Die Rückkehr der Balladen

Kokott & Georgi

  • Von Thomas Bruhn
  • Lesedauer: 3 Min.

Meine Großmütter liebten es, derweil ich ihnen beim Kochen zusah, mir ihren Kanon der Balladen vom Handschuh bis zum Herrn von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland zu deklamieren. Sie entwöhnten mich so der Märchen, jener Muttermilch der Literatur, und ich konvertierte, noch bevor ich lesen konnte, zum Realismus. Die eine Großmutter rezitierte mit ausladenden Stummfilmgesten in breitem Sächsisch; die andere webte mit spitzem Mund in die klassischen Texte erzgebirgische Worte und Redewendungen und grinste schräg, wenn ich derartiges Tun monierte: Dos ficht de Dichter nit an, die san tot.

Mit den Großmüttern gingen die Balladen. Zwar versuchte die Schule eine Wiederbelebung, aber es fehlten ihr sowohl der Charme als auch die Rezepte der reizenden alten Damen.

Da nun aber Zeiten und Menschen nur so tun, als hätten sie sich gewandelt, bricht sich zuweilen längst Vergessenes Bahn und erinnert daran, dass es in uns Dinge gibt, die bleiben, wie sie die Schöpfung erschöpft hat. Um sich in Erinnerung zu bringen, suchten also die Balladen einen veritablen Sänger, der über einschlägige Erfahrungen verfügt, wenn es gilt, dem Volk Wahrheiten, die es nicht hören will, um die Ohren zu hauen. Die Balladen fanden Ko, auch Jörg Kokott genannt, der die alten Texte erweckte, indem er ihnen Musik einhauchte. Das Ergebnis: ein Album mit dem Titel »Ich werde weiterzieh’n!«.

Zu hören sind auf der CD dreizehn Stücke mit Texten von Goethe, Schiller, Rückert, aber auch von Maiwald, Ernst und Manger. Bis auf die Ballade Nr. 1 von Gerd Püschel, den er nicht auferstehen lassen musste, da er unter den Lebenden weilt, vertonte Ko alle Texte. Die Schwierigkeit besteht bei solcherart Unternehmung darin, einen eigenen Tonfall durchzuhalten und trotzdem nicht zu langweilen. Ko griff also zum Adressbuch und lud drei Kollegen ein: Christian Georgi, der mit Flöten und Saxophonen von Gerhard Schöne bis zu Mikis Theodorakis fast alle Großen der Liederszene schon verzauberte. Bässe, Leier und diverse Klapparatismen spielte Thomas Strauch, und René Pütsch drückte den Dudelsack.

Balladen sind wohl die eingängigsten Gebilde der Dichtung, weil sie, in strenge Form gegossen und mit logischer Abfolge, bemerkenswerte Ereignisse erzählen. In diesem Sinne musiziert das Quartett: Streng am musikalischen Einfall und in der Form bleibend, verzichteten sie auf modischen Schnickschnackschnuck. Wo es sich aber anbot, ein wenig über die Stränge zu schlagen, da langten die Musikanten zu. Sehr schön zu hören, wie sie Old Mendelsohn Bartholdy in den Osterspaziergang bastelten.

Nach den Moralitäten, kurz vor Toreschluss - endlich, bin ich versucht zu sagen - kommt mit Herweghs »Ich will ein braver Bürger werden« Pfeffer an die Scheibe: »Auch ich sprach einst vom Vaterland/ Und solchen sonderbaren Dingen,/ Ich trug das schwarzrotgoldne Band/ Und ließ die Sporen furchtbar klingen.« Ko singt die Zeilen so zart und butterweich, dass der Sarkasmus hinterhältig in die Adern träufelt.

Nun ist es an mir, die Enkel zu entwöhnen. Ich lerne Balladen, aber singend!

Kokott & Georgi: »... ich werde weiterzieh’n!« www.ko-art.de

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