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Anziehend und abstoßend

»Dope« erzählt den Drogenhandel aus Sicht von Dealern, Konsumenten und Polizisten

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Das Drogengeschäft hat wie so vieles, was im Grunde abstoßend ist, enorme Anziehungskraft. Vor Entsetzen gebannt sah das Publikum einst in »Braking Bad« Walther White dabei zu, wie der Chemielehrer zum Methkönig aufstieg. Mit vergleichbarem Thrill verfolgte es die Serienversion des wahrhaftigen Pablo Escobar in »Narcos«, bevor Netflix in Joaquín »El Chapo« Guzmán den nächsten Rauschgift-Milliardär zum Filmhelden erkor. Der Sog des Abgrunds macht sogar die Protagonisten der deprimierenden Mafia-Saga »Gomorrha« unterhaltsam. So real die Grundlagen der Erzählungen auch sind - am Ende ist es ja doch Fiktion und damit, nun ja, weit weg.

Sehr nah ist dagegen die neue Netflix-Produktion narkotischen Inhalts, obwohl der Titel eher Assoziationen an leichte Fernsehunterhaltung mit schwerem Wesenskern weckt. »Dope« jedoch ist reine Wirklichkeit in ihrer rauesten Form. Ab heute handelt sie nicht von fantasievoll kreierten Clans und denen, die ihr Zeug mit Witz, Drama oder beidem herstellen, verkaufen, konsumieren. Es geht um eine Dystopie von erschreckender Aktualität. Denn »Dope« schildert den tagtäglichen Kampf einer zusehends drogensüchtigen Nation gegen sich selbst - und das aus ungewöhnlicher Perspektive.

Die dokumentarische Langzeitbeobachtung zum passenden Soundtrack aus Gangsta-Rap und Einsatzgeräuschen taucht nicht nur tiefer ein ins Milieu von Verkäufern, Abhängigen und Polizei als vergleichbare Formate; sie überwindet jede Distanz zum Berichtsgegenstand, ohne sich damit gemein zu machen. Ihre Augen sind unsere Augen, ihre Sicht wird Zuschauersicht. Und das Ergebnis dieser Grenzverschwimmung, eingefangen gern im Guerillastil zappelnder Handkameras, malt ein irritierendes Bild der USA im »War on Drugs«, wie ihn noch jeder Präsident der vergangenen Jahrzehnte ausgerufen hat.

Der Drogenkrieg ereignet sich nämlich nicht am Rande der Gesellschaft, sondern mittendrin. Und er gehorcht dabei weniger den Regeln krimineller Milieus als marktwirtschaftlichen. »Sie machen ihren Job«, sagt ein Dealer übers Ringen mit der Polizei, »und ich mache meinen.« Als verkaufe er Pommes oder Socken. Damit allerdings würde er keine 20 000 Dollar die Woche einnehmen, wie einer seiner Kollegen mit lässigem Paisley-Tuch vorm Gesicht erzählt.

Von Aufputschmitteln bis MDMA, von Psychopharmaka bis Meth - der Bauchladen aus Hasch, Koks, Heroin ist im Land der unbegrenzten Rauschmöglichkeiten längst zum Supermarkt der Bewusstseinsveränderung angeschwollen. »That’s Americas cup of coffee« wird ein Beutel Amphetamine im englischen Original umschrieben. Und wenn die deutsche Übersetzung den Vergleich mit einer Tasse Kaffee fahrlässig (und falsch) mit »das ist, was Amerika will, Mann« übersetzt, wird zwar klar, dass es sich um eine »Real Crime Doku« im aufdringlichen Fach des »Factual Entertainment« handelt. Doch die übliche Effekthascherei muss nicht künstlich erstellt werden; das Business ist auch ohne Regieanweisungen krass genug.

Und mittendrin Ermittler am Rande der Erschöpfung, die sich bei jedem erwischten Täter »wie Lebensretter« fühlen, zugleich aber nie wissen, ob sie abends in einem Stück nach Hause kommen. Leider hat Netflix vorab nur kurze Trailer der Serie preisgegeben. Doch auch anhand dieser lässt sich sagen: An dieser Sollbruchstelle liberaler Gesellschaften ist »Dope« alles, was uns am Drogengeschäft fasziniert: anziehend, abstoßend, alles zugleich.

Verfügbar auf Netflix

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