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Mit Rudolf durch Lappland

Unterwegs mit einem Rentierzüchter in der finnischen Wildnis.

  • Von Beate Schümann
  • Lesedauer: 7 Min.
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Mein Rentier heißt tatsächlich Rudolf. Was für ein Zufall! Ausgerechnet jetzt, kurz vor Weihnachten. Hoch oben im Norden Lapplands läuft »The red-nosed reindeer« vor meinem Schlitten. Im winterlichen Sonnenschimmer glänzt seine Nase tatsächlich rötlich. Schon swingt Dean Martins Christmas-Song durch den Kopf.

Rudolf ist keiner von der schnellen Sorte. Keiner, den Santa Claus für sich einspannen würde, weil er ja in Windeseile vor dessen Kufenwagen durch die Lüfte galoppieren müsste. Berechnungen zufolge müsste er sogar 1040 Kilometer pro Sekunde erreichen, damit der Weihnachtsmann in einer Nacht allen Kindern der Welt rechtzeitig die Geschenke bringen kann. Nicht eingerechnet sind die vielen Bremswege vor den Kaminen der Häuser, durch die er die Gaben wirft. Physikalisch gesehen verkraftet kein normales Lebewesen dieses rasante Abbremsen und Beschleunigen. Doch mein Rudolf geht. »Schlapp, schlapp, schlapp« klingen seine Hufe bei jedem Schritt. Er setzt immer einen nach dem anderen und stapft mit den Hinterhufen exakt in die Spur der Vorderhufe, also dorthin, wo der Schnee schon platt ist. Das muss eine nordische Disziplin im Energiesparen sein.

»Hohoho«, ruft Schlittenführer Jarkko mit tiefer Stimme, und es klingt wie: »Mach mal Tempo!« Aber Rudolf rührt das nicht. Er trottet. Das Störrische wirkt sogar irgendwie sympathisch, obwohl er so ganz ohne Geweih doch ein wenig komisch aussieht. Jarkko hat es gekappt - aus Sicherheitsgründen, wie er sagt. Die drei Holzschlitten ruckeln langsam über das weiße, dicht bewaldete Fjäll, wie die welligen Hochebenen Skandinaviens heißen. Ein echter Märchenwald. Eiskristalle haben sich zu hohen Polstern aufgetürmt, bedecken die Felder, die Seen und Bäche. An den Bäumen beweist der frische Schnee seine wahre Meisterschaft. Er pudert ihre Zweige, die sich unter der weißen Last wie Flügel an den Stamm geklappt haben. Kiefern und Fichten haben sich in Schneemänner verwandelt, mit dicken Bäuchen, krummen Nasen und Zipfelmützen. Bis auf wenige Tierspuren ist die Schneedecke kaum berührt. Knirschend graben sich die Kufen des Schlittens in den gefrorenen Schnee und quietschen in den Kurven.

Jarkko trägt als gebürtiger Same die blau-gelb-rote Tracht der Ureinwohner. Seit Jahren organisiert er die geruhsamen Rentiersafaris in der stillen Wildnis von Saariselkä. Allerdings schreckt er auch vor Abenteuertouren mit dröhnenden Snowmobilen nicht zurück. Startpunkt ist die Holzhütte Joikun Kota, in der Jarkko die Hightech-Schutzkleidung ausgibt, samische Joik-Gesänge von der CD abspielt und wo immer heiße Suppe auf dem Feuer steht. Dann geht er zum Gehege, wählt drei Rens aus - Verppi, Santtu und Petteri (was übersetzt Rudolf bedeutet) - und spannt sie vor drei Schlitten, die mit warmen Rentierfellen ausgelegt sind.

Eine Rentiertour ist etwas typisch Samisches. Früher kannten die Sami keine Grenzen und zogen mit ihren Rentierschlitten und Herden endlos durch die Wälder. Erst als in den 60er Jahren die Snowmobile aufkamen, wurde der Volksstamm sesshaft. Heute leben in der finnischen Provinz Lappland rund 6000 Sami. Zusammen mit jenen in Schweden und Norwegen schätzt man ihre Zahl auf 70 000. Jarkko spricht Sami, kann aber auch Finnisch. Er ist stolz darauf, dass das einstige Nomadenvolk seit 1986 als Nation anerkannt ist. Sie haben sogar ein eigenes Parlament. »Hohoho«, lässt Jarkko sich erneut vernehmen, oder er ruft laut »Rudolf« - mal ermunternd, mal flehend. Doch dieser zottelt, wie er will, durch den Winterwald, immer hübsch langsam. Zum Abschied bekommt er ein paar Streicheleinheiten. Trotzig schaut er mich von der Seite an, und wieder glänzt seine Nase rötlich.

Mit Rudolf kann Santa Claus keinen Staat machen. Für seinen Schlitten braucht er mindestens zwölf Rentiere, stolze, kräftige Exemplare mit prächtigen Geweihen. Ob er sie bei Petri Mattus bestellt? Der Züchter muss lachen. Vielleicht ja, weil er selbst Rudolf heißt. Petri ist halb Same, halb Finne und hat seine Herde vom samischen Vater übernommen. Die Inari-Region mit dem Lemmenjoki-Nationalpark ist ideal für die Rentierzucht: Achtzig Prozent der Fläche stehen unter Naturschutz, das sind rund 17 300 Quadratkilometer. Petri verkauft Fleisch und Felle, aber auch die Rens.

Wie viele er hat? Eine absolut unmögliche Frage für einen Rentierzüchter. Das wäre etwa so, als würde uns jemand nach unserem Guthaben auf dem Bankkonto fragen. Auch Petri drückt sich um die Antwort und erwidert diplomatisch: »Im Inari-Gebiet zählen wir rund 650 Rentierhirten, 46 000 Rentiere sind zugelassen. Auf 2400 Quadratkilometern dürfen maximal 5500 Rentiere gezüchtet werden.« Eine zu schwere Rechenaufgabe, aber er will seine Herde zeigen. Petri setzt seine Mütze aus Seehundfell auf, und los geht es. Er nimmt das Snowmobil, dahinter ein Schlitten, ein zweiter mit Heu.

Er brettert eine Weile durch den Wald. Dann fängt er zu rufen an: »He, he, heeee!« Die ersten Rentiere tauchen zwischen den Bäumen auf, dann kommen sie in Massen. Plötzlich können sie auch traben, sogar galoppieren. Das könnten wohl Rentiere nach Santa Claus’ Geschmack sein! Bei der Futterstelle legt Petri weiträumig Heu aus. Während die Rens gierig danach schnappen, zerhackt Petri dicke Holzscheite, als seien sie Streichhölzer. Damit macht er ein Feuer und kocht Tee. Aus dem Proviantbeutel zieht er selbst getrocknetes Rentierfleisch und schneidet reichlich davon ab.

Im Wald ist Petri wortkarg. Aber beim wärmenden Tee erzählt er doch von seinem oft harten Leben eines Rentierhirten. Und von den Rens, die er mit einem eigenen samischen Zeichen im Ohr kennzeichnet. Zum Glück muss er sie nicht zähmen - sie sind sehr bockig. Und schließlich erfährt man doch, dass er jedes Jahr immerhin 500 Rens verkaufen muss, um seine Familie zu ernähren. Trotzdem habe er dieses Leben bewusst gewählt. »Ich will in der Natur leben und nicht nach der Uhr«, sagt er. Das Rentier ist übrigens die einzige Hirschart, bei der beide Geschlechter ein Geweih tragen. Jeden Tag wächst es einen Zentimeter und ist im Sommer am prächtigsten. Nach der Brunft im Herbst fällt es ab, bei den Kühen erst im Mai, wenn sie gekalbt haben.

Zuletzt verrät Petri noch, dass das rotnasige Rentier Rudolf aus Korvatunturi stamme, einem fast menschenleeren Ort, der auf einem 483 Meter hohen Fjäll mitten in den Wäldern Lapplands liegt, nah an der russischen Grenze. Wie auch Rovaniemi, die Hauptstadt von Lappland, die obendrein Santa Claus als Stadtsohn beansprucht. Legenden kursieren zahlreich, auch über den Geburtsort vom Weihnachtsmann, den zudem der deutsche Schwarzwald, das schwedische Dalarna, Grönland und gar der Nordpol für sich reklamieren.

Der Tag neigt sich leider viel zu schnell. Tief hängt der rotorange leuchtende Sonnenball am Horizont und schimmert durch das Geäst des Waldes. Doch auch Lapplands Nächte versprechen Schauspiele und kleine Wunder. Im Winter gibt es diese eigentümliche Mischung aus Dunkelheit und Licht, die sogenannte »blaue Stunde«, zu der die Sami »Kaamos« sagen. Wenn die himmlische Konstellation günstig ist, zeigt sich das Polarlicht Aurora Borealis in leuchtenden Grün- und Blautönen. In klaren, kalten Dezembernächten ist die Wahrscheinlichkeit dafür am größten.

Wenn man nur fest genug daran glaubt, kann man zwischen den Sternen womöglich auch den weihnachtlichen Schlitten mit den zwölf Rentieren im Sausetempo fliegen sehen. Manche behaupten, dass Santa Claus heutzutage am Airport von Rovaniemi manchmal ein Flugzeug besteige, um noch mobiler zu sein und noch mehr Kinder am Heiligen Abend zu erreichen. Da würde sich wohl sogar mein Rudolf in seiner Rentierehre gekränkt fühlen.

Infos:

Visit Finland: Tel.: (0152) 286 772 33 www.visitfinland.de www.laplandfinland.com

Unternehmungen mit Rentieren: Joiku-Kotsamo, Saarisläntie www.saariselka.fi/joikukotsamo Die Rentiersafaris dauern etwa drei Stunden.

Erlebnisse mit Rentieren in der Wildnis: Petri Mattus, Kittiläntie E-Mail: petri.mattus@netti.fi

Lappländische Nationalparks Lemmenjoki und Urho Kekkonen: www.luontoon.fi

Literatur: Ulrich Quack/Thomas Krämer, »Finnland«, DuMont-Reisehandbuch, DuMont Verlag, 23,99 €

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