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Seid nett zueinander!

Der Berliner Autor Flix hat erneut eine Sammlung seiner Zeitungscomics veröffentlicht

  • Von Ralf Hutter
  • Lesedauer: 4 Min.

Ein aufgewecktes Mädchen zieht mit seinem Vater aufs Land. Dort läuft ihnen ein dreibeiniger Waschbär zu, den die Kleine sofort ins Herz schließt und der sogar mit ihr spricht. Sie kann ihren Vater überzeugen, ihn zu behalten. Obwohl der lustige Racker immer wieder etwas anstellt, hilft er den beiden, den Verlust der Mutter zu verkraften. Das klingt nach dem Gerüst für einen Aufsatz einer Grundschülerin und somit nicht gerade reizvoll für einen Zeitungscomic. Doch »Glückskind« ist das fortlaufende Werk eines der besten deutschen Comic-Zeichner, mal witzig, mal rührend, und angelehnt an einen Klassiker. Seit Herbst 2015 veröffentlicht der Berliner Comic-Autor Flix diesen »Strip« (der typische Zeitungscomic ist ja ein Streifen, dieser hier nicht) wöchentlich in der »FAZ«. Nun gibt es ein Buch mit den ersten rund 100 Folgen der weiter erscheinenden Reihe. Flix bleibt mit diesem Werk seinem Stil und seinen Inhalten treu, nimmt aber starke Anleihen bei Bill Wattersons »Calvin & Hobbes«.

Der US-Amerikaner Watterson schuf den ewigen Erstklässler Calvin als wandelnden Gegensatz zur Welt der Erwachsenen - einerseits stets auf Schabernack aus und voller kindlicher Fantasie, andererseits immer wieder quasi-philosophischer Gesellschaftskritiker. So ist auch Josi Glück konstruiert, Flix’ »Glückskind«, das noch nicht mal zur Schule geht (übrigens auch nicht in den Kindergarten). Die zweite Hauptfigur des in den 1980ern und 1990ern im Original erschienenen, aber bis heute von der einen oder anderen deutschen Zeitung übernommenen »Calvin & Hobbes« ist ein Stofftiger, der immer dann, wenn kein anderer Mensch da ist, zum echten Tiger und einzigen Freund Calvins wird. Bei Flix übernimmt diese Rolle der Waschbär Rocco, der nur mit Josi spricht. Der Berliner bedient sich auch weiterer Elemente seines Vorbilds. »Glückskind« erreicht zwar (bisher) meist nicht dessen Kritik-Niveau, wodurch es mehr zur Kinderlektüre taugt, enthält aber einen zentralen Aspekt, den es bei »Calvin & Hobbes« nicht gibt: zwischenmenschliche Harmonie.

Der Sinn für Intimbeziehungen ist Flix’ Markenzeichen. Sein Zeitungscomic vor »Glückskind« war die monatliche, fast seitenfüllende und prämierte Reihe »Schöne Töchter«, die von 2010 bis 2015 im »Tagesspiegel« erschien und danach gesammelt als großformatiges Buch. Darin geht es jedes Mal neu um Liebesdinge, fast immer mit Fokus auf (mehr oder weniger gutbürgerliche) Frauen.

Gibt es also in Deutschland jemanden, der in Comics öfter zwischenmenschliche Zuneigung in Szene setzt als Flix? Im Gespräch weicht der Künstler der Frage aus, sagt aber, die »FAZ« habe sich mit seiner aktuellen Reihe »einen eher humanistischen Strip geleistet«. Der zuständige Redakteur habe gewusst, warum er Flix anfragte. Hat Flix also ein eher humanistisches Image? Der Zeichner bejaht: »Mein Grundthema ist Menschlichkeit. Ich will zeigen, wie wir miteinander umgehen könnten.« Gerade angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen wolle er den Leuten zurufen, sie sollten nett zueinander sein.

Wenn in »Glückskind« die Begriffe »Willkommenskultur« (als der Vater zu Beginn den Waschbär nicht aufnehmen will) und »Lügenpresse« vorkommen, wirkt das zwar erzwungen. Aber normalerweise ist Flix textlich souverän. »Glückskind« bietet dieselbe Mischung, die Flix dem von ihm geliebten »Calvin & Hobbes« attestiert: eine Verbindung von Menschlichkeit, Philosophie und Humor.

Felix Görmann, wie der 1976 geborene der Autor mit bürgerlichem Namen heißt, hat selbst zwei kleine Töchter. Aber nur »vereinzelt fußen die Strips auf einer selbst erlebten Familiensituation«, sagt er. Berliner Einflüsse gebe es jedoch durchaus: »Wir haben einen Schrebergarten, in dem ich mich sehr wohlfühle.« Das bezieht sich darauf, dass »Glückskind« abseits einer größeren Siedlung spielt. Zudem, berichtet Flix, habe er kurz vor Beginn der Reihe in einer Zeitung gelesen, dass die Waschbären in Berlin immer zahlreicher und deshalb zu einem Problem wurden. Ein Schrebergarten-Nachbar habe ihm gesagt, die Tiere seien auch dort. Dazu das verstärkte Ankommen von Flüchtlingen 2015 - also entstand die Idee des zugelaufenen Waschbärs.

Flix’ nächstes Buch soll ein ganz besonderes werden - und eines mit viel Berlin drin: Als erster Deutscher darf er ein Heft der altgedienten französischen Reihe »Spirou & Fantasio« entwerfen und zeichnen - »die lustige Variante von ›Tim und Struppi‹«, wie er selbst sagt. Damit ist er derzeit schwer beschäftigt.

Das entstehende »Spirou in Berlin« beschreibt der Autor so: »James Bond trifft ›Das Leben der Anderen‹.« Die Handlung mit den vorgegebenen Figuren der Reihe soll vor dem Fall der Mauer spielen - das klingt ein bisschen reißerisch, ist aber dem Umstand geschuldet, dass das Heft für den französischen Markt konzipiert ist. Da die Spirou-Reihe immer recht wahnwitzig ist, soll nun der Wahnsinn von Ost-Berlin sichtbar werden. Das klingt spannend. Leider wurde der Veröffentlichungstermin verschoben. Frühestens im Spätsommer 2018 wird der Band erscheinen, sagt Flix.

Flix: Glückskind. Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Carlsen, 96 S., s/w, geb., 19,99 €.

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