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Die größte Hürde ist die Geisteshaltung

Die blinde Anwältin Yetnebersh Nigussie kämpft für gleiche Bildungschancen für Menschen mit Behinderungen

  • Von Alexander Isele
  • Lesedauer: 4 Min.
Vor Ihnen haben bereits drei Äthiopier den Right Livelihood Award erhalten, Sie aber sind die erste Preisträgerin aus Äthiopien. Was bedeutet das?

Das eröffnet ein neues Kapitel. In Äthiopien steckt die Agenda der Frauenrechte noch in den Kinderschuhen, für Frauen sind solche Erfolge Ausnahmen. Ich hoffe, dass viele Mädchen und Frauen dadurch ermutigt werden, für ihre Rechte einzutreten.

Sie sind auch der erste Mensch mit Behinderung überhaupt, der mit dem Preis ausgezeichnet wurde
... und das hat eine Signalwirkung auf der ganzen Welt. Im Umgang mit Menschen mit Behinderung wird meistens darauf fokussiert, was die Personen alles nicht machen können. Die Auszeichnung würdigt und feiert stattdessen nicht nur meine, sondern die Millionen von Fähigkeiten aller Menschen mit Behinderungen.

Wie schwierig war Ihre Ausbildung zur Anwältin?
Bildung ist in Äthiopien für Kinder mit Behinderung nicht vorgesehen. Als ich aufwuchs, war es blinden Kindern nicht erlaubt, die Schulen in den Dörfern zu besuchen. Meine Mutter und meine Großmutter schickten mich deshalb an eine spezielle Schule 800 Kilometer entfernt, die ich bis zur sechsten Klasse besuchte. Solche Schulen sind aber sehr teuer, weshalb ich ab der siebten Klasse an eine staatliche Schule musste. An staatlichen Schulen gibt es jedoch keine Vorstellung von Inklusion: Es gab keine Bücher in Blindenschrift, und ich war darauf angewiesen, dass Freunde von mir Bücher oder die Fragen in Examen vorlasen.

Die UNESCO-Salamanca-Erklärung von 1994 bekräftigt das Recht auf Bildung für alle. Was hat sich seither geändert?
Die Nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen setzen zwar das Ziel der Inklusion im Bildungssystem, aber viele Regierungen glauben nicht, dass es sich lohnt, in Kinder mit Behinderungen zu »investieren«. Da betreiben wir Lobbyarbeit, sprechen mit Kreditgebern wie dem deutschen Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, der Europäischen Union oder der Globalen Partnerschaft für Bildung, damit diese Gelder für inklusive Bildung bereitstellen. Wir von »Light for the World« arbeiten mit Schulen in Äthiopien, Burkina Faso oder Mosambik, um dort inklusive Proto-Schulen zu etablieren, die als Vorbild für weitere dienen. In Äthiopien bemüht sich die Regierung seit 15 Jahren um mehr Inklusion. Aber es fehlen ausgebildete Lehrkräfte, die notwendigen Technologien oder barrierefreie Einrichtungen, um Kinder mit Behinderungen zu integrieren. Dabei hängt die Entwickeln jedes Einzelnen mit dessen Bildung zusammen. Deine Beschäftigung, Akzeptanz oder politische Teilhabe hängt von der Qualität deiner Bildung ab.

Sie haben über die Hürden für die Kinder geredet. Welche Hürden erfahren Sie in Ihrer Arbeit gegen Ungleichheit?
Die größte Hürde ist die Geisteshaltung vieler Menschen, die sich nicht vorstellen können, dass Menschen mit Behinderung Talente und Fähigkeiten haben; sie fokussieren nur auf die Behinderung. Ich bin vielen Vorurteilen ausgesetzt: Mir wird immer noch gesagt, weil ich blind bin, könne ich nicht Vorsitzende einer Organisation sein, eine Bewegung anführen, den besten Job bekommen oder aktivistisch tätig sein.

Des Weiteren gibt es zu wenig Informationen über Behinderungen. Menschen mit Behinderung werden immer noch als Problem angesehen, für das die Wohlfahrt zuständig ist. Dabei sind Behindertenrechte Teil der Menschenrechtsagenda. Meine Bildung ist nicht etwas, dass ich geschenkt bekomme. Sie ist mein Recht! Aus den Menschenrechten folgt für meine Regierung die Verpflichtung, mir dieses Recht zu gewähren. Aber es ist sehr schwer, die tiefen Wurzeln der Vorurteile gegen Menschen mit Behinderungen herauszureißen. Um sie Stück für Stück abzubauen, brauchen wir eine lebendige Bewegung von Menschen mit Behinderungen. Wir arbeiten deshalb eng mit lokalen Gruppen zusammen, damit die lernen, von der Regierung ihre Rechte einzufordern.

Der Alternative Nobelpreis

Der »Right Livelihood Award« wird seit 1980 vergeben, um mutige und engagierte Menschen und Organisationen zu ehren, die mit Visionen oder tatsächlichen Lösungen globale Probleme angehen. In der Öffentlichkeit ist die Auszeichnung auch als Alternativer Nobelpreis bekannt. Es besteht keine institutionelle Verbindung zum Nobelpreis; der »Right Livelihood Award« wird über Spenden finanziert.

Der schwedisch-deutsche Publizist Jakob von Uexküll gründete den »Preis für richtige Lebensführung« aus seinem privaten Vermögen. Der Preis versteht sich als sozial orientierte kritische Alternative zu den traditionellen Nobelpreisen, die nach Meinung Uexkülls von westlichen und konservativ orientierten Preisträgern dominiert sind. In der Regel teilen sich drei Preisträger die dotierte Geldsumme, in diesem Jahr 315 000 US-Dollar. Seit 1982 wird üblicherweise auch ein undotierter Ehrenpreis vergeben.

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