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Weihnachten in Frohnau

Dass es mich an Weihnachten aus dem Wedding nach Frohnau verschlägt, hat mit meiner Freundin Anke zu tun. Dort ist sie geboren und aufgewachsen. Die Christvesper in der Kirche am Zeltinger Platz bedeutet für sie, sich »blicken zu lassen«, was im ländlich scheinenden Frohnau, wo Berlin »die Stadt« genannt wird, von enormer sozialer Bedeutung ist. Die wenigsten lassen sich das Jahr über in der Kirche sehen, aber wer an Weihnachten fernbleibt, der ist verdammt. Der Kirchenbesuch ist wie der Gang über einen Laufsteg, auf dem man sich zu zeigen hat, um so anderen zu zeigen, dass man seiner Verpflichtung nachkommt.

Scheinbar beseelt vom weihnachtlichen Brimborium, gilt die Aufmerksamkeit eher der Frage, ob Familie Müller von nebenan anwesend ist oder die kürzlich Zugezogenen, denen man das allerwichtigste gleich beim ersten Kennenlernen mit auf den Weg gegeben hat. Das kurze Aufstehen, um zu spät Gekommene zum Platz lotsen zu wollen, dient in Wahrheit nur der besseren Übersicht. Man winkt sich zu, ruft was zur Begrüßung, alle wünschen sich »frohe Weihnachten«, und innerlich setzt ein jeder ein Häkchen auf seiner Namensliste oder auch nicht. Wer fehlt, wird bereits bei der Verabschiedung auf dem Vorplatz zum Gesprächsthema. Manche Schwänzer versuchen sich später herauszureden, sie wären zu einer anderen Uhrzeit dort gewesen, aber diese Lüge hat keinen Bestand. Das soziale Netz in Frohnau ist engmaschig, und das Wichtigste, was man von allen Nachbarn weiß, ist, welchen der drei Gottesdienste sie an Weihnachten besucht haben. Es gibt nur zwei Entschuldigungen für das Fernbleiben - Tod oder Wegzug in »die Stadt«.

Ich muss mich diesem Stress nicht aussetzen und Anke eigentlich auch nicht. Wer weggezogen ist, den hat Frohnau vergessen. Bleibt für sie also die Tradition. Mich hat es viele Jahre lang nicht mehr in eine Kirche getrieben und einen Weihnachtsgottesdienst habe ich nie erlebt, denn ich komme aus einer Familie, die Weihnachten irgendwann satt hatte und den 24.12. zu einem ganz normalen Tag umwidmete. Ich schaue mich um, studiere die Gesichter der anderen und male mir aus, wie viel Vermögen sie besitzen. In Frohnau, so glaube ich, gibt es keine Armut und keine Mittelschicht. Manchen sieht man ihre Stellung an, bei anderen wiederum habe ich den Eindruck, dass sie, wie ich, aus »der Stadt« kommen.

Die Predigt ist mir so ungewohnt, dass ich beinahe die Kirche mit einem Kulturort verwechsele und nach jedem Beitrag applaudieren möchte. Ich glaube, dann würden sie mich teeren und federn. Bange wird mir am Ende des Gottesdienstes, als die Kollekte angekündigt wird. Natürlich werde ich etwas in den Beutel tun, aber als prekärer Kleinkünstler, der ich bin, wird es nicht viel sein.

Schließlich stehen wir draußen und gehen zum Auto. Das habe ich hinter mich gebracht, wieder einmal. Jetzt geht es zur Tante nach Zehlendorf. Zur eigentlichen Weihnachtsfeier, und, na ja, später noch zur Mitternachtsmesse.

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