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Palästinensisches Fahnenmeer am Hauptbahnhof

Mehrere Hundert Menschen forderten mit Blick auf die aktuelle Entwicklung um Jerusalem »Israel, raus, raus!« / Keine erneuten Flaggen-Verbrennungen

  • Von Oliver Schmitt
  • Lesedauer: 3 Min.

Wenn man an so etwas wie einen Wettergott glauben wollte, dann wäre er wohl nicht auf der Seite der Palästinenser. Das könnte man jedenfalls vermuten, denn als sich am Dienstagnachmittag mehrere Hundert Palästinenser und ihre Sympathisanten mit zahlreichen Fahnen zu einer Kundgebung auf dem Washingtonplatz vor dem Berliner Hauptbahnhof trafen, wehte ein kalter Wind. Es nieselte den ganzen Abend kräftig. Das hielt die Teilnehmer*innen der Kundgebung aber nicht davon ab, ihrer Verärgerung über die aktuelle Politik der US-Regierung, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen, Luft zu machen. In Sprechchören schrien sie Sprüche wie: »Israel, raus, raus«, »Freiheit für Palästina« und das im Islam nahezu allgegenwärtige »Allahu Akbar«, Gott ist groß. Ein Übersetzer der Polizei war vor Ort, um sicherzustellen, dass die arabischen Chöre, die die Menge später anstimmte, keine versteckten Aufrufe zu Gewalttaten enthielten. Verhaftungen aus diesem Grund gab es keine.

Im Vorfeld hatten sich Vertreter der Polizei und der Veranstalter unter anderem darauf geeinigt, dass keine Hassparolen skandiert werden sollten. Die Polizei hatte – mit Blick auf die aktuellen Verbrennungen von Israel-Flaggen – die Auflage erlassen, dass keine Gegenstände angezündet werden durften. Die Veranstaltung fand aus Sicherheitsgründen nicht in unmittelbarer Nähe zum Brandenburger Tor statt, wo zur selben Zeit jüdische Gruppen das traditionelle Chanukka-Fest feierten.

Dr. Ahmad Muhaisen von der »Palästinensischen Gemeinde« rief alle Teilnehmer dazu auf, sich friedlich zu verhalten. Die Gruppe ist laut ihrer Website ein eingetragener Verein und ein »freiwilliger und demokratischer Zusammenschluss« von in Berlin lebenden Palästinensern. Muhaisen selbst, ein auf den ersten Blick klein wirkender Herr mit weißen Haaren, aber überquellend vor Energie, ist Architekt von Beruf, und seit vielen Jahren Aktivist für die palästinensische Sache. Wenn er zur Presse spricht, oder zur Menge, redet er mit einer Geschwindigkeit, die einem Maschinengewehr gleichkommt. Doch immer wieder fallen die Worte »demokratisch« und »friedlich«.

Daran halten sich an diesem Nachmittag auch fast alle Teilnehmer*innen. Nur zwischen einer kleinen Gruppe junger Männer kam es zu Rangeleien. Ordner drängten sie ab, bevor Polizeibeamte eingreifen mussten.

Neben vielen jungen Männern waren unter den Teilnehmer*innen der Kundgebung auch zahlreiche Frauen, Kinder und ältere Menschen. Die Polizei teilte nach der Veranstaltung mit, dass es eine Verhaftung wegen angelegter Vermummung gegeben habe und zwei weitere in Zusammenhang mit gezeigten ISIS-Fingern. 400 Polizeibeamte sollen vor Ort gewesen sein. Laut Polizei haben die Veranstalter die Kundgebung um 18 Uhr als aufgelöst gemeldet. Auch am Ende zeigte sich der Wettergott wenig gnädig, um 17.50 wirkte der Washingtonplatz vor dem Hauptbahnhof bereits wie leergefegt.

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