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Der Problemmann

Rollenbilder aller Geschlechter stehen zur Diskussion. Doch viele Männer verharren im Gestern. Wie finden sie zu einer neuen Rolle im gesellschaftlichen Wandel?

  • Von Tim Zülch
  • Lesedauer: 7 Min.

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Empirische Untersuchungen kann man so oder so interpretieren. Die von Carsten Wippermann im März dieses Jahres vorgestellte Gleichstellungsstudie im Auftrag des Bundesministeriums die Familien, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) zeigt in der offiziellen Rezeption einen deutlichen Wandel der Rollenbilder bei Männern. Familienministerin Manuela Schwesig fasste die Ergebnisse folgendermaßen zusammen: »Es hat ein gesellschaftlicher Wandel stattgefunden. Die Mehrheit der Männer ist der Überzeugung, dass in einer Partnerschaft beide berufstätig sein sollten - dieser Anteil ist in den letzten zehn Jahren deutlich gestiegen. Vor allem jüngere Männer finden das Hauptverdienermodell nicht mehr attraktiv.« Alles in Butter, könnte man meinen.

Doch weiter unten im Text der Studie kommen erstaunliche Ergebnisse zum Vorschein. Bei der Frage nach der sympathischsten Eigenschaft für Männer antworten 60 Prozent der Männer (sowie 58 Prozent der Frauen) ganz traditionell »Die Familie gut versorgen«. Auch in der Praxis scheint es mit der Berufstätigkeit beider Partner nicht so rosig auszusehen. Vielmehr gibt es offensichtlich gravierende Probleme. So sehen 49 Prozent aller erwerbstätigen Männer »hohe Hürden«, Familie und Beruf zu vereinbaren. Bei Männer mit mehreren Kindern sind es sogar 84 Prozent.

Auch die gesellschaftlichen Rollenbilder sind, liest man die Studie weiter, alles andere als progressiv. Ein (mehr oder weniger) traditionelles Männerbild ist demnach für 66 % der Männer das dominante Leitbild. Sogar die Hälfte der Frauen findet ein traditionelles Männerbild attraktiv. Und es wird noch kruder: Mehr als jeder vierte Mann (27 %) ist der Meinung, ein »echter«, »richtiger« Mann sei Frauen überlegen. Eine Vorstellung, die sogar 15 Prozent der Frauen teilen.

Viel weiter kann, so scheint es, das Bild, das wir uns von Gesellschaft machen und die Realität nicht auseinander klaffen. Der Autor der Studie Carsten Wippermann fasst die widerstreitenden Ergebnisse folgendermaßen zusammen: »Trotz großer Zustimmung für die Gleichberechtigung und Gleichstellung von Frauen und Männern in der Gesellschaft sind die tief verwurzelten Einstellungen und Sehnsüchte in Bezug auf die Männlichkeit von Geschlechtervorstellungen der Vormoderne und Gegenmoderne geprägt.«

Das Problemgeschlecht

Während die Frauen und der Feminismus seit den Siebziger Jahren treibende Kraft im Wandel der Gesellschaft sind, bleiben die Beharrungskräfte bei Männer in einigen Milieus offensichtlich - trotz teilweiser verbaler Zustimmung zu Gleichstellung und Emanzipation. Die Folgen dieser scheinbaren Modernisierungsverweigerung zeigen sich bereits jetzt in gravierender Weise, wie der Soziologe Walter Hollstein jüngst in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung ausführte: »Jungen sind zum Problemgeschlecht geworden. Gewalt und Ausschreitungen haben signifikant zugenommen. Psychische und psychosomatische Störungen treten bei Jungen sehr viel häufiger auf als bei Mädchen. Der Anteil von Jungen in Förderschulen beträgt zwei Drittel; dreimal so viele Jungen wie Mädchen sind heute Klienten von Erziehungsberatungsstellen. Alkohol- und Drogenprobleme von Jungen nehmen zu; die zweithäufigste Todesursache von Jungen ist der Suizid, wobei sich Jungen mindestens sechsmal häufiger selber umbringen als Mädchen im gleichen Alter.«

Martin Dinges, Professor am Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung (IGM) in Stuttgart sieht männliche Jugendliche »erheblichen Verunsicherungen ausgesetzt«. Mittlerweile würden junge Männer »wieder traditionelle Orientierungen bevorzugen«. Hinzu komme »kompensatorisch inszenierte Hypermaskulinität und Rechtsradikalismus«, sagte er jüngst auf einer Konferenz in Berlin.

Totsaufen ist kein Lösung

Ist es also Zeit, das Augenmerk mehr auf den Mann zu legen? Der Berliner Männer- und Familientherapeut Peter Thiel sagt »ja«, denn er bemerkt ebenfalls eine starke Verunsicherung beim angeblich starken Geschlecht: »Männer als fühlende Wesen sind in der Politik eigentlich nie behandelt worden, sie kamen nicht vor. Das ändert sich erst langsam.« So gebe es erst seit einigen Monaten im Ministerium für Frauen, Senioren, Familie und Jugend eine Arbeitsgruppe, die sich speziell mit Männern beschäftige. Die »Brigitte«-Studie vom Sommer dieses Jahres legt nahe, dass die Politik vermehrt Anreize schaffen muss, um Familien partnerschaftliche Arbeits- und Erziehungsmodelle zu ermöglichen. Die Autoren fassen zusammen: »Bei der Vereinbarkeit von Job und Kind treten wir auf der Stelle.« Wobei gleichzeitig der Druck auf Frauen und Männer zunehme, da 85 Prozent der Frauen und 72 Prozent der Männer sagen, dass sie heute mehr als früher unter dem Druck stehen, alle Ansprüche unter einen Hut zu bekommen. Am zufriedensten mit ihrer Situation sind, laut Studie, »Hausfrauen und Vollzeitmütter«.

Der Weg zu einem partnerschaftlichen und gleichberechtigten Arbeits- und Familienmodell ist kein Selbstläufer, es braucht - neben markigen Forderungen - Anreize und Hilfen. Doch bei der Frage, welche konkreten Anreize und Hilfen sinnvoll wären, herrscht in der öffentlichen Debatte weitgehende Ideenlosigkeit. Positiv hervorgehoben wird immer wieder die Einführung der Papa-Monate beim Elterngeld 2007. »Das Elterngeld für Väter einzuführen war damals ein immenser Schritt, ja, ist eine Art Kulturwandel gewesen«, bestätigt Klaus Schwerma vom Bundesforum Männer. Das Bundesforum Männer gründete sich 2010 und fungiert unter anderem als »männerpolitischer Ansprechpartner« für die Politik. Die positive Funktion der Vätermonate beim Elterngeld unterstreicht auch Andreas Goosses, Psychotherapeut und Gründungsmitglied des Bundesforums Männer. Aber vor allem sei es wichtig, »überhaupt erstmal Beratungsanlaufstellen für Männer zu implementieren. Es ist leider so, dass Männer sehr lange auf der Suche sind, bis sie wirklich Anlaufstellen finden, wo sie eine professionelle Beratung erhalten«, so Goosses.

Diese Erfahrung hat auch Peter Thiel gemacht, der eine Männergruppe in Berlin anbietet. Viele Männer kämen viel zu spät in seine Männergruppe oder in eine Beratung. Er formuliert übliche Krisenlösungsstrategien von Männern: »Entweder gegen einen Baum fahren oder auf den Dachboden gehen und sich einen Strick um den Hals legen, sich totsaufen, …«

Männergruppen

Im Zentrum für experimentelle Gesellschaftsgestaltung (ZEGG), 80 Kilometer südlich von Berlin, treffen sich im November rund 30 Männer zum sogenannten Männer-Jahrestraining. Isomatten liegen in einem großen Kreis, auf der Bühne ist ein kleiner Altar aufgebaut. Kolja Güldenberg und Sharan Thomas Gärtner leiten das Training. Hier nehmen Männer teil, die sich entweder in einer Krise fühlen oder einen besseren Zugang zu ihren Gefühlen bekommen wollen, um sich und andere besser zu verstehen. Vier Mal im Jahr findet das Training in aufeinander aufbauenden Seminaren an unterschiedlichen Orten statt. Jedes Mal steht ein anderer sogenannter Archetyp des Mannes im Mittelpunkt der Betrachtung. »Der Heiler«, »der Krieger«, »der Liebhaber« und »der König«. Gärtner erklärt die Idee dahinter: »Wir nehmen diese Archetypen als Anlass, bestimmte Themen sich anzuschauen. Es fängt an mit den Themen, die man aus der Kindheit mitbringt, bis hin, wie es mir in der Beziehung geht, mit Frauen, mit meiner Vaterschaft und wie ich mich mit anderen Männern fühle.«

Männerinitiation. Eine Methode, die in der Männerarbeit mehr und mehr Verbreitung findet und seit den 90er Jahren an Beliebtheit gewinnt. Schwitzhüttenrituale in freier Natur, Mountainbiken über die Alpen, Schmieden von Messern, Selbstfindung auf dem Sinai - angeboten wird vieles, was Eindruck macht und oft auch viel Geld kostet.

Väterrechte umsetzen

Wie auch immer der Weg zur Emanzipation der Männer aussieht, unvermeidlich scheint, dass sie sich selbst auf den Weg machen müssen, um eine Vorstellung von sich selbst und der Gesellschaft, in der sie, gleichberechtigt mit den Frauen, leben wollen, zu entwickeln. Denn wer sich als Mann den Zugang zu seinen Gefühlen erschließt, kann nur gewinnen, meint Björn Süfke, Männertherapeut und Buchautor aus Braunschweig: »Was können Sie gewinnen wenn Sie sich mit sich selbst auseinandersetzen? Das ist ganz einfach - Sie haben buchstäblich ein eigenes Selbst zu gewinnen. Das ist jede Auseinandersetzung wert.«

Carsten Wippermann hat in seiner Studie immerhin einen deutlichen Wunsch der Männer herausgeschält, an der Entwicklung von Gleichstellung in der Gesellschaft mitzudenken und mitzuarbeiten. Er schreibt: »60 % aller Männer (sind) der Ansicht, dass sich Gleichstellungspolitik noch nicht ausreichend mit den Bedürfnissen und Anliegen von Männern befasst. (…) Das verlangt, (...) einen eigenen neuen Blick zu entwickeln, für die Bedürfnisse und Anliegen von Männern in ihrer Vielfalt heute.« Zu diesem »neuen Blick« gehört sicher auch, den Männern im Bereich der Väterrechte entgegenzukommen und bestehende Diskriminierungen - beispielsweise beim Sorgerecht für unverheiratete Väter oder bei der Anerkennung des Wechselmodells nach Trennung - weiter abzubauen.

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