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Bamm!

Juli Zehs neuer Roman ist wie der Kölner »Tatort«: inhaltlich engagiert, stilistisch mittelmäßig

  • Von Ines Wallrodt
  • Lesedauer: 6 Min.

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Man kennt es vom »Tatort«: Um fast jeden Mordfall wird da ein drängendes gesellschaftliches Problem gestrickt, das am besten im Anschluss noch in einer Talkrunde vertieft wird. Sozialkunde für Erwachsene. Besonders das Kölner Ermittlerteam, Ballauf und Schenk, ist bekannt für seine moralisch-volkspädagogischen Dialoge an der Currywurstbude oder in Schenks alter Ami-Limousine. Die Idee an sich, unterhaltende politische Bildung zu produzieren, ist gar nicht schlimm. Schlimm ist nur, dass in diesen Filmen alles, wirklich alles gnadenlos ausgesprochen wird. Keine einzige Szene lässt Raum für Interpretationen. Immer kommt der Holzhammer.

Ob Juli Zeh den ARD-Sonntagskrimi mag, spielt keine Rolle, aber ihr neuer Roman »Leere Herzen«, ein Psychothriller, erinnert an diese Kölner Fälle, im Guten wie im Schlechten. »Bamm! Problem gelöst!«, oder auch: »Bamm, Kollateralschaden!« - das schreien in diesem Buch zwei kleine Mädchen bei ihrem Schießspiel nach jedem Treffer. Und irgendwann auch die Leserin, wenn die Autorin mal wieder alles bis ins Letzte erklären musste.

Dabei hat die Geschichte durchaus ihren Reiz. Juli Zeh führt uns in die nahe Zukunft des Jahres 2025: Trump und Putin sind verbündet, die UNO ist aufgelöst. Merkel ist schon vor Jahren aus dem Amt gejagt worden, im Bundestag regiert nun die nationalistische Besorgte-Bürger-Bewegung BBB, so etwas wie die AfD, mit einer Innenministerin namens Wagenknecht. (So viel Seitenhieb musste wohl sein. Juli Zeh ist nach langem Zaudern in diesem Jahr dem Martin-Schulz-Hype folgend der SPD beigetreten, wie sie in einem Interview gestand.) Die BBB verabschiedet nun schon das fünfte »Effizienzpaket«, was bedeutet, dass eine demokratische Errungenschaft nach der anderen entsorgt wird. Aber niemand im Land wehrt sich dagegen. Denn irgendwie geht es allen trotzdem ganz gut. Die Mehrheit der Leute, so heißt es im Buch, würde sich eher für die Waschmaschine als für das Wahlrecht entscheiden. Es ist die bittere Formel für eine Zeit, in der alle Prinzipien verloren sind: »Politik, Religion, Gemeinschaftsgefühl und der Glaube an eine bessere Welt«. Geblieben sind leere Herzen.

Juli Zeh interessiert sich aber nicht etwa für die Anhänger der BBB, sondern für die anderen, die diese Partei nie gewählt haben, vielmehr abschätzig auf die »Vollidioten und Spinner« der BBB herabschauen und doch nichts tun, als sich bei Wein und Sushi ein bisschen aufzuregen. Oder nicht einmal das. »Da. So seid ihr«, schleudert sie ihnen auf der allerersten Seite böse entgegen. In »Leere Herzen« sollen sie sich wie in einem Spiegel erkennen - und erschrecken.

Da ist Britta Söldner (!), die Protagonistin des Romans, die ein gut laufendes Dienstleistungsunternehmen für potenzielle Selbstmörder namens »Die Brücke« betreibt. Zusammen mit dem schwulen Iraker Babak, einem bekehrten Selbstmordkandidaten, spürt sie im Internet mithilfe eines Algorithmus die Lebensmüden auf. Denen bietet »Die Brücke« eine Konfrontationstherapie in zwölf Stufen an, die sich bis zu drastischer Folter steigert, um herauszufinden, wie stark der Todeswunsch wirklich ist. Die meisten Kandidaten entscheiden sich spätestens nach dem Waterboarding doch noch einmal für das Leben, den harten Rest vermittelt Britta als gut ausgebildete Selbstmordattentäter an Terrororganisationen weiter - die Letzten, die in dieser dystopischen Zukunft noch Ideale haben und dafür kämpfen. Bei ihren Kunden macht Britta keinen Unterschied, radikale Ökos, Islamisten oder Kurden, egal. Sie fühlt sich mit ihrem Geschäft auf der sauberen Seite: Denn die Brücke habe »den Terroranarchismus beendet«. Es gibt einen auf Herz und Nieren geprüften Märtyrer, feste Absprachen und kontrollierte Opferzahlen. Terroristen, Politik, Medien, Sicherheitsdienste - alle Seiten sind bestens aufeinander eingespielt.

Doch diese »Balance der Kräfte« gerät aus dem Lot. Überraschend hat es einen Anschlag auf den Leipziger Flughafen gegeben, und Britta muss herausfinden, wer dahintersteckt. War das eine eigenmächtige Aktion eines ihrer Kunden oder neue Konkurrenz? Oder hat der aus dem Nichts aufgetauchte Investor für die schwächelnde Softwarefirma ihres Mannes Richard damit zu tun? Für die Ermittlungen entfaltet Britta eine hektische Reisetätigkeit, sie führen sie nach Bonn und Leipzig, in ein unbewohntes Landhaus und schließlich zu sich selbst. Ihr leer geglaubtes Innerstes ist dann nämlich doch nicht ganz ohne Prinzipien. Vielmehr stellt sich deren fortdauernde Missachtung als Ursprung ihrer heftigen Magenschmerzen heraus. So weit der Kriminalfall, der durchaus spannend zu lesen ist.

Wenn die Geschichte nicht von diesem »Tatort«-Virus befallen wäre. Erkennbar an einem verquer kon᠆struierten Krimifinale und notorischem Aussprechdrang: Was die Figuren denken, fühlen, einsehen - Juli Zeh schreibt es ohne Lücken auf. Mehrdeutigkeit, Ambivalenz? Besser nicht. Lieber geht sie auf Nummer sicher mit ganzseitigen Erkenntnismonologen in diesem Stil: »Bislang dachte ich, aber jetzt weiß ich, dass ...« Botschaft klar. Bamm! In einigen Szenen wird das ärgerlich. Etwa, wenn sich der verdächtige Investor dem Haus nähert, in dem ihn Britta und Babak mit Seil und Stein in der Hand erwarten. Schnitt. Und der Mann sitzt mit Klebeband vor dem Mund vor ihnen. Das hätte doch gereicht. Aber Juli Zeh kann es nicht lassen und schildert nun noch, was in den Minuten zuvor geschehen war. Ja, was wohl?

Auch manche Metaphern (»Gedanken, die Achterbahn fahren«, »Verirrte ohne Landkarte in einer Wüste aus Zeit«) und die ebenfalls ziemlich ausgelutschte Krankheitssymbolik - die Magenschmerzen - lassen einen rätseln, was denn bloß in den letzten anderthalb Jahren mit der großartigen Erfinderin von »Unterleuten« passiert ist, dem vielschichtigen Provinzroman. Aber so völlig aus der Reihe fällt »Leere Herzen« in Juli Zehs Werk auch wieder nicht. Die 43-Jährige knüpft vielmehr an ihren vierten Roman »Corpus Delicti« aus dem Jahr 2009 an, in dem sie schon einmal eine dystopische Zukunft entwarf und der ebenfalls darunter litt, dass zu wenig literarisch gestaltet war, dafür umso mehr Standpunkte aufgesagt wurden. Dabei verhandelte auch diese Geschichte einer Gesundheitsdiktatur gesellschaftlich brisante Grundfragen zum Verhältnis von Staat und Individuum, Risiko und Freiheit.

Und auch fast zehn Jahre später hat Juli Zeh recht. Sie hat recht mit ihrer Warnung davor, wohin unsere Gesellschaft treibt, mit ihrem Appell an die Bürger, mit ihrer Liebe zur Demokratie, auch wenn diese die Falschen ans Ruder bringt, mit ihrer Kritik an selbstzufriedenen Akademikermilieus, Landhauseskapismus, Desinteresse. Aber vielleicht wäre ein Essay zum Aufstieg der AfD dafür die glücklichere Form gewesen.

Und trotzdem: Mit diesem Roman ist es wie mit dem Kölner »Tatort«. Man ärgert sich über manch allzu platte Darstellung, aber schaltet doch immer wieder ein und diskutiert dann das gesellschaftlich relevante Thema.

Juli Zeh: Leere Herzen. Roman. Luchterhand, 352 S., geb., 20 €.

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