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Phantastisches Gedankentraining

Ein Paradestück für Winfried Goos: »Der Mann ohne Brückenkopf« im Theater Zukunft am Ostkreuz

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Den gravierenden Fragen jeder Bühnenkritik - dem Was, Wo, Wer, Wie - etwas folgen zu lassen, das den Rahmen des üblichen Betriebs durchbricht, solche Gelegenheit hat man nicht alle Tage. Weil die Adresse der hier zu betrachtenden Aufführung noch ein wenig am horizontalen Rand der Berliner Spielstätten liegt, wollen wir mit dem Wo beginnen.

Das »Theater Zukunft« liegt in der Laskerstraße, Nähe Ostkreuz, auf der Seite, wo der Wasserturm den Himmel spießt. Dort bauten ein paar junge Leute vor einiger Zeit ein spartenübergreifendes Kulturprojekt auf. Die »Zukunft« versteht sich als eine alternative, linke Bühne. Was bisher geboten wurde, könnte man als ambitioniertes postdramatisches Theater bezeichnen. Neben Eigenproduktionen wie Reiner Groß’ furiosem Stück »Das kurze Leben« oder eine Adaption von Goethes Frühwerk »Die Mitschuldigen«, gibt es auch Gastspiele, zuletzt das Puppenspiel für Erwachsene »Laika [ewig schwerelos]« des Transit-Theaters Berlin.

Nun aktuell »Der Mann ohne Brückenkopf« von Wolfgang Krause Zwieback. Er ist ein Dramatiker, der in der Leipziger Szene viele Fans hat; Regisseur, Bühnenbildner, Zeichner und Schauspieler in einem. Oft tritt er mit Corinna Harfouch auf, mit der er seit 2004 zusammenlebt. Beispielsweise hat die von ihm verfasste Oper »Leben auf der Baldrianrakete«, in der Bonner Kunsthalle uraufgeführt, mit Corinna Harfouch als Marlene Dietrich für Aufsehen gesorgt. Als Autor bemüht sich der Allroundkünstler, das Hintergründige der Welt aufzuzeigen. Dass er dies auf eine heitere Weise zu tun beabsichtigt, beweist schon der Zuname, den er sich erwählt hat.

Ein Mann kommt nach zwölf Jahren Ausbildung in seine Stadt zurück - und sieht sich in einer sehr gegenwärtigen Notlage: Er muss erkennen, »dass ich meine Ausbildung kaum anwenden konnte. Es gab fast keinen, der zu meiner Ausbildung passte«. Wie er ankommt, auf frei über einem Tal hängenden Gleisen, auf einer Endstation im Dickicht weit vor dem Ziel, diese Metapher sagt schon etwas über Krause Zwiebacks Theater: Es ist ein an Alltagserfahrungen anknüpfendes, surrealistisches Stück.

Im Grunde ist es eine Erzählung mit vielen kuriosen Begebenheiten, in deren Verlauf auch ein kleiner Monolog die spezifische Ästhetik zu erkennen gibt. Die Probleme liegen auf der Straße? Dort liegen sie »doch nicht umsonst. Da brauch ich sie nicht noch im Theater … Ich stelle kein Problem auf die Bühne. Und spiele dann damit. Als wärs ein Problem.«

In diesem Spiel verkehrt sich alles, bekommt der Unsinn Sinn und Hintersinn. Wörter, Wendungen kehren ihre Bedeutungen ins Gegenteil. »Er fragte mich, wie es mir geht. Ich sagte: schlecht. Ich kann nicht klagen.«

Wolfgang Krause Zwieback ist ein Sprachakrobat. Zwischen den absurden, bösen oder anrührenden Textwucherungen blitzartige Erleuchtung. Ein Changieren zwischen Nonsens und Lebensphilosophie. Manchmal ein bisschen zu viel Digdedelädä und zu viele Drinks, aber die Anspielungen auf Christoph Marthaler oder die Titanic-Hollywood-Schnulze lösen den Klamauk schnell in Komik auf.

»Den Mann«, der zuerst als Architekt auftritt, der die von ihm erbaute Stadt nicht wiedererkennt und nach neuen Aufgaben sucht, spielt Winfried Goos. In vielen Rollen am Berliner Ensemble bewährt - er gab den Eilif in »Mutter Courage« unter Peymann, oder eine der Faust-Figuren in Wilsons berühmter Inszenierung -, stellt Goos seinen Helden als ironischen Glückssucher dar. Wie er die Vita des Unglücksraben mimisch, gestisch, körperlich belebt, wie er die indirekt wiedergegebenen Dialoge mit unterschiedlichen Personen zu differenzieren versteht, das ist gekonnt.

Die Regie von Kai Lange setzt ganz auf die Wirkung des Textes; das ist bei der über Wortspiel und Wortwitz vermittelten sparsamen Handlung auch angebracht. Es gibt kein Bühnenbild, das marode Interieur des aus einer Brandruine entstandenen Theaters, eine Architektenrolle und eine angedeutete Bar genügen. Das einfallsreiche Agieren von Lange und Goos belohnte das Publikum zur Premiere mit lautstarkem Beifall.

Und was ist mit dem Brückenkopf? Er endet über dem Meer. Dort baut der Mann seinen Schreibtisch auf, kippelt mit dem Stuhl und sieht auf sein Spiegelbild, »ohne Spiegel«. Schaut dem Doppelgänger über die Schulter und sieht »eine große Straße«.

Nächste Vorstellungen: 15. und 16. Dezember im Theater Zukunft, Laskerstr. 5, Friedrichshain

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