Verdikt und Scham

Didier Eribon über das Urteil der Gesellschaft

Was soll das hier?

Sei auch du solidarisch und unterstütze linken Journalismus mit einem freiwilligem Abo, einer Spende - oder noch besser entscheide dich für ein Digitalabo.

  • Wählen Sie ein Abo:

    • Online-Abo
    • Kombi-Abo
    • Print-Abo
    • App-Abo
    Lesen Sie das »nd« wo und wann Sie wollen. Mit dem Online-Abo erhalten Sie Zugang zu allen Artikeln in elektronischer Form auf unserer Webseite und dazu das nd-ePaper. Zum Online-Abo
    Mobil, kritisch und mit Links informiert:
    neues deutschland als ePaper – und am Wochenende im Briefkasten!
    Prämie: Das nd-Frühstücksbrettchen. Der Wegbegleiter für den Start in den Tag.
    Zum Kombi-Abo

    Lesen Sie das »nd« wo und wann Sie wollen. Mit der nd-App erhalten Sie Zugang zur Zeitung in elektronischer Form als App optimiert für Smartphone und Tablet.

    Die nd-App gibt es für iOs und Android.

    Zum App-Abo
  • Per Überweisung:

    Stichwort: nd-paywall

    Berliner Bank
    IBAN: DE11 1007 0848 0525 9502 04
    SWIFT-CODE (BIC): DEUTDEDB110

    Per Paypal

    PayPal

    Per Sofortüberweisung

    Sofortüberweisung

    Ich habe bezahlt.

  • Ich beteilige mich mit einer regelmäßigen Zahlung

    Wir freuen uns sehr, dass Sie zu dem Entschluss gekommen sind: Qualitätsjournalismus zur Stärkung einer Gegenöffentlichkeit von links ist mir etwas wert!

    Mit ihrem solidarischen Beitrag unterstützen Sie linken unabhängigen Qualitätsjournalismus. Und: Sie unterstützen die Menschen, die sich selbst ein Abo nicht leisten können. Wir sind der Ansicht, dass Journalismus für möglichst alle zugänglich sein soll – deshalb bieten wir einen großen Teil unserer Artikel gratis zum Lesen und teilen im Netz an. Aber nur Dank der Abonnements und Zahlungen vieler Leserinnen und Leser können wir jeden Tag eine Zeitung produzieren: Gedruckt, als Onlineausgabe und als App.

    Turnus

    Minimum 5 Euro/Monat

    Meine Bankdaten

    Persönliche Angaben

    *Pflichtfelder
     
     
  • Ich bin schon Abonnent
    Login

    Passwort vergessen?

  • Jetzt nicht ...
Arbeiterklasse: Verdikt und Scham

Kann man zweimal nach Reims zurückkehren? Didier Eribon kann es. Seinem auf Deutsch 2016 erschienenen Bestseller »Rückkehr nach Reims« ließ er eine Fortsetzung folgen. Der französische Soziologieprofessor aus Amien ohne Abschluss einer Grande École, einer hohen Schule, verknüpft die schonungslose Analyse eigener Existenz mit einer aufklärenden Betrachtung der Gesellschaft, deren Urteilswucht oder Verdict, wie es im französischen Originaltitel heißt, über Wohl und Wehe, über Lebenswege von Menschen entscheidet.

Gesellschaftliche Verurteilung von Individuen hinsichtlich Herkunft, Milieu, Sprache, Geschlecht und Religion erfolgt schon durch das Schulsystem und die alten Regeln der Elitenbildung - ausgesprochen über Menschen »ohne Bewährung«, wirken sie lebenslänglich. Es gibt keine Möglichkeit der Abänderung durch »Wiederaufnahme des Verfahrens«. So weit die Kernaussage seiner zweiten Rückkehr nach Reims.

Das Individuum, besonders - wie im Falle des Autors - mit einer von der Norm abweichenden sexuellen Orientierung, ist der Gesellschaft vielfältig ausgeliefert. Eribons Eltern gehörten der Arbeiterklasse an. Sie ermöglichten ihm eine ausreichende Schulbildung, die in ihm den Wunsch und die Kraft freisetzte, sich aus deren Milieu zu entfernen. Die Scham über die Herkunft wie die Scham über den »Verrat« an ihr ließen ihn nicht los. Eribon schildert aus eigenem Erleben die unterschiedlichen Verletzungen und die Verhinderungen, Lebensentscheidungen selbstbestimmt zu treffen. Dabei begibt sich der Autor auch in die Literaturgeschichte, rezipiert »Saint Genet« von Jean-Paul Sartre und »Das andere Geschlecht« von Simone des Beauvoir, aber auch Arbeiten seines Lehrers und Freundes Pierre Bourdieu. Er stellt erstaunt fest, dass die Haushälterin Françoise bei Marcel Proust »natürlich« keine eigene Geschichte hat, man nichts über deren Herkunft erfährt. Auch Zitate aus dem Werk von Annie Ernaux, Assia Djebar und anderer Autoren fügt er geschickt in seine Argumentation ein. Aber darf ein Soziologe sich fiktionaler Figuren der Belletristik bedienen, um Aufschlüsse über die Wirklichkeit zu erlangen?

Natürlich fragt sich Eribon auch, warum so viele französische Arbeiter den Front National wählen. Der Soziologe hat kein Rezept, stellt aber Linderung in Aussicht: »Sicher bin ich mir nur, dass einzig eine immer wieder erneuerte theoretische Analyse der Herrschaftsmechanismen mit ihren unzähligen Funktionen, Registern und Dimensionen in Verbindung mit dem unverwüstlichen Willen, die Welt im Sinne einer größeren sozialen Gerechtigkeit zu verändern, uns in die Lage versetzt, den vielgestaltigen Kräften der Unterdrückung zu widerstehen. Nur so werden wir eine Politik schaffen können, die das Prädikat demokratisch tatsächlich verdient.«

Didier Eribon: Gesellschaft als Urteil. Klassen, Identitäten, Wege. Aus dem Französischen von Tobias Haberkorn. Suhrkamp, 265 S., br., 18 €.

Aus dem nd-Shop
Wölfe in der Nacht
16 Geschichten aus Kuba Der Erzählungsband »Wölfe in der Nacht« des kubanischen Autors Ángel Santiesteban erzählt von einem anderen Kuba,...
22.00 €
Werbung

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

Schenken Sie schon, oder rätseln Sie noch?

Jetzt aber schnell!

Schenken was wirklich Freude macht. Für diejenigen, die schon alles haben, oder auf kapitalistischen Überfluss verzichten wollen.

Jetzt bestellen oder verschenken