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»Piñera wäre ein Risiko für Chile«

Beatriz Sánchez von der Frente Amplio im Gespräch über die Gründe ihres Überraschungserfolgs und die Stichwahl am Sonntag

  • Von David Rojas-Kienzle
  • Lesedauer: 4 Min.

Sie und ihre Partei, die linke Frente Amplio haben sich mit einem Paukenschlag in der Politiklandschaft Chiles etabliert. Sie bekamen im ersten Wahlgang zur Präsidentschaftswahl im November 2017 20,3 Prozent der Stimmen und verfehlten nur knapp die Stichwahl. Auf Anhieb erlangte die FA 20 Parlamentssitze. Worin liegen die Gründe für dieses überraschend gute Wahlergebnis?

Das ist eine gute Frage, aber ich weiß nicht, ob man sie anhand der Wahlen erklären kann. Es gibt in Chile einen relevanten Teil der Bevölkerung, der Alternativen zu den beiden großen Koalitionen sucht. Die denken, dass Chile grundlegende strukturelle Veränderungen braucht. Vor allem seit der Studierendenbewegung 2011 wird der offizielle Diskurs hinterfragt. Nicht nur die Frage, warum Bildung so teuer ist, sondern auch: Warum muss ich mich verschulden? Warum ist die Rente meiner Eltern so niedrig? Dass das Wirtschaftswachstum das Wichtigste sei. Dass wir die Jaguare Lateinamerikas seien. Die FA taucht als Antwort auf diese Entwicklungen in Chile auf. Wir haben es geschafft, das aufzunehmen, was in Chile passiert und diesen Gedanken Ausdruck zu geben.

Die FA strebt an, Politik anders zu machen, weder links noch rechts. Das klingt fast schon nach europäischem Rechtspopulismus.

Wir beschreiben uns selber nicht als weder links noch rechts. Denn es ist doch überall so, dass wenn Leute behaupten sie seien weder links noch rechts, dann sind sie eher rechts (lacht). Wir sagen, dass die Logik von rechts und links ein bisschen überwunden ist. Wobei ich mich als Kandidatin immer als linke Demokratin positioniert habe. Wir haben uns auf Punkte geeinigt, die unabdingbar sind: die Trennung zwischen Geschäft und Politik, eine Verfassunggebende Versammlung, die Menschenrechte.

Die FA hat für den zweiten Wahlgang keine Wahlempfehlung für Alejandro Guillier vom Mitte-links-Bündnis Nueva Mayoría herausgegeben. Warum? Der rechte Sebastián Piñera ist doch ein wesentlich größeres Übel.

Wir als FA werden den Leuten niemals sagen, was sie wählen sollen. Die Leute wissen, für was sie stimmen wollen und wir werden nicht unsere Positionen aufdrängen. Die Wählerstimmen haben keinen Eigentümer. Die Wahl ist uns aber nicht egal. Mir ist es nicht egal, ob Sebastián Piñera oder Alejandro Guillier gewinnt. Sebastián Piñera wäre ein Unheil für das Land. Guillier auf der anderen Seite war zweideutig. Er hat zwar gesagt, dass ihm bestimmte Ideen des FA gefallen würden. Er muss aber ein Signal senden. Nicht an mich, nicht an die FA, sondern an die Leute, die für uns gestimmt haben. Ich selber werde für Guillier stimmen, das heißt aber nicht, dass wir dazu aufrufen.

Sebastián Piñera hat behauptet, es habe im ersten Wahlgang Wahlfälschung gegeben.

Ich glaube, die Rechte ist verzweifelt wie noch nie. Indem er den Wahlprozess infrage gestellt hat, hat er eine Grenze überschritten, die er nicht hätte überschreiten dürfen. Und das nur, um gewählt zu werden! Ein Präsident wie er wäre ein Risiko für Chile!

Wie wird die politische Arbeit der FA in den nächsten vier Jahren aussehen?

Wir werden so oder so Oppositionsarbeit machen. Wir sind ja auch nicht Teil der Nueva Mayoría. Wir haben ein Programm, das eingrenzt, was die Parlamentarier machen werden. Wenn Alejandro Guillier gewählt werden sollte und in eine bestimmte Richtung gehen sollte, hat er 21 Abgeordnete, die ihn unterstützen werden. Das bringt die Nueva Mayoría in eine andere Position. Wenn sie wirklich etwas ändern will, hat sie hier ihre Stimmen. Das ist das, was wir machen werden. Wir werden unserem Programm treu bleiben. Und wir werden uns die nächsten vier Jahre aufs Regieren vorbereiten.

Sie haben angekündigt, mit Ihnen als Präsidentin gebe es eine feministische Regierung. Was bedeutet das?

Die Hierarchien, die es in Chile - wie in anderen Ländern auch - gibt, abzuschaffen. Wir Chileninnen sind Bürgerinnen zweiter Klasse. Als Frau in Chile zu leben, ist sehr schwierig, weil wir in eine Rolle gezwängt werden. Ich habe das auch als Kandidatin gemerkt. Was wir sagen können, wie wir es sagen, wie wir aussehen müssen, wie lang unsere Haare sein sollen, wie wir aussehen, was wir studieren, das alles ist fast vorgeschrieben. Und Männern passiert fast das Gleiche. Das ist eine Rebellion gegen diese klar definierten Rollen. Wenn man sich als Feministin bezeichnet, ist das auch im Interesse der Männer.

Heute wird fast jede Woche eine Frau wegen machistischer Gewalt umgebracht. Das ist nur möglich, weil es diese alltägliche Gewalt gibt, mit all ihren Facetten, die wir überwinden müssen. Auch um ein demokratischeres und weniger ungleiches Land zu werden. Das wäre eine feministische Regierung.

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