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Alle Fäden gerissen

Elias Hirschl stürzt einen Zivi in den Wahnsinn

  • Von Stephan Fischer
  • Lesedauer: 4 Min.

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Wenn es gut läuft, bündeln sich die eher losen Fäden des Lebens nach dieser existenziellen Erfahrung, die junge Männer heute nicht mehr zwangsläufig machen, zu einem Seil, an dem man sich danach auf dem Lebensweg zum ersten Mal entlangziehen kann. Läuft es schlecht, hat man auch ein Seil - aber eins, an dem man sich aufhängen möchte. Die Rede ist nicht vom oftmals stupiden Militärdienst. Die Rede ist vom Zivildienst, die der Zivi in Elias Hirschls drittem Roman »Hundert schwarze Nähmaschinen« am 1. Dezember 2012, also im »Weltuntergangsjahr« und noch unter gesetzlichem Zwang, in Österreich beginnt. Die Welt ist dann doch nicht untergegangen. Der Zivi wird es tun.

Hirschl lässt bei seinem Zivi bereits am ersten Tag durchklingen, dass eine abschüssige Fahrt beginnt. Mit seiner Freundin will er eigentlich Schluss machen, gesundheitlich geht es ihm schlecht, und als er gefragt wird, warum er sich für die Stelle bei »den psychisch Kranken« entschieden hat, weiß er nur: »Die Wahrheit ist, dass ich alle meine Lebensentscheidungen in der Hoffnung treffe, möglichst niemanden damit zu verärgern.« Damit weiß er nichts. Jeder Leser aber, der nur ein wenig Erfahrung mit der Arbeit mit Menschen mit geistigen Behinderungen und/oder mit psychisch Kranken hat, weiß: Das kann nicht gut gehen.

Denn jener Dienst, gerade in so jungen Jahren, ist einer, der den Menschen zu verschlingen droht, einer, der einen mit Haut und Haaren einnimmt. Dort ist der ewige Geruch von Desinfektionsmitteln, auch Urin und Kot, ein Geruch, der in die Haut dringt und nie mehr weggeht. Der Geruch von Waschmitteln, denn eigentlich könnte man den ganzen Tag allein mit Wäschewaschen füllen, wenn da nicht der sekündlich drohende Wahnsinn wäre. Ein Wahnsinn der Tat, was Selbstverletzungen angeht. Und ein Wahnsinn des Denkens: Oder ist es etwa nicht Wahnsinn, wenn der Heimbewohner Herr Schmidt hundertmal am Tag fragt, ob man jetzt mit ihm ins Kino gehe? »Er stellt grundsätzlich immer die gleichen Fragen, danach, ob jetzt etwas passiert oder etwas kommt, ändert sie aber nach Jahreszeit ein kleines bisschen ab. Zu Weihnachten fragt er nach dem Christbaum, im Frühling nach dem Osterhasen. Ob die Dinge tatsächlich kommen, interessiert ihn nicht. ... Unterhält man sich länger mit ihm, bekommt man mitunter ein seltsames Gefühl völliger Ausgeglichenheit.«

Dieses Gefühl hält nur nie lange an. Die Welt des Wohnheims nimmt den Zivi immer weiter in Beschlag. Es sind nicht nur die überlangen Schichten, die komplett neuen Universen, die in jeder Sekunde darauf lauern, in einem Urknall aus Schreien, einer zerbrochenen CD und Blut zu explodieren. Der Zivi verliert sich zwischen den Bewohnern, deren Macken und Psychosen, Träume und Albträume ihm näher sind als die mathematisch und psychologisch höchst ausgetüftelten Varianten der kommunikativen Eskalationen mit seiner Freundin. Die anderen Betreuer, die da irgendwie durchgekommen sind, saufen nach Feierabend und rauchen in jeder freien Sekunde.

Nun ist unser Zivi aber keiner, der Mitleid braucht. Hirschl hat ihm eine psychische Disposition anheimgegeben, die einem irgendwie gearteten Entwicklungsmoment oder gar einem »Coming of Age«-Roman Hohn sprechen würde. Sein Untergang ist von der ersten Seite an schon in seinem Kopf angelegt. Zivi in einer solchen Arbeitssituation - das heißt erst mal nur durchkommen, der Nutzen kommt erst später. Oder eben nicht.

An vielen Stellen scheint durch, dass der Autor sowohl Clemens Setz als auch David Foster Wallace gelesen haben muss: etwa, wenn er herleitet, dass eigentlich jeder Mensch an Hypochondrie leidet, dass das aber genau dazu führt, dass diese damit keine Krankheit mehr sei. Oder wenn er ein System des zwangsläufigen tragischen Scheiterns jeder Kommunikation zwischen dem Zivi und seiner Freundin entwickelt.

Elias Hirschls Buch ist aber kein tragisches - es ist an vielen Stellen urkomisch, immer präzise mit einem Hang zum Lakonischen, immer im richtigen Moment das völlige Abgleiten in den schreiberischen Wahnsinn verhindernd - kurzum: unbedingt lesenswert. Als Geschenk für junge Menschen aber bitte nicht vor der Ableistung eines Freiwilligendienstes in der Psychiatrie oder ähnlichen Einrichtungen.

Elias Hirschl: Hundert schwarze Nähmaschinen. Roman. Jung und Jung, 332 S., geb., 24 €.

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