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Wenn Hertha BSC in Köpenick feiern muss

Die Mannschaft lässt die Fans mit dem Sieg gegen Hannover jubeln. Dem Klub gelingt das nicht immer

  • Von Alexander Ludewig
  • Lesedauer: 4 Min.

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Hertha BSC hat ein »Versprechen eingelöst«. So sieht es jedenfalls Präsidiumsmitglied Ingmar Peering: »Das Gründungsschiff wird in Herthas Jubiläumsjahr nach Berlin geholt.« Am Donnerstag sollte der Dampfer namens »Hertha« endlich in der Hauptstadt anlegen. Dass aber nicht mal die Internetseite des Fußball-Bundesligisten darüber informierte, macht die jahrelange Posse noch etwas peinlicher. Ebenso der Umstand, dass der 100 Tonnen schwere Dampfer im Betriebshafen der Reederei Riedel überwintern soll - also in Köpenick, der Heimat des Stadtrivalen 1. FC Union.

Ein wirkliches Geschenk machte den Fans die Mannschaft von Hertha BSC. Zum Abschluss des Fußballjahres im Berliner Olympiastadion gewann sie am Mittwochabend 3:1 gegen Hannover 96. Später lobte Trainer Pal Dardai seinen Doppeltorschützen Salomon Kalou. Der hatte die Berliner vor der Pause mit 2:0 in Führung gebracht. Hannovers Coach André Breitenreiter lobte auch einen Herthaner: Torwart Rune Jarstein. Der Norweger hatte mit etlichen Paraden verhindert, dass nur Ihlas Bebou für die Gäste ein Tor erzielen konnte. Nach dem zwischenzeitlichen 2:1 traf Herthas junger Abwehrspieler Jordan Torunarigha zum Endstand. »Ein glücklicher Sieg«, lautete das Fazit von Breitenreiter nach dem »Dauerdruck in der zweiten Halbzeit« seiner Mannschaft.

Dardai wollte seinem Kollegen nicht widersprechen. Wieder offenbarte seine Mannschaft bei den vielen Chancen der Gäste Schwächen in der Defensive. Im Spiel nach vorn blieb sie, wie so oft, meist harmlos. Freuen konnte sich Dardai dann zumindest über die Ausbeute nach 16 Spieltagen: »Wir haben die gewünschte Punktzahl.« Mit Platz zehn hatte der Ungar das Saisonziel recht defensiv formuliert. Jetzt ist Hertha BSC mit 21 Punkten Elfter, einen Punkt und einen Platz hinter dem Aufsteiger aus Niedersachsen. Dardai ist eben ein Realist. Auch er wird wissen, dass es in dieser Spielzeit wohl ein langer Weg zum Klassenerhalt werden wird.

Sehr lange mussten die Fans auf ihre »Hertha« warten. Schon vor Jahren hatte der Verein angekündigt, das Schiff in Klubbesitz bringen zu wollen. Passiert ist nichts. Die aktuelle Rückholaktion war eigentlich für den 25. Juli geplant, dem Gründungstag des Vereins im Jahr 1892. Damals ließen sich die Brüderpaare Otto und Willi Lorenz sowie Fritz und Max Lindner von einer Fahrt auf dem Dampfer mit dem blau-weiß-gelben Schornstein bei der Namens- und Farbgebung ihres Vereins inspirieren. Nun, zum 125. Geburtstag von Hertha BSC war das Schiff aber nicht fahrtauglich und konnte so nicht am Berliner Museumshafen anlegen.

Nach der Überführung auf dem Landweg von Kyritz, wo das Schiff bis vor wenige Jahren noch Passagiere beförderte, zum Hafen Wustermark sollte die »Hertha« im Herbst am Tegeler See ankern. Aber auch dieser Plan scheiterte. Dass es überhaupt noch geklappt hat, ist Ingmar Peerig und Christian Wolter zu verdanken. Den beiden Präsidiumsmitgliedern von Hertha BSC lag das Vorhaben am Herzen. Aber damit waren sie anscheinend fast allein. Um Kauf und Instandsetzung des Dampfers zu finanzieren, verkauften sie Aktien. Nicht jeder wollte eine. Klubpräsident Werner Gegenbauer, Manager Michael Preetz und Finanzchef Ingo Schiller auch nicht. »Das sagt doch alles«, wetterte Wolter im November. Letztlich kam zu wenig Geld zusammen. Jetzt muss halt in Köpenick gefeiert werden.

Ähnlich ungeschickt arbeitet der Verein teilweise an seinem Image. Jedes Jahr ein neuer Slogan - viel Marketing, wenig Herz. Lächerlich statt lustig war in dieser Saison das ein oder andere Spieltagsmotto auf den Stadionheften. »Auf Berlin kommt Großes zu. Aber heute erstmal Gelsenkirchen«, konnte man dort zur Partie gegen Schalke 04 lesen. Nach dem 2:0-Sieg der Gäste wünschte beispielsweise Schalkes Manager Christian Heidel »viel Glück bei den großen Dingen, die jetzt kommen.« Nicht ohne Schadenfreude.

Wecken solche Kampagnen Aufmerksamkeit? Eher nicht. Mangelndes Interesse beklagt der Verein bei gleichbleibendem Zuschauerschnitt seit Jahren. Am Mittwochabend bot das Olympiastadion einen traurigen Anblick. Sehr wohlwollend wurde eine Zuschauerzahl von 29 231 verkündet. Vielleicht weil das Transparent, mit dem sich die Mannschaft nach dem Abpfiff von den Fans verabschiedet hat, gerechtfertigt werden musste? »Wir danken dem lautesten Weihnachtschor Berlins«, war darauf zu lesen. Fußball, Weihnachten und Singen? War da nicht auch irgendwas in Köpenick? Ja, aber zum 1. FC Union kommen an jedem 23. Dezember ja nur 28 500 zum Weihnachtssingen.

Manchmal gelingt Hertha BSC aber auch gute Werbung in eigener Sache. Kurz vor dem Anpfiff gegen Hannover 96, flimmerten der Hashtag FreeDeniz und das Konterfei von Deniz Yücel über die Werbebanden. Solche Aufmerksamkeit kann der seit fast neun Monaten in der Türkei inhaftierte Journalist gut gebrauchen. Eine ähnlich große Geste war der Kniefall der Berliner Mannschaft vor dem Spiel gegen Schalke 04 - aus Solidarität mit den Sportlern in den USA, die während der Nationalhymne nicht stehen, sondern knien, aus Protest gegen Rassismus und Diskriminierung.

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