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Wenn das Gewissen zweimal klingelt

Auch vor dem Boom von Amazon und Ebay waren Paketzusteller schon schlecht bezahlt, sagt Katharina Nocun. Unternehmen schieben die Digitalisierung nur vor, um Ausbeutung als Notwendigkeit zu verkaufen.

  • Von Katharina Nocun
  • Lesedauer: 3 Min.

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Ich bekenne mich schuldig. Schuldig, weil mir der Gedanke an Weihnachtseinkäufe den Angstschweiß auf die Stirn treibt. Schuldig, weil ich nichts mehr hasse als nach gebrannten Mandeln und Bratwurst riechende verstopfte Einkaufsstraßen. Schuldig, weil sich in meinem Wohnzimmer Pakete stapeln.

Lieferdienste drängen sich weihnachtsgestressten Haushalten geradezu auf. Online ist jeder Sonntag verkaufsoffen. Fleurop liefert Weihnachtsbäume komplett geschmückt wahlweise in »Gold-Champagner« oder »Silber-Weiß«. In Berlin können sich Kunden von »Amazon Prime Now« sogar hässliche Weihnachtssweater innerhalb von Stunden an die Haustür liefern lassen. Meine Gewürzspekulatius und den Weihnachtsbraten gäbe es bei Edeka und Rewe im Onlineshop. Die Versuchung wäre groß, gleich noch ein paar Kästen Wasser und Bier in den virtuellen Einkaufskorb zu packen. Nach Weihnachten steht schließlich auch schon Silvester vor der Tür.

Ganz so schlimm ist es bei mir dann doch nicht. Aber ich kann nicht leugnen, dass der Postbote in der Vorweihnachtszeit deutlich öfter als zweimal bei mir klingelt. Das Fest der Liebe markiert den jährlichen Höhepunkt meiner Bestellfrequenz.

Aber auch den Rest des Jahres übe ich keinen Verzicht. Bei Second-Hand-Kleidung und -Büchern kann ich nicht widerstehen. Das Internet ist für beides der ideale Jagdgrund. Darüber, wie der ökologische Fußabdruck eines gebrauchten, aber dafür quer durch die Republik gelieferten Wintermantels aussieht, ließe sich noch streiten. Dass mein Paketzusteller viel zu wenig verdient, ist hingegen unbestreitbar. Machen wir uns nichts vor, die Einführung des Mindestlohns war für viele Zusteller ein Grund zum Feiern. Und das, obwohl 8,84 Euro hinten und vorne nicht reichen und viele in der Rente trotzdem werden aufstocken müssen. Neue »flexible« Arbeitsmodelle wie »Amazon Flex« sind sogar dazu geeignet, selbst diesen erbärmlichen Mindeststandard auszuhebeln. Fahrer müssen mit eigenem Smartphone anrücken. Ein eigenes Fahrrad oder Auto sind Voraussetzung dafür, um per App von Auftrag zu Auftrag gelotst werden zu können. Weder eine Verschleißpauschale noch Reparaturen werden bezahlt. Garantien für eine Mindestzahl von Aufträgen gibt es nicht. Im Silicon Valley werden solche Arbeitgebermaschen gerne als »Gig Economy« verniedlicht. Dabei ist das Prinzip Ausbeutung älter als die Industrialisierung.

Entlang der Lieferkette unserer Geschenke tun sich Abgründe auf. Der Krankenstand in Amazon-Lagern ist hoch. Am Lieferfließband wird jede Handbewegung überwacht. Zur Cyber-Monday-Woche wurde in Amazon-Lagern gestreikt. Die bescheidene Forderung: tarifvertraglich garantiertes Urlaubsgeld. Geiz ist eben nicht geil, wenn der Amazon-Aktienkurs gleichzeitig auf ein Allzeithoch zusteuert. Streiks wie diese sind genauso notwendig, wie aus Protest öffentlichkeitswirksam vor der Deliveroo-Zentrale abgeladener Fahrradschrott. Wer seine Angestellten auspresst, hat es nicht anders verdient.

Die Digitalisierung wird von Unternehmen gerne vorgeschoben, um Ausbeutung als vermeintlich technikgegebene »Disruption« zu verkaufen. Dabei ist es nicht die Digitalisierung, die Arbeitnehmerrechte unter Druck geraten lässt. Vor Amazon und Ebay waren Paketzusteller auch schon schlecht bezahlt. Pizzalieferanten hofften schon in den 80ern auf Trinkgeld. Auch sie bekamen keine Verschleißpauschale. Heute gibt es dank Onlinehandel nur mehr Zusteller als jemals zuvor. Unternehmen entscheiden darüber, welche Belastungen sie ihren Mitarbeitern zu welchem Stundenlohn zumuten. Und nicht »die Digitalisierung«. Amazon steht heute finanziell so gut da wie nie zuvor. Es ist nur fair, wenn Arbeitnehmervertreter ihren Teil einfordern.

Es wäre naiv, auf die Nächstenliebe von Konzernen zu setzen. Was wir brauchen sind verbindliche Mindeststandards. Politik und Gewerkschaften sind hier in der Pflicht. Unsere Pflicht ist es jedoch, diese Anliegen zu unterstützen. Auch wenn das bedeutet, dass unsere Geschenke nicht rechtzeitig ankommen. Und wir uns nach Alternativen umsehen müssen. Der 4. Advent ist angebrochen. Höchste Zeit, unseren gestressten Paketzustellern Trinkgeld in die Hand drücken und zu sagen: »Wenn ihr für mehr Geld streikt, habt ihr unsere volle Unterstützung. Frohe Weihnachten.«

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