Das Ende ist immer auch ein Anfang

Karl Schlögel begab sich auf Spurensuche nach einer untergegangenen Welt: »Das sowjetische Jahrhundert«

  • Von Wladislaw Hedeler
  • Lesedauer: 4 Min.

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Hinter dem alten Moskau wächst das neue empor.
Hinter dem alten Moskau wächst das neue empor.

Die Auswahl und Komposition der jahrzehntelang geführten Recherchen nahm fast drei Jahre in Anspruch. Karl Schlögels neuestes Buch enthält an die sechzig Einzelstudien unterschiedlicher Länge, gruppiert in rund zwanzig Blöcken. Es beginnt mit einer Beschreibung des größten Moskauer Trödelmarktes im Ismailowo-Park am Ende der Sowjetunion und schließt mit dem Vorschlag des Osteuropa-Historikers, das Gebäude am Lubjanka-Platz in Moskau, wo sich von 1920 bis 1991 die Zentrale des sowjetischen Geheimdienstes befand, in ein »Museum der Sowjetzivilisation« umzugestalten.

1966 reiste Schlögel zum ersten Mal in die UdSSR, 1982 ging er als Stipendiat des Deutschen Akademischen Austauschdienstes zum Studium an die Moskauer Lomonossow-Universität. Sein neues Buch handelt nur von Orten und Gegenständen, die der Verfasser selbst gesehen hat. »Historiker sind auch Zeitgenossen und zuweilen kommen sie in die Lage, Augenzeugen von etwas zu werden, was in der Fachsprache dann ›Zäsur‹, ›historischer Augenblick‹, ›Epochenwende‹ heißt«, schreibt Schlögel eingangs. Er hat sowjetische Geschichte und Zäsuren miterlebt. Bei Orten, die ihm verschlossen blieben oder die zu seiner Zeit längst Geschichte waren, weicht er bewusst auf die Belletristik aus. Ein legitimes Mittel auch der historiographischen Erzählung, hierzulande leider viel zu wenig angewandt.

Man fühlt sich oft ertappt, die gleichen Gedanken wie Schlögel zu haben, resultierend aus ähnlichen Beobachtungen im Sowjetalltag. »Partija i narod ediny, no rasnye u nich magasiny.« - »Partei und Volk sind eins - nur die Einkaufsläden sind andere«, spottete man dereinst gern in der UdSSR. Dieser Spruch, ersetzt man das Wort »Partei« durch »Oligarchie«, stimmt durchaus noch heute. Die Kantine »Stolowaja Nr. 1« im Moskauer Warenhaus GUM ist aber immer noch einen Besuch wert.

Vielleicht haben sich meine und Schlögels Wege während unserer Aufenthalte in Moskau gekreuzt, ohne dass wir es wussten. Vielleicht auf dem Vogelmarkt oder in einem der reich bestückten Antiquariate, in einem der berühmten Theater und Museen Moskaus, in einer Bibliothek oder auf dem Gelände der Allunionsausstellung, im Gorki-Park oder im Gewusel der Metro. Schlögels Wahrnehmung des Alltagsgeschehens in der Sowjetunion/Russland ist die Westperspektive und gerade darum spannend. Das Buch widmete er seiner Frau, Sonja Margolina, seiner »ewigen Anregerin und Opponentin«. Sie hat ihm nicht nur viele Kontakte zu ihren russischen Bekannten eröffnet, sondern auch das Gefühl für die russische Seele. Wer, wie der Rezensent, die UdSSR zur gleichen Zeit wie Schlögel aus der Ostperspektive erlebt hat, wird das Buch mit Gewinn und Wehmut lesen.

In Schlögels Buch wird deutlich, wie sehr die Sowjetgeschichte mit der »vorrevolutionären« Zeit verbunden blieb; dies wird insbesondere in den Kapiteln über das Parfum »Krasnaja Moskwa«, Stalins Kochbuch, die Kurorte oder die »Palmen im Bürgerkrieg« sichtbar. Die von Lenin und dessen Nachfolgern vermeintlich gekappten Verbindungen waren nie völlig durchschnitten. Es ist wohl das Wissen darum, welches es Schlögel erlaubt, optimistisch zu fragen: »Wie weiter?«, statt düstere Endzeitszenarien zu malen.

Bei der Lektüre des Kapitels »Korridore der Macht« erinnerte ich mich der mit Nippes vollgestellten Arbeitsräume der Archivmitarbeiter. Das Büro als Ersatz-Zuhause. Schlögel übersieht keine Details. »Der Rückzug ins Private ist nach Jahrzehnten der Vorherrschaft des Kommunalen, Sozialen, Politischen über das Individuelle und Private übermächtig. Es sieht wie die Endstation nach einer langen Reise aus, die mit der Flucht vom Land begann, über Baracken und Kommunalka endlich in die private Behausung in der Plattenbausiedlung führte und von da hinaus vielleicht ins eigene Haus.« Das Ende ist immer auch ein Anfang.

Vieles, was Schlögel im Buch beschreibt, wird der die Hauptstadt Moskau bereisende Tourist nicht mehr finden. Ismailowo gibt es noch, den Trödelmarkt hingegen nicht mehr. Auf den Flaniermeilen herrscht der Kommerz. Die neue Zeit ist auch in die Moskauer Leninbibliothek eingezogen. Modernisierung wirft in Russland oft mehr Probleme auf, als gelöst werden. Die Drucker für die Bestellscheine fallen immer wieder aus, aber dafür gibt es noch die alten klassischen, von Hand auszufüllenden Zettel. Man achtet die Tradition. Und das ist nicht immer schlecht.

Karl Schlögel: Das sowjetische Jahrhundert. Archäologie einer untergegangenen Welt. C. H. Beck, 912 S., geb., 38 €.

Unser Rezensent diskutiert mit Schlögel am 13. Dezember im Berliner Max-Lingner-Haus (Beatrice-Zweig-Str. 2, 19 Uhr).

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