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Des einen Freud, des anderen Leid

Fahrplanwechsel bringt vor allem die Verbindung Berlin-München voran - Thüringer Städte fühlen sich abgehängt

  • Von Hans-Gerd Öfinger
  • Lesedauer: 5 Min.

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Alle Jahre wieder ... werden in der Nacht zum zweiten Dezembersonntag die Fahrpläne von Bussen und Bahnen umgestellt und angepasst. An diesem Wochenende muss die Deutsche Bahn (DB) gar die umfassendste Umstellung der vergangenen Jahrzehnte über die Schiene bringen - das Gefüge des öffentlichen Personenverkehrs wird sich stark verändern.

Grund ist vor allem die Inbetriebnahme der ICE-Strecke von Berlin nach München, die am Freitag im Beisein von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), der Länderchefs von Thüringen, Sachsen-Anhalt, Sachsen sowie Bundesverkehrsminister Christian Schmidt und dem bayerischen Verkehrsminister Joachim Herrmann (beide CSU) gefeiert wurde. Damit ist das rund zehn Milliarden teure »Verkehrsprojekt Deutsche Einheit Nr. 8« (VDE 8) nach 25 Jahren Planung und Bau fast vollendet. ICE-Züge der DB brausen nun mit bis zu 300 Stundenkilometern in unter vier Stunden von der Spree an die Isar. Bisher dauerte die ICE-Fahrt über sechs Stunden.

Den spektakulären Fahrzeitgewinn ermöglicht das neue Teilstück zwischen der Thüringer Landeshauptstadt Erfurt und der Frankenmetropole Nürnberg. Besonders aufwendig war hier der Bau der im Volksmund als »längste U-Bahnstrecke der Welt« bezeichneten Trasse quer durch den Thüringer Wald mit zahlreichen Tunneln, Brücken und Aufschüttungen. Erfurt sieht sich damit zum neuen ICE-Knotenbahnhof mit täglich 80 ICE-Verbindungen aufgewertet.

Doch wo Wirtschaft und Politik in der Thüringer Metropole viel Licht sehen, wirft die Fahrplanumwälzung auch viel Schatten auf andere Regionen im Freistaat. So gilt vor allem die aufstrebende High-Tech- und Universitätsstadt Jena als große Verliererin des VDE 8. Seit Jahren verkehrten die direkten ICE- und IC-Züge durch das Saaletal und ermöglichten ab Naumburg, Jena und Saalfeld Direktverbindungen nach Berlin und München. Weil die DB abgesehen von Tagesrandverbindungen für ihren Fernverkehr nun auf das schnelle Gleis über Erfurt setzt, sehen sich die Saalestädte zu abgehängten Provinzbahnhöfen degradiert. Reisende von Jena nach München müssen nun erst mit einem Diesel-Regionalzug nach Erfurt fahren und dort 23 Minuten lang auf den ICE Richtung Süden warten.

Beschwerlicher werden auch Trips nach Halle/Leipzig und Berlin. »Das ist das Gegenteil von schnellem Reisen«, bemängelt Philipp Kosok vom Verkehrsclub Deutschland (VCD). »Nur zehn Prozent leben in Metropolen. Auf die Bedürfnisse der angrenzenden Regionen wurde kaum Rücksicht genommen. Mit Hochgeschwindigkeitszügen alleine ist keine Verkehrswende zu machen«, so Kosok, der statt einzelner Korridore einen Ausbau des gesamten Bahnnetzes und die Schließung von Lücken verlangt.

Das Aus für den stündlichen ICE-Halt Jena hat lokale Wirtschaft, Wissenschaft und Politik auf den Plan gerufen und den Anstoß für die Gründung des Bündnisses »Fernverkehr für Jena« gegeben, das für Freitagabend unter dem Motto »Abgehängt?!« zur heiter-ironischen Abschiedsfeier für den letzten ICE am zentralen Bahnhof Jena Paradies lud. Die hartnäckige Forderung nach Abkehr der DB vom »Rennstreckenwahn« und Rückkehr des Fernverkehrs in die Fläche scheint erste Früchte zu tragen. So will die DB ab 2023 eine neue IC-Linie von Karlsruhe über Saalfeld und Jena nach Leipzig einrichten. Bis dahin wird allerdings noch viel Wasser die Saale hinunterfließen.

Bei näherer Betrachtung ist indes nicht jede zum Fahrplanwechsel von der DB verkündete Neuerung wirklich neu. So können Bahnreisende ab Sonntag einmal täglich umstiegsfrei von Düsseldorf nach Luxemburg oder von Frankfurt am Main nach Mailand reisen. Solche internationalen Direktverbindungen gab es in den 1990er Jahren deutlich häufiger. Sie wurden seither gekappt.

Weniger spektakulär als der große Bahnhof um das VDE 8 sind viele kleinere Änderungen im Bahnverkehr, die ab Sonntag den Alltag gestresster Pendler erleichtern könnten. So werden am Berliner Ostkreuz neben S-Bahnen künftig auch etliche Regionalexpresszüge halten. Damit verkürzt sich die Reisezeit auf vielen Verbindungen. In Nordrhein-Westfalen und im Rhein-Main-Gebiet wird auf etlichen Strecken der Nachtverkehr ausgeweitet. Zwischen Stuttgart und Zürich wird eine stündliche IC-Verbindung eingerichtet, die bisherige Regionalexpresszüge ersetzen soll. Die Züge können zwischen Stuttgart und Singen erstmals auch mit Nahverkehrstickets ohne Aufpreis genutzt werden.

Anstoß an den neuerlichen Preiserhöhungen bei der DB und vielen Verkehrsverbünden nimmt das privatisierungskritische Aktionsbündnis »Bahn für Alle«. So verteuern sich DB-Tickets ohne Zugbindung im Fernverkehr (»Flexpreis«) um 1,9 Prozent und im Nahverkehr um rund 2,3 Prozent. Seit 2003 habe die DB ihre Preise um das Doppelte der Inflationsrate erhöht, hieß es aus dem Bündnis. Der Tarifdschungel mache spontane Bahnfahrten zum Luxus und den Umstieg vom Auto auf die Bahn unattraktiv, sagte Monika Lege. »Ich möchte nicht von der Stammkundin zur Schnäppchenjägerin umerzogen werden«, so die Umweltaktivistin. »Die Preise gehen rauf und die Pünktlichkeit runter«, bemängelt auch Bündnissprecher Bernhard Knierim. Weil die DB jahrelang Instandhaltung und Reserven vernachlässigt habe, führten jetzt kleine Störungen zu Kettenreaktionen und ein Sturm zu tagelangem Totalausfall, so die Kritik.

Die Allianz pro Schiene, ein Bündnis von Verbänden, Gewerkschaften und Bahnfreunden, freut sich hingegen über das VDE 8. Damit werde der ICE endgültig eine attraktive Alternative zum Inlandsflug zwischen Berlin und München. »Ab sofort bietet der Luftverkehr hier keinen Zeitvorteil mehr«, sagte Dirk Flege, Geschäftsführer der Allianz pro Schiene. »Die politische Begünstigung des Fliegers bei Energiesteuern, Mehrwertsteuer, Emissionshandel und Fahrgastrechten muss aufhören«, forderte er.

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