Täter oder Opfer?

Ein emotionales Video wird zum viralen Hit - nun kommen pikante Details ans Tageslicht

  • Von Florian Brand
  • Lesedauer: 4 Min.

Ein Junge sitzt auf dem Beifahrersitz im Auto und weint. Seine Mutter filmt ihn. Unter Tränen erzählt er, wie ihn die älteren SchülerInnen mobben. Wie sie ihn wegen seiner Gaumenspalte aufziehen. Wie sie Witze über die Narbe an seinem Kopf machen. Wie sie ihm ins Gesicht sagen, dass er hässlich ist - dass er keine Freunde hat. Er erzählt davon, wie die anderen ihm Milch über den Kopf gekippt haben. Wie sie ihn bespucken, schlagen und treten. Weil er ein bisschen anders ist. Der Junge ist Keaton Jones aus der Stadt Knoxville im Bundesstaat Tennessee. »Was ist der Grund dafür«, fragt der 11- Jährige in die Kamera. »Warum macht es sie froh, wenn sie jemanden finden, den sie drangsalieren können? Das ist nicht okay. Eines Tages wird es besser - hoffentlich.« Bei den letzten Worten dieser knapp 80-sekündigen Sequenz dreht er sich weg, als die Tränen aus ihm herausbrechen.

Das Video hat seine Mutter vor wenigen Tagen via Facebook ins Netz gestellt. In kürzester Zeit entwickelte sich das Video des verzweifelten Jungen der gehänselt wird mit mehr als 20 Millionen Klicks zum viralen Hit. Es folgen unzählige Solidaritätsbekundungen. Aus aller Welt bemühen sich InternetnutzerInnen, den Jungen zu trösten. Fernsehsender strahlen Plädoyers gegen Mobbing aus. Berühmte US-Stars, wie Justin Bieber oder Katy Perry, positionieren sich und nehmen Jones in Schutz.

Doch dann wendet sich das Blatt und das Internet zeigt sich von seiner hässlichen Seite. In der Zwischenzeit aufgetauchte Beweise werfen ein zweifelhaftes Licht auf die Familie. Vor allem die Motivation der Eltern wirft Fragen auf. Der Vater des Jungen soll beispielsweise ein vorbestrafter Rassist sein, der seit 2015 im Gefängnis sitzt. Posts von dessen Facebookprofil legen nahe, dass er Mitglied einer rassistischen Gang sein könnte. Auf mehreren Bildern formt er mit der Hand ein Gangzeichen, das von ExpertInnen als Erkennungssymbol des rassistischen »Aryan Circle« interpretiert wird. Auch zeigt er sich auf mehreren Bildern in einem Pullover, auf dem eindeutig SS-Runen abgebildet sind. Auf einem weiteren Bild posiert neben ihm mit freiem Oberkörper ein Mann mit Hakenkreuz-Tattoos.

Die Mutter, Kimberley Jones, die ebenfalls sehr aktiv in sozialen Medien zu sein scheint, postete ihrerseits mehrere Bilder, auf denen die Konföderierten Flagge zu sehen ist - jener Flagge der Südstaaten zur Zeit des US-amerikanischen Sezessionskrieges, die noch heute von KritikerInnen als rassistisches Symbol interpretiert wird. In einem TV-Interview, welches die dreifache Mutter unlängst der TV-Sendung »Good Morning America« (GMA) gab, erklärte sie, diese Bilder waren »ironisch und witzig und extrem« gemeint. »Es tut mir aufrichtig leid. Ich würde es zurücknehmen, wenn ich könnte.« Ebenfalls für Verwirrung sorgten mehrere Spendenkonten, die im Namen der Familie offenbar Geld sammeln sollten. Auf der Crowdfunding-Seite GoFundMe wurden bislang rund 57 000 Dollar gespendet. Unklar ist jedoch, wer tatsächlich hinter dieser Spendenaktion steckt. Laut den Online-Angaben der Aktion steckt ein Joseph Lam dahinter, um Keaton Jones eine Ausbildung an einer Privat- oder Hochschule zu ermöglichen, wie es heißt. Die Spenden sind mittlerweile eingefroren, nachdem die pikanten Details über die Familie Jones bekannt wurden. Die Mutter hat das Video mit ihrem Sohn mittlerweile von ihrer Facebookseite gelöscht, nachdem die ersten Zweifel an der Aufrichtigkeit aufkamen.

Unterdessen berichten MitschülerInnen und Eltern der Horace Maynard Middle School, Keaton habe sich mehrfach rassistisch geäußert. So soll er das N-Wort gegenüber einem Jungen verwendet haben, der ihn daraufhin zur Rechenschaft ziehen wollte. Von offizieller Seite der Schule heißt es, Keaton sei tatsächlich das Opfer mindestens eines Mobbingvorfalls in jüngster Zeit gewesen. Zu den Rassismusvorwürfen wolle man sich jedoch nicht äußern. Es sei aber nicht so schlimm gewesen, wie es dargestellt wird, sagte der Rektor der Schule, wie die Süddeutsche Zeitung meldet.

Via Twitter äußerte sich nun die Schwester von Keaton, Lakyn, zu einigen der Vorwürfe gegen die Familie. Auch sie verteidigte die Konföderierten-Flagge mit den Worten: »Ich bin aus dem Süden. Hier sieht man Millionen Flaggen wie diese. Heißt nicht, dass wir Rassisten sind.« Außerdem würde ihr Bruder das »N-Wort« nicht in den Mund nehmen. Zu den Vorwürfen, die Mutter würde lediglich Profit aus dem Übel ihres Sohnes schlagen wollen, twitterte sie: »Wir haben bislang kein Geld erhalten und haben es auch nicht vor.«

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