklären, warum das Krankenhaus den hirntoten Sohn künstlich am Leben erhält: zur Hilfe für andere. Die Eltern sind entsetzt - und gehen. Es folgt ein Stück Trauerarbeit, ein Rückblick auf den Sohn, der da eben erst im schönsten Sommersonnenschein seine Freundin kennenlernt - Szenen, von denen seine Eltern eigentlich kaum wissen können. Dass der im Angesicht von Leid um eilige Entscheidungen über Organspenden werbende Assistenzarzt seinerseits kein Unmensch ist, dass das Krankenhauspersonal unter Stress steht, sich ablenken muss, Vögel mag (oder auch nicht - es geht um Käfigvögel) und ein Privatleben (oder zumindest den Traum eines Privatlebens), das wird dann auch noch klar. Und schließlich sind die Eltern des Jungen tatsächlich so weit, dass sie über ihren hirntoten Sohn in der Form von verwertbaren Einzelteilen sprechen können. Alles, nur die Augen nicht. Dies alles spielt in Le Havre.

In Paris ist Claire (Anne Dorval) derweil so schwach, dass sie es nur noch mit Hilfe eines willigen Trägers in das Klavierkonzert schafft, das ihre Ex-Freundin gibt. Sie braucht ein neues Herz - eines wie das, das in Le Havre schlägt, am Leben gehalten von Maschinen. Claire ist die potenzielle Empfängerin der Herzspende, aber erst einmal vor allem ein jäher Perspektivwechsel. Bei ihr zu Hause wird »ET« geguckt, denn Claires Söhne sind halb- und schon ziemlich ganz erwachsen. Von ihrer Ärztin nüchtern, aber freundlich mit der absehbar brutalen Wahrheit konfrontiert, dass sie ganz dringend ein Spenderherz braucht, will Claire zunächst gar nicht dran denken. Wenn ihre Zeit gekommen ist, ist ihre Zeit eben gekommen. Oder nicht? Keine weiteren Aufregungen mehr, stellt die Ärztin klar. Als Claire die alten Funken fliegen spürt beim Treffen mit der Ex, kann sie sich solche Gefühle also rein physisch gerade gar nicht leisten. Aber vielleicht werden sie den Grund liefern, über die Transplantation doch noch einmal nachzudenken?

Regisseurin Katell Quillévéré verfilmt einen Roman von Maylis de Kerangal, und sie tut es ruhig, besonnen, mit Blick für das Detail, mit so wenig Musik wie nötig und nicht als hastigen Wettlauf gegen die Zeit, als den man dieses Thema auch hätte inszenieren können.

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