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Lebkuchenkinder

Deutsche Staatsoper I: »Hänsel und Gretel«

  • Von Irene Constantin
  • Lesedauer: 3 Min.

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Nun endlich die erste echte Oper im frisch sanierten Opernhaus Unter den Linden in Berlin. Premiere hatte der gute alte Weihnachtsmärchen-Hit »Hänsel und Gretel«, ein Gruß an das immer wieder gern herbeizitierte »Publikum von morgen«. So, wie des Komponisten Engelbert Humperdincks Schwester Adelheid Wette, sein Schwager und sonstige Familienmitglieder das Grimm’sche Märchen für das Opernlibretto umgeschrieben haben, ist es tatsächlich eine Kindergeschichte. Es spricht das bürgerliche Gemüt des 19. Jahrhunderts, und es sprechen auch durchaus bürgerliche Existenzprobleme, nicht nur des 19. Jahrhunderts: »Herrgott, wirf Geld herab.«

Ein kurzer, romantisch-verklärter Blick auf die Armut wird ebenfalls riskiert. Vor lauter Überforderung zerbricht die Mutter von Hänsel und Gretel den Milchtopf, der Gemütsmensch von Vater genehmigt sich den einen oder anderen »Leiblikör« mehr, als für die Familienkasse gut ist. Und das nicht nur, wenn allenthalben Kehrwoche angesagt ist und Besen und Bürsten gut und »zu dem höchsten Preise« gehen. Es herrscht zwar immer mal wieder Stress in der Besenbinderfamilie, aber die Kinder werden nicht etwa in den Wald geschickt, damit sie als unnütze Esser nie wieder zurückkämen, sondern, im Gegenteil, damit sie etwas Essbares heimbringen. Mit diesem Erdbeersammel-Auftrag nimmt die wohlbekannte Geschichte des erstaunlich unverbogenen und gewitzten Geschwisterpaares ihren Lauf. Es scheint ein freundlich unverkrampftes Familienleben im Hause Wette gegeben zu haben.

Regisseur Achim Freyer nahm das Kinderstück als solches wörtlich, kein Sado-Maso-Studio im Hexenhaus, kein adoleszenter Geschwisterinzest, keine Mutter-Hexen-Projektion, keine DDR-Grenzanlagen am »Ilsenstein« im Harz. Über der Freyer-üblich schwarz ausgeschlagenen Bühne prangt das Auge Gottes - alles wird gut. Freyer entschärft die Personen allerdings so radikal, dass es einen auch schon wieder gruseln kann. Die Sängerinnen der Kinder tragen riesige runde Babyköpfe mit beweglichen Kulleraugen, unter denen ihre Körper wie Anhängsel wirken; sie haben etwas von wasserköpfigen Retortenwesen. Die Eltern erscheinen als überdimensionale Stoffpüppchen.

Um die vier Hauptfiguren herum allerdings entfaltet sich der alte Zauber im Wald, im Traum das Wunder. Berückende Bildfantasien und Verwandlungen: das weiße Kätzchen, die eierschluckenden Kuckucke, ein stoischer Frosch, eine revolutionäre Kreuzspinne, die vierzehn Engel des Abendsegens in einem Zirkus mit Waldtieren, die Taumännchen als Lamettafäden ausschüttende Gießkanne, die Hexe in ihrer Dreifaltigkeit von zwei knotigen Händen mit rotspitzigen Fingernagelkrallen sowie eine unbeschreibliche Konstruktion mit rotem Schleckermaul. Alles regt und bewegt sich und bereitet fantastisches Vergnügen.

Dasselbe gilt für die Gesangssolisten und den kunterbunten Chor der Lebkuchenkinder. Katrin Wundsam und Elsa Dreisig als Hänsel und Gretel singen mit der notwendigen frischen Jugendlichkeit, gleichzeitig bleiben sie der nachwagnerischen romantischen Oper nichts schuldig. Roman Trekel und Marina Prudenskaya als Elternpaar passen sich vokal ebenfalls bestens in den schlanken frischen Grundton ein. Stephan Rügamer gibt die Hexe - und zwar großartig schleimig, schmeichlerisch und doch mit einem Hauch tenoralen Wohlklangs.

Die Staatskapelle unter Sebastian Weigle spielt zauberhaft schön wie immer auf - mit rundem dunkelsamtigen Mischklang. Nur leider fehlt in Weigles Interpretation der Witz, das fein geformte Detail. Wo bleibt der amüsante pseudokindlich wagner-parodistische Ton, eben das »Kinderstubenweihfestspiel«, aufgespannt zwischen Hexen-(Walküren)-Ritt und »Suse, liebe Suse«? Sehr schade. Gefallen hat das Ganze trotzdem.

Nächste Vorstellungen: 11., 12., 23., 25. und 29. Dezember

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