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Ein Riss durch die City West

Die Trauer um die Opfer bestimmt den Jahrestag des Attentates vom Breitscheidplatz

  • Von Stefan Otto
  • Lesedauer: 4 Min.

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Die Holzbuden, an denen es Glühwein und gebrannte Mangeln gibt, stehen wie jedes Jahr auf dem Breitscheidplatz; das benachbarte Europacenter ist mit einem riesigen Geschenkband dekoriert. Doch all dies ist in derzeit lediglich Fassade. Das Einkaufen für das nahe Fest und das unbekümmerte Bummeln über den Weihnachtsmarkt ist in den Hintergrund geraten. Rund um die Gedächtniskirche geht es in diesem Jahr um etwas anderes.

Vor einem Jahr raste der Tunesier Anis Amri mit einen gestohlenen Lkw in eine Marktgasse hinein. Zwölf Menschen starben bei dem bislang heftigsten islamistischen Anschlag in Deutschland. Er glich einer Kriegserklärung an die Bundesrepublik, die fünf Tage vor dem Weihnachtsfest bis ins Mark getroffen wurde. Und nun, nach einem Jahr, bleibt die Frage, welchen Sinn ein Anschlag hat, der so viel Leid nach sich zieht.

Zum Gedenken des Anschlags am Dienstag hat sich eine Trauer über die City West gelegt. Am Breitscheidplatz sind die Buden geschlossen, der ganze Weihnachtsmarkt ist hermetisch abgeriegelt. Überall Beamte mit Maschinenpistolen, Scharfschützen stehen auf dem Dach. Die Einsatzwagen brummen, ansonsten hat sich eine seltene Ruhe über den Platz mit dem vielen Tannengrün gelegt.

Um fünf nach Elf setzt das Glockenläuten ein. In der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche findet eine interreligiöse Andacht statt. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier erinnert in seiner Ansprache an die Toten und Verletzten. »Wir denken an diejenigen, die auf dem Weihnachtsmarkt alles miterlebt haben, die in Todesangst waren und nicht vergessen können, was sie mit ansehen und anhören mussten.« Er räumt in seiner Ansprache auch ein, dass manche Unterstützung für die Betroffenen und Hinterbliebenen »zu spät kam und unbefriedigend blieb«.

Der Bundespräsident nimmt damit die Kritik von den Hinterbliebenen auf, die vor einigen Wochen einen Brief veröffentlichten, in dem sie eine mangelnde Anteilnahme der Bundesregierung bemängelt haben. Sie fühlten sich mit ihren Problemen alleine gelassen, schrieben sie. Erst am Montagabend traf sich Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Hinterbliebenen. Der Opferbeauftragte der Bundesregierung, Kurt Beck, würdigte dieses Zusammenkommen. Einigkeit besteht darüber, dass die Bundesregierung künftig mehr Verantwortung gegenüber Terroropfern übernehmen müsse. Beck regte dazu an, eine eigene Koordinierungsstelle für solche Fälle zu schaffen.

Steinmeier erinnert in seiner Rede auch an den Umgang mit dem Anschlag. Bereits am Abend des 19. Dezember habe es geheißen: »Wir lassen uns nicht einschüchtern.« Diese Aussagen seien stark und richtig, so der Bundespräsident. »Aber so kurz nach dem Anschlag, als die unfassbare Gewalt gerade so in unseren Alltag eingebrochen war, klangen sie nicht mehr nur trotzig und selbstbewusst, sondern auch seltsam kühl und abgeklärt.« Bei den Hinterbliebenen und den Verletzten habe dies Unverständnis hervorgerufen, bemerkt Steinmeier.

Im Anschluss an die Andacht eröffnet Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) die Gedenkstelle vor der Kirche. Bei den Hinterbliebenen ist der Entwurf des 17 Meter langen Risses aus Bronze, der in die Gehplatten und Treppen eingelassen wurde, durchweg auf Zustimmung gestoßen. Mit dem Riss haben die Architekten sich an die japanische Kingsugi-Technik erinnert. Dabei wird zerbrochene Keramik mit Gold wieder zusammengefügt - Beschädigungen werden damit nicht geleugnet, sondern mit vielmehr mit einem edlen Material sichtbar gemacht. Das letzte Stück des Risses ist erst am Dienstag fertiggestellt worden. Hinterbliebene haben dafür in die 1100 Grad heiße, flüssige Kupfer-Zinn-Legierung 22-karätiges Gold hineinrieseln lassen.

Die Namen der zwölf Opfer sind auf den Treppenstufen zur Gedächtniskirche versetzt eingelassen worden. Vor jedem Namen kann man stehenbleiben wie vor einem persönlichen Grab.

Noch Stunden später hat sich eine Menschentraube vor den Stufen versammelt. Weiße Rosen liegen vor den Namen, Grablichter brennen. Fotos einiger Opfer stehen daneben. Steinmeier, Merkel und Müller sind schon lange weg, die Polizei hat abgerüstet.

Im Gedächtnis von diesem Jahrestag bleibt, dass Müller die Hinterbliebenen für die Versäumnisse des Staates um Verzeihung gebeten hat. An weihnachtliche Stimmung ist aber nicht zu denken. Die Wunde, die der Anschlag hinterlassen hat, ist noch immer da. Und auch die Frage, warum die islamistische Gewalt sich immer wieder gegen Unbekannte richtet, wenn doch eigentlich der Staat gemeint ist.

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