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Parallele Universen

  • Von Christin Odoj
  • Lesedauer: 3 Min.

Kürzlich ist etwas sehr Seltsames passiert. Es geschah in Reinickendorf. Das hat einen guten Grund, denn dort gibt es einen Ortsteil, der dafür prädestiniert ist, Tore zu anderen Welten aufzustoßen. Jedenfalls geriet ich dort in eine Art Schleuse, wurde durchleuchtet, kam am anderen Ende der Welt in einem Paralleluniversum wieder heraus und landete in einer Umgebung, die zunächst schien wie mein geliebtes Berlin. Es gibt dort einen Fernsehturm in einer großen Stadt, weiter außerhalb wunderschöne Landschaften, grün und erhaben. Aber eine Sache war so völlig verkehrt, dass es niemals wahr sein konnte, was sich dort abspielte.

Statt der Schlechte-Laune-Schnauze, die einem als authentische Berliner Lebensfreude verkauft wird, waren die Menschen hier tatsächlich gut drauf. Beamte, die einem die Einreise in die ferne Galaxie erlauben müssen, gucken hoch, wenn man an sie herantritt, quatschen mitunter minutenlang über dies und das, wünschen einem viel Spaß bei der Weiterreise, egal, wie lang die Schlange ist, die sie da noch abscannen sollen. Schon mal irre, wenn man aus Berlin die Nullgesichter gewöhnt ist und diese für lediglich unprätentiös hält.

Im Bus dann kein Halten mehr. Die Fahrgäste, die aussteigen wollen, rufen doch tatsächlich sehr laut »Danke« zum Busfahrer nach vorne und keiner lacht denjenigen dafür aus. Der Busfahrer sitzt auch nicht in einem Plastikkäfig zum Schutz vor der Menschheit und hat auch noch Verfügungsgewalt über einen Radiosender, der Liebeslieder aus den 1960er Jahren rausdudelt, und niemand beschwert sich.

Ich muss an die Anreise nach Reinickendorf denken und an den Opa, der in voll besetzter S-Bahn Minuten vor dem Halt zur Tür drängelt und dem es aus dem ansonsten stillschweigenden Publikum heraus entgegenschnarrt: »Man, beruhig dich ma, ick weiß auch nich, wo ick hin soll.«

Hier aber geht das gleich nahtlos weiter: Im Buchladen, exakt so einer wie der kleine niedliche (gut sortierte) am Helmholtzplatz, stehen die Mitarbeiterinnen, obwohl schon seit 20 Minuten geschlossen sein sollte, an der Kasse und saufen sich mit Rotwein einen an. Die Kunden, die die Öffnungszeiten genauso wenig interessieren, schleichen gemütlich um die Regale herum, rufen von da, wo sie sind, zur Kasse: »Wo sind denn die Bildbände mit den Opossums?«, und eine Verkäuferin stellt kurz den Rotwein ab. Ich fasse es nicht. Was ist hier los?

Am Alkohol kann es wirklich nicht liegen. Den bekommt man nur auf Umwegen ausgehändigt. Einzig lizenzierte Verkäuferinnen sind berechtigt, ihn auszugeben, was dazu führt, dass - hat man kein Glück und erwischt so einen Promillewächter - jedes Mal ein Ausruf gestartet wird. Wahnsinn, stelle ich mir dieses Prozedere in einem normalen Späti am Freitagabend auf der Warschauer vor.

Alles in allem erscheint dieser Ort wie der freundlichste, unaufgeregteste Platz des Universums, ein Auenland, wie es im Buche steht - und Berlin, nun ja, ein Mordor. Es bleibt festzuhalten, der Urlaub in Neuseeland war wirklich sehr ... parallelweltig.

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