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Jugendgerechte Dystopie

Die Web-Serie »Wishlist« zeigt, dass gutes Fernsehen auch in Deutschland möglich ist

  • Von Jan Freitag
  • Lesedauer: 3 Min.

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Das Internet der Dinge, wie man die digitale Vernetzung der analogen Welt oft nennt, funktioniert schon längst nicht mehr auf Knopfdruck, selbst das Wischen übers Touchpad stirbt aus. Das Internet der Dinge ist sprachgesteuert, weshalb alle Welt zu einer virtuellen Frau namens Alexa spricht, um - sagen wir - mit der Hand im Teig nach dem Backrezept zu fragen oder mit der Hand am Lenkrad nach dem Weg. Eins aber kann Alexa nicht: Wünsche erfüllen. Zumindest nicht so wie Christina Ann Zalamea.

Wer die Stimme hinter einer »Wishlist« genannten App anspricht, will von ihr weder Backrezepte noch Straßenverläufe. Es geht um tendenziell Unerfüllbares. Dass eine Hochzeit platzt zum Beispiel, die Nacht des Lebens startet, ein Mensch stirbt oder mehr noch: dass sich »Wishlist« mitsamt Christina Ann Zalameas butterweichem Timbre selbst eliminiert. Bei diesem Versuch nämlich endete Ende 2016 die erste Staffel der erfolgreichsten Eigenproduktion des öffentlich-rechtlichen Jugendkanals »Funk«. Nun geht »Wishlist« in die zweite Runde, und wieder wird das Internet der Dinge zum fiktiven Schlachtfeld einer jugendgerechten Dystopie.

Vor einem Jahr lud sich die 17-jährige Mira darin gedankenlos, wie es der Generation Smartphone häufiger mal passiert, jene App runter, die jeden Wunsch erfüllt, sofern man dafür Gegenleistungen von wachsendem Schwierigkeitsgrad erbringt. Ein Mord kostet da schon mal das Zuschütten des Rheins, aber grundsätzlich geht alles. Dieser faustische Pakt schweißt fünf Figuren aneinander, die alle Stereotypen fiktionaler Gruppenbildung seit »Breakfastclub« oder »Fünf Freunde« vereint: Die Außenseiterin Mira (Vita Tepel), den Spaßvogel Kim (Yung Ngo), die Sportskanone Casper (Michael Glantschnig), den Nerd Dustin (Marcel Becker-Neu) und die Schlampe Janina (Nele Schepe).

Gemeinsam lotet das Quintett die Welt ungeahnter Träume aus, bis es sich der Gefahr dieser Eskalationsspirale bewusst wird und den finalen Wunsch äußert: Zerstöre Wishlist. Da der Zehnteiler bis hin zum Grimme-Preis alle Trophäen von Belang abgeräumt hat, war dieser Versuch natürlich zum Scheitern verurteilt, weshalb die neue Staffel mit neuem Gesicht für Janina (Jeanne Goursaud) ans dramatische Finale anschließt. Dustin, der den App-Entwickler in einer polnischen Kiesgrube erschossen hat, sitzt nach seiner Flucht mit einer geheimnisvollen Asiatin beim Frühstück und lässt sich übers Leben belehren (Nimm dir alles, was du willst, wann du es willst und wie du es willst), während seine vier Freunde versuchen, mit einer Leiche im Kofferraum nach Wuppertal heimzukehren, wo es natürlich nichts wird mit dem (nicht an die App) gerichteten Wunsch, die Sache hinter sich zu lassen. Im Gegenteil.

Dass auch die Fortsetzung so unterhaltsam ist, so fesselnd und anspruchsvoll, wie es selbst hochpreisige Fernsehproduktionen nur selten zustande bringen, liegt vor allem an Autor, Produzent und Regisseur Marc Schießer und seinem jungen Team. Ohne aufdringlich modernistischen Schnickschnack wie Splitscreens fängt die Kamera das Leben der fünf Teenager ziemlich präzise ein. Der Soundtrack ist angemessen, jeder Cliffhänger großartig, die ganze Inszenierung unglaublich mitreißend. Alles super also - entspränge der Text nicht manchmal so verbissen dem Wörterbuch der zeitgenössischen Jugendsprache. Darüber hinaus aber erbringt »Wishlist« - schon angesichts des winzigen Budgets - abermals den Beweis, dass deutsches Fernsehen international konkurrenzfähig ist. Schade nur, dass die Serie nicht im Fernsehen läuft.

Verfügbar ab 14. Dezember auf funk.net

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