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Ein guter Ort für Benzingespräche

»60 Jahre ADMV« ist das Thema einer Sonderausstellung im Technikmuseum Ludwigsfelde

  • Von Tomas Morgenstern
  • Lesedauer: 4 Min.

Fast hat man vergessen, was für ein Massenspektakel K-Wagen-Rennen in der DDR waren. Die Miniaturflitzer, aus Rohren zusammengeschweißt und von aufgemotzten Simson- oder MZ-Motoren angetrieben, waren meist Eigenkonstruktionen. Heute würde man von Go Karts sprechen. 24 PS haben Bastler aus dem Einzylinder-Zweitakter einer 150er MZ-Serienmaschine herausgekitzelt, eingebaut in einem K-Wagen, der nun als Teil einer Sonderausstellung des Stadt- und Technikmuseums Ludwigsfelde (Teltow-Fläming) zu sehen ist. Der wettkampferprobte Renner illustriert ein Kapitel der Geschichte des Allgemeinen Deutschen Motorsportverbandes (ADMV), der 2017 sein 60-jähriges Bestehen feiert.

Am Freitag hat ADMV-Geschäftsführer Harald Träger die Sonderausstellung »60 Jahre ADMV« gemeinsam mit Museumsleiterin Ines Krause im Beisein zahlreicher Gäste eröffnet. Gekommen waren Akteure des Motorsports aus DDR-Tagen aber auch aus dem Hier und Heute, denn der am 2. Juni 1957 in der Berliner Singakademie Unter den Linden gegründete Verband ist vor allem in den ostdeutschen Bundesländern aktiv wie eh und je. Gekommen waren auch unter Motorsportfreunden bekannte Größen wie Siegried Rauhut, Mitglied der erfolgreichen Six-Days-Nationalmannschaft von 1964, oder die DDR-Rennboot-Idole Klaus Driefert und Manfred Blumental.

»Wir hatten uns nach 1991 entschieden, den ADMV als selbstständigen Verband zu erhalten, und wir haben uns neben den Verbänden der alten Bundesrepublik - ADAC, AvD und DMV - als Nummer vier behauptet«, erkläre Träger stolz. »Wir haben inzwischen sogar zwei Clubs in den ›alten Bundesländern‹, auch wenn wir heute nicht mehr alle 18 Motorsportdisziplinen, die es zu DDR-Zeiten gab, im Portfolio haben.« Manche der einstigen Disziplinen, wie beispielsweise der Autorennsport oder der Motorbootrennsport, der es beim ADMV einst zu großen Erfolgen gebracht hatte, seien inzwischen ausgegliedert. Stärker im Vordergrund stünden heute zum Beispiel Rallyes, Motocross, Speedway, Enduro oder Classic. Rund 7000 Mitglieder zählt der Verband.

Für die Ausstellung hat der ADMV attraktive Leihgaben zusammengetragen. 20 historische Wettkampffahrzeuge werden gezeigt, Renn- und Tourenwagen, Crossfahrzeuge, Motorräder und auch zwei Rennboote. Dazu Bootsmotoren, historische Plakate, Plaketten, Wettkampfpokale und Dokumente. Echte Hingucker wie etwa der Rennsport-Trabant Baujahr 1983 von Enrico Thiel, mit 70 PS eine wirkliche »Rennpappe«, oder der Formel-A-Rennwagen MT77 von 1980 von Lothar Fritsche, eine richtige Flunder auf einem Melkus-Fahrgestell und einem auf 110 PS frisierten LADA-Motor. Für echte Fans nimmt das Museum auch Bestellungen für den Bildband »1957 - 2017. 60 Jahre Benzin im Blut« entgegen.

Der ADMV-Chef betrachtet die Verbandsschau als gute Möglichkeit, den Verband und seine Traditionen einer breiteren Öffentlichkeit zu präsentieren. Der Ort an der einstigen Wiege der IFA-Automobile sei dazu nahezu ideal geeignet, findet er. »Wir können so auch einen Beitrag zur Imagepflege der Stadt und des Industriestandortes Ludwigsfelde leisten.«

Gerade Letzteres wurde bei der Eröffnung mit großen Beifall quittiert. Waren doch unter den Gästen zahlreiche ehemalige IFA-Automobilwerker zu finden. Norbert Meyer etwa, der 1966/67 im Industriewerk Ludwigsfelde (IWL) gelernt und bis in die 1990er Jahre in der Lkw-Produktion gearbeitet hat. »Zuletzt noch zwei Jahre bei Daimler«, wie er sagt. 8000 Leute hätte zu DDR-Zeiten dort gearbeitet. Mit dem Motorsport hat er es nicht so gehabt, und die Roller aus Ludwigsfelde seien ja unter jungen Leuten damals nicht so gefragt gewesen. »Rennen sind wir aber hier jeden Tag gefahren - alle Mann mit dem Fahrrad auf dem Weg zur Arbeit.«

Das Werk hat auch selbst Sportgeschichte in der DDR geschrieben. Gezeigt werden in der Schau mehrere in den 1950er und 1960er Jahren im IWL entwickelte und gebaute Hochleistungsmotoren für Rennboote.

Die Ausstellung »60 Jahre ADMV« ist bis zum 28. Februar 2018 in dem Museum zu sehen, das im großzügig erweiterten alten Bahnhofsgebäude von Ludwigsfelde eingerichtet wurde. Museum und ADMV wollen bis Ausstellungsende eine Serie von Meetings veranstalten, »Benzingespräche«, wie Harald Träger das nennt, etwa zur Motorsporttechnik in der DDR. Die Ankündigung erfolge kurzfristig.

Kern der ständigen Schau ist die Darstellung der Industriegeschichte. 1936 hatte die Daimler Benz AG in der Genshagener Heide eine Flugmotorenfabrik, die damals größte in Europa, errichtet. Sie hatte eine Schlüsselrolle in der Luftrüstung der Nazis im Zweiten Weltkrieg gespielt - auch Tausende Zwangsarbeiter und Häftlinge hatten Triebwerke für Jäger und Bomber produzieren müssen. Nach dem Krieg wollte die DDR in Ludwigsfelde zunächst Dieselmotoren und Flugzeugturbinen bauen, entschied sich dann aber anders. Populär bis heute wurde die Reihe der ab Mitte der 1950er Jahre im Industriewerk Ludwigsfelde gebauten Motorroller. »Pitty«, »Wiesel«, »Berlin« und »Troll 1« kann man heute - sorgsam restauriert - im Museum bewundern. Noch bekannter sind freilich die Lastkraftwagen aus Ludwigsfelde - W50 und L60 prägten das Straßenbild nicht nur in der DDR mit, sie wurden weltweit exportiert und sind Stars in den Ausstellungsräumen.

Das direkt am Bahnhof gelegene Stadt- und Technikmuseum Ludwigsfelde ist mit den Regionalexpresslinien RE3 und RE4 gut erreichbar. Es hat Montag und Dienstag geschlossen. www.museum-ludwigsfelde.de

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