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Auferstehung mit den Bremer Stadtmusikanten

In der aktuellen Plakatausstellung des Spenglermuseums Sangerhausen lässt sich die Theatergeschichte der Region nachvollziehen

  • Von Wolfgang F. Salzburg
  • Lesedauer: 3 Min.

Es ist schon ein Paradoxon, wenn ein Museum, das sich der Heimatgeschichte und Naturkunde verschrieben hat, eine Ausstellung mit Theaterplakaten präsentiert. Mit »Ansichtssache Plakat« zeigt das Spenglermuseum Sangerhausen im Süden Sachsen-Anhalts rund 40 Plakate aus 72 Jahren Theatergeschichte. Dabei soll der Frage nachgegangen werden, inwieweit sich die Plakatkunst über die Jahre verändert hat und welchen Einfluss der Einsatz des Computers - wenn überhaupt - darauf nahm.

Im Fokus, da ist klar, steht die Kreativität des Künstlers. Hinzu kommen sein Verständnis für Theater im Allgemeinen sowie das anzukündigende Stück selbst. Der Computer ist lediglich eine Vervollkommnung der künstlerischen Werkzeuge, hat aber das Federmesser, die Pinzette und den Kleber weitestgehend abgelöst. Die Eröffnung der Ausstellung am 11. November wurde aber dann vor allem zum Exkurs in die Geschichte des Theaters Eisleben von den Anfängen bis in die Gegenwart. Für den Erfolg sorgte auch die Anwesenheit von zwei Zeitzeugen. Das waren der Theatergründer Felix Ecke, inzwischen stolze 93 Jahre alt, und Ulrich Fischer, Intendant der Spielstätte, die sich seit der neuen Spielzeit wieder Theater nennen darf.

Felix Ecke gründete am 13. Juli 1945 das Bürgertheater in Eisleben, das einen Monat später den Spielbetrieb aufnahm. 1953 wurde es verstaatlicht und zum Thomas Müntzer Theater. Ulrich Fischer kam 1986 nach dem Dramaturgiestudium an das Mehrspartenhaus.

Ecke und Fischer verbindet, dieses Theater durch schwere Zeiten geführt zu haben. Der eine in einem zerstörten Land mit Hunger und Not, beseelt von Zuversicht. Der andere in einem »Land in dem wir gut und gerne leben« (Merkel-Wahlkampfslogan) - mit Zukunftsängsten und Sorge um den Bestand der Theaterkunst im Mansfelder Land. So ähnlich und so gegensätzlich zugleich.

1993 wurde das Orchester entlassen, es verabschiedete sich mit Mozarts Oper vom Vogelhändler. Das entsprechende Plakat dazu weist darauf auf ganz besondere Weise hin. Der Vogelhändler mit seinen Käfigen auf dem Rücken wandte dem Betrachter den Rücken zu und setzte seinen Weg in den Hintergrund des Plakats fort. Das Ortsausgangsschild mit der durchgestrichen Aufschrift Kulturstadt Eisleben lässt er hinter sich. Ein verzweifelter Akt des Plakatkünstlers Helmut Brade, der damit seinem Zorn über den kulturellen Kahlschlag Ausdruck verleihen wollte.

Die jüngere Geschichte des Theaters ergibt ein Bild des Sterbens sowie der politischen Verweigerung. 75 Millionen Euro in die Lutherdekade zu geben war dem damaligen SPD-Kultusminister von Sachsen-Anhalt wichtiger, als ein Theater mit einem vielseitigen und hochprofessionellen Spielbetrieb zu erhalten.

Doch nun scheint eine neue Ära für das Haus angebrochen, das zwischenzeitlich gar zum »Kulturwerk« gemacht wurde. Als Theater Eisleben geht es in die neue Spielzeit. Aufgeschlagen wird mit »Die Bremer Stadtmusikanten«, einem musikalischen Märchen nach den Gebrüdern Grimm. Wieder ist es ein Grafiker, diesmal Björn Danzke, der seine Gefühle in das entsprechende Plakat einbringt. Es bedarf jedoch besonderer Aufmerksamkeit zu erkennen, dass alles auf dem Kopf steht. Nicht der Esel trägt, wie im Original, den Hund, die Katze und den Hahn auf seinem Rücken, sondern der viel kleinere und vermeintlich schwächere Hahn die Katze, den Hund und den Esel.

In Eisleben ist eben alles etwas anders. Das Theater, das es eigentlich nicht mehr geben sollte, ist nun wieder ein Theater. Und die Ausstellung im nahe gelegen Sangerhausen spiegelt etwas anderes als angekündigt - nämlich nicht die Plakatkunst in der Geschichte des Theaters, sondern eher die Geschichte des Theaters in der Plakatkunst. So gesehen ist die Ausstellung schon jetzt ein Erfolg.

Die Sonderschau »Ansichtssache Plakat« im Spengler-Museum Sangerhausen, Bahnhofstraße 33, ist noch bis zum 1. April zu sehen, Di-So 13 bis 17 Uhr; Weiteres unter Spenglermuseum.de

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