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Wenn das erlesene Volk tobt

Christoph Ruf lobt einen Fußballmanager, der Arschlöcher Arschlöcher nennt - und wünscht frohe Weihnachten

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Es ist an dieser Stelle schon häufig über die Grundübel des Fußballs und des menschlichen Zusammenlebens debattiert worden. Und zwar genau in dieser Reihenfolge - wie es sich gehört. Nicht selten wurde dabei im ablaufenden Jahr 2017 der Eindruck erweckt, als sei der Fußball vor allem deshalb in Gefahr, weil Politiker, Funktionäre und andere Unholde Finsteres mit dem Volkssport im Schilde führen. Und natürlich ist es genau so und nicht anders - das nur, falls Sie dachten, dass jetzt eine Generalentschuldigung folgt. Das nun wirklich nicht, wo kämen wir da hin, wenn Kolumnisten und Journalisten nun auch noch den Adenauer machen würden und sich am Ende des Jahres nicht mehr an ihr dummes Geschwätz von gestern erinnern könnten?

Ein Gedanke sollte aber zum Jahresende auch noch mal zu Papier gebracht werden, das nächste Mal, wenn diese Kolumne erscheint, ist nämlich auch schon 2018. Wie wäre es, wenn die Schwachmaten an den Schaltzentralen manchmal auch deshalb so schwachmatig agieren, weil sie vom gleichen Irrsinn befallen sind wie die Basis des Ganzen und eine hektische Dynamik befördern, in der Trainer nach zwei Spielen entlassen werden? Wie die Zuschauer also, die sich ja gerne mal in der Rolle der Unschuldsengel gefallen, die von skrupellosen Managern abgezockt und hintergangen werden. Ein besonders schönes Beispiel kollektiven Schwachsinns lieferten jedenfalls Teile des Publikums von Borussia Mönchengladbach, das damit für die Reaktion eines Funktionärs sorgte, der in den vergangenen Jahren schon so oft durch kluge Ein- und Auswürfe aufgefallen ist, dass man sich allmählich wirklich Sorgen machen muss.

Doch der Reihe nach. Die Spieler der Borussia, die im Übrigen ihr Heimspiel gegen den Hamburger SV am Freitagabend noch verdientermaßen mit 3:1 gewannen, hatten sich dabei eine Torfolge und eine Vorgehensweise einfallen lassen, die vielen Menschen im Nordpark offenbar nicht gefiel. Sie gingen nämlich nicht mit 3:0 in Führung, ehe sie in der 90. Minute ein unwichtiges Gegentrefferchen kassierten. Und als ob das nicht schon Grund genug wäre, das Eintrittsgeld zurückzufordern, wählten die dreisten Spieler auch nicht die ausgeklügelte Taktik, mit dem Ball einfach nach vorne zu rennen, die Gegenspieler über den Haufen zu rennen und - sagen wir mal - 124 zu null zu gewinnen. Nein, sie erdreisteten sich sogar, den Ball hin und wieder quer oder gar zurück zu spielen. Und für so etwas hat man sich aus seiner Düsseldorfer Villa gequält!

Nun kann ein Rückpass ein probates Mittel sein, um auf Lücken zu warten, das Tempo zu variieren, den Gegner herauszulocken. Doch das Volk tobte und pfiff. Wohlgemerkt nicht das Volk, das die negativen Schlagzeilen ansonsten für sich gepachtet haben soll, nicht also die wirklichen Fans im Stehbereich. Sondern das erlesene Volk auf den teuren Plätzen.

Nun also zum Funktionär Max Eberl, den auch der spätere Sieg nicht daran hinderte, seiner Wut über das Colosseum-Publikum vom Circus Maximus am Niederrhein Luft zu machen. »Eine bodenlose Frechheit« finde er es, »eine Mannschaft, die ein hervorragendes Heimspiel macht, bei Rückpässen auszupfeifen.« Zumal es ein 18-Jähriger gewesen sei, nach dessen Rückpass gepfiffen worden sei und zumal Sekunden später fast das Gladbacher 2:1 gefallen sei.

Eberl - und das ehrt den Manager der Borussia nun wirklich - hat nicht nur sportlich-fachlich argumentiert, er hat auch zwischen den Teilen des Publikums unterschieden, die ein Gespür für das Geschehen auf dem Platz haben und dem Verein auch an schlechten Tagen verbunden sind. Und denen, die den Verein einfach als Entertainmentoption sehen. Wörtlich sagte Eberl, der spontan sogar von »Arschlöchern« gesprochen hatte: »Ich rede da nicht von der Nordkurve, sondern von den Zuschauern, die ab und zu mal Fußball gucken wollen. Es geht mir so auf den Sack. Dann sollen sie zu Bayern München gehen, wenn sie immer nur Fußball nach vorne sehen wollen. Oder zu PSG. Darüber beschweren sie sich, weil die zu viel Geld haben, aber dann sollen sie dahingehen.« Recht hat er. Mit jedem Wort. Und keinesfalls hat er irreführende Überschriften verdient, wie sie später in einigen Medien zu lesen waren. »Eberl beschimpft eigene Fans«? Genau das hat er nicht getan. Die eigenen Fans hat er gelobt. Und Arschlöcher Arschlöcher genannt. Alles richtig gemacht also. In diesem Sinne: frohe Weihnachten allerseits ...

ndLive 2018

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